Zeugnis für Lehrer: Sie sind engagiert und erziehen zu Kritik
Wien - Wenn's politisch wird, dann ist die Sache schon verfahren: Fragt man die Österreicher nach der Gesamtschule oder etwas, was auch nur im Entferntesten so klingt, dann bekommt man lange eingeprägte Antworten. Deshalb hat DER STANDARD gemeinsam mit dem Linzer Market-Institut im Juni eine Bildungsumfrage gemacht, bei der politische Einschätzungen ausgeklammert geblieben sind. Es zeigte sich, dass die Frage, in welchem Alter die erste wichtige Bildungsentscheidung fallen sollte, von zwei Dritteln der Befragten "etwa mit 14, also nach der Hauptschule oder der Unterstufe" gegeben wird.
Diese Antwort kommt von Eltern schulpflichtiger Kinder mit einer ähnlichen Deutlichkeit wie von älteren oder jüngeren Befragten. Politisch könnte man das als klare Zustimmung zur Gesamtschule werten, meint Market-Chef Werner Beutelmeyer. Er verweist darauf, dass beinahe jeder vierte Befragte sogar eine Gesamtschule bis 18 befürwortet - also eine "Matura für alle", wie sie von Unterrichtsministerin Claudia Schmied als Langfristziel angestrebt wird.
Aber so einfach ist das nicht. DER STANDARD ließ nämlich in derselben Umfrage auch erheben, was von der viel politischer klingenden Forderung gehalten wird, die Wissenschaftsministerin Beatrix Karl in die Diskussion gebracht hatte: "Es hat ja kürzlich einen Vorschlag gegeben, dass alle Kinder zumindest eine gewisse Zeit, also bis sie etwa 14 sind, ins Gymnasium gehen sollten. Was meinen Sie: Ist das eher eine gute Idee oder halten Sie von diese Idee eher nicht so viel?" Und da sagte ein Teil derselben Befragten, die eben noch die Entscheidung über den Bildungsweg auf 14 oder sogar 18 Jahre anheben wollten, dass sie von der Idee nicht so viel halten. Beim "Gymnasium bis 14" wollen nur 46 Prozent mitziehen, ebenso viele sind dagegen.
Matura reicht nicht
Überhaupt das Gymnasium! Kann das heute noch leisten, was es verspricht - nämlich die Hochschulreife zu gewährleisten? DER STANDARD ließ fragen: "Da gibt es ja zwei Meinungen: Die einen sagen, dass die Matura für die Hochschulreife ausreicht und jeder das Studium wählen kann, das ihn oder sie interessiert. Die anderen sagen, dass die Matura nur eine Grundvoraussetzung ist und dass generell überprüft werden soll, ob jemand für das jeweilige Studium geeignet ist. Was meinen Sie?" Darauf sagten 59 Prozent, dass die Matura nur Grundvoraussetzung ist, dass aber die Studierfähigkeit eigens geprüft werden sollte.
Und was passiert, wenn jemand zu früh auf die "falsche" Schule geschickt wurde? Bildungspolitiker predigen gerne die "Durchlässigkeit des Schulsystems" - dass es etwa problemfrei möglich sei, von der Hauptschule in eine AHS zu wechseln. An diese Durchlässigkeit glaubt aber nur jeder zweite Befragte. 44 Prozent meinen: Eine falsche Bildungsentscheidung hängt einem ein Leben lang nach. Besonders Männer und Angehörige der obersten Einkommensschicht teilen diese Vermutung. Wer selber noch in Ausbildung ist, neigt eher dazu, an eine zweite Chance zu glauben.
Andererseits: Man lernt ja nicht für die Schule, sondern für das Leben. Und da kommt es darauf an, welche Bildungsziele die Lehrer vertreten. Hier zeigt die Umfrage (und die Grafik), dass die Lehrer gute Noten bekommen - gerade jene, die noch in Ausbildung sind, aber auch Eltern von Schulkindern erinnern sich bei den eigenen Lehrern vor allem daran, dass sie zu Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit erzogen haben. Es sind vor allem ältere und weibliche Befragte, die sich zur Anpassung erzogen fühlen.
Generell werden die heutigen Lehrer im Vergleich zu früheren Lehrergenerationen als engagierter (16 Prozent) oder zumindest gleich engagiert (37 Prozent) eingeschätzt. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2010)