Brasilien verspricht die beste WM aller Zeiten. Sechs Stadien müssen aber erst gebaut werden. Die Kosten explodieren. Es ist schleierhaft, wie die Infrastruktur mit dem Event fertigwerden soll
Brasília - Dass in vier Jahren der Weltmeister nur Brasilien heißen kann, steht außer Frage - für die mehr als 190 Millionen Brasilianer sowieso. Die Seleção ist jedenfalls jetzt schon WM-würdiger als das Gastgeberland selbst. "Unglaublich, wie spät Brasilien dran ist" , hatte Jérôme Valcke, immerhin Generalsekretär des Weltverbandes Fifa, vor zwei Monaten festgestellt und das Organisationskomitee zu größten Anstrengungen aufgefordert. "Ihr müsst euch schon ins Zeug legen!"
OK-Chef Ricardo Terra Teixeira (63), mächtiger Präsident des brasilianischen Fußballverbandes CBF sowie ehemaliger Schwiegersohn des Fifa-Ehrenpräsidenten João Havelange, beschwichtigte Valcke. Und Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva prophezeite gleich die "beste WM, die dieser Planet je gesehen hat" .
Allerdings hat die Fifa bisher nur sechs der zwölf von Brasilien vorgeschlagenen Stadien gutgeheißen - jene in Belo Horizonte, Brasília, Cuiabá, Curitiba, Manaus und Porto Alegre. Aber auch in diesen Städten gibt es große Probleme, vor allem natürlich mit der Finanzierung.
Der Neubau oder die Renovierung der Arenen stehen auf einer Liste von insgesamt 86 WM-Projekten, für die die Regierung 13,2 Milliarden Dollar bereitgestellt hat. Allein die Kosten für die Renovierung des legendären Maracanã in Rio de Janeiro, wo am13. Juli 2014 das Endspiel stattfinden soll, sind mittlerweile auf 400 Millionen Dollar gestiegen. Die größten Probleme gibt es aber mit São Paulo, das die größte Stadt des Landes und sein wirtschaftlicher Motor ist. Das Morumbi, Stadion des sechsmaligen Meisters FC São Paulo, ist wie zwei weitere der zwölf WM-Arenen in privater Hand. Umgerechnet 287 Millionen Euro werden benötigt, um es für das Eröffnungsspiel in Schuss zu bringen.
Doch die Stadt verweigert dem FC São Paulo finanzielle Garantien. Der Klub will sich nicht verschulden und bevorzugt eine kleine, umgerechnet 128 Millionen Euro teure Lösung. Das hieße aber kein Eröffnungsspiel in São Paulo und keine Spiele ab dem Viertelfinale. Teixeira graut schon vor der Vorstellung, "dass die WM ohne São Paulo stattfindet" .
Mit der Ausweitung auf zwölf Austragungsstätten wollen die Veranstalter den Fußball in alle Winkel des Landes bringen. Die fünf Großregionen haben mindestens einen Vertreter. Doch Manaus, die Stadt am Amazonas im Norden, und Cuiabá, das Tor ins Pantanal-Gebiet im Zentralwesten, sind ohne Team in den obersten beiden Profiligen. Die Stadien stünden nach der WM leer.
Die Arbeiten am Nationalstadion in Brasília wurden noch nicht einmal begonnen, der Bau der Arena Capibaripe in Recife stagniert. In Natal wird für die Arena das Dunas gerade erst die Erde geebnet. Und in Manaus und Cuiabá werden derzeit noch die alten Stadien abgetragen, um Platz für die neuen zu schaffen.
Ganz abgesehen davon stoßen die Flughäfen des Landes jetzt schon, ganz ohne WM, während der Ferien an die Grenzen der Belastbarkeit. Laut einer Studie operierten die Airports für zehn der zwölf geplanten Austragungsstätten im Jahr 2009 über ihrer Kapazität. Ohne Flughäfen ist die WM aufgrund der Dimensionen des Landes zum Scheitern verurteilt.
Schon denkt die Fifa über eine Adaptierung des Spielplans nach. Zumindest für die Vorrunde ist die Konzentration auf vier Regionen denkbar, um die Reisezeit zwischen den Spielorten auf ein bis zwei Flugstunden zu begrenzen. (sid, lü, DER STANDARD Printausgabe, 12.7.2010)