Das riesige Land steht nach der WM an der Schwelle zu einer weltpolitischen Rolle
Jede Fußball-WM hat wie Olympische Spiele einen klaren Ablauf - getragen von den sportlichen Leistungen und von der Organisationskraft ihrer Leitungsgremien (Fifa und IOC).
Doch nie war die Angst vor einem Chaos oder vor Unruhen so groß wie im Falle Südafrikas. Die hohe Kriminalität, die fragile Sicherheitslage und grassierende Korruption prägten die mehrheitlich pessimistischen Einschätzungen vor Beginn der WM. Zu Recht.
Nicht wenige Kommentare aber waren von simplen Vorurteilen beeinflusst. Spiele in China, das konnte nur gutgehen - eine durchgehende autoritäre Organisation, fleißige Leute, tüchtige Manager. Aber eine WM in Südafrika? Schlampige Schwarze, schwer erkennbare Verantwortungen, seltsame Kulturen. Das werde in einem Chaos münden.
Das Gegenteil ist eingetreten. Südafrika tickt anders, vor allem für jene europäischen Gehirne, die dieses Land überhaupt nicht oder nur von Besichtigungen der südlichen Weinlandschaften und der Wildtier-Farmen kennen. Der Traum Nelson Mandelas, über eine Fußball-WM nicht nur die innere Solidarität des Landes zu steigern, sondern auch seine Leistungskraft der ganzen Welt zu zeigen, ist zweifellos geglückt.
Gleichzeitig dürfte eine Wandlung im Blick auf den afrikanischen Kontinent eingetreten sein:Es gibt nicht ein Afrika, sondern mindestens drei. Zunächst der muslimische, teils arabische Norden - ohne Ägypten, das zum Nahen Osten gehört. Dann die schwarzafrikanische Mitte, deren Fußballstrukturen von der Korruption fast zerfressen werden und wo mit Ghana ein Land am weitesten kam, das auch die relativ beste Demokratie der Zone hat. Schließlich der Süden mit dem von Robert Mugabe fast zerstörten Simbabwe, mit Mosambik, Namibia und anderen.
Das multiethnische Südafrika hat hier schon seit dem Sturz des Apartheid-Regimes eine führende Rolle gespielt. Jetzt ist es gefestigt, und seine politischen Führer können, wenn sie wollen, vor allem gegenüber Mugabe die Erfolge des historischen Kompromisses ins Treffen führen.
Dieses riesige Land steht nach der WM an der Schwelle zu einer weltpolitischen Rolle - die es aber nur dann ähnlich wie Brasilien nutzen kann, wenn mindestens zwei Bedingungen erfüllt werden:
1.) Wenn der erfolgreich bestandene Stresstest sowohl zu sozialen als auch zu politischen Fortschritten führt.
2.) Wenn man in Sachen Simbabwe mit der EU auf einer Linie vorgeht und die Opposition gegen Mugabe stützt.
Umgekehrt sollte die Europäische Union (so wie es asiatische Staaten mit Sicherheit tun) den positiven Effekt dieser WM und das gestiegene Selbstbewusstsein der Südafrikaner nutzen. Sie stärker einbeziehen bei internationalen Projekten - der Rolle entsprechend, die z. B. Südafrikas Kirchen spielen.
Die Rolle der Medien: Der ORF hat mit seinen Sozial- und Kulturreportagen mitten in den Sportsendungen gezeigt, wie man die Komplexität eines Landes einem Massenpublikum näherbringt. der Standard hat seriell das "andere" Südafrika gezeigt. Diese Ambition sollte nicht verlorengehen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2010)