Katalonien will nicht mehr für arme Spanier zahlen

11. Juli 2010, 18:43

Demonstration in Barcelona gegen Entscheid des Verfassungsgerichtes - Auch Regierungschef Montilla dabei

Über eine Million Menschen gingen am Wochenende in Barcelona auf die Straße. Sie forderten mehr Rechte für Katalonien. Viele wünschen sich die reiche Region im Norden Spaniens sogar als unabhängigen Staat.

*****

Es war eine der größten Demonstrationen, die Barcelona je gesehen hat. Zwischen 1,1 und eineinhalb Millionen Menschen demonstrierten am Samstag. "Wir sind eine Nation. Wir entscheiden" , lautete das Motto des Protestzuges, der sich gegen eine Urteil von Spaniens Verfassungsgericht richtete. Laut diesem sollen mehrere Paragrafen des katalonischen Autonomiestatuts von 2006 verfassungswidrig sein.

Das Urteil sei "ein Anschlag auf die Selbstregierung" , beschwert sich José Montilla, Präsident der katalanischen Regierung. Da die Katalanen das Statut in einem Referendum annahmen, besäße das Verfassungsgericht nicht die Legitimität, über den Text zu urteilen.

Montillas Autonomieregierung rief darum gemeinsam mit nationalistischen Parteien und hunderten politischen Gruppen und Bürgerinitiativen nach Barcelona. Über 1000 Busse kamen aus ganz Katalonien, in dem rund 7,5 Millionen Menschen leben. Montilla und führende Politiker gingen dem Zug voran.

Dem Urteil der spanischen Höchstrichter nach ist der Begriff Nation, der im Vorwort des Statuts für Katalonien Verwendung findet, juristisch ungültig. Die wirtschaftsstarke Region muss auch künftig beide Sprachen, das Katalanische und das Spanische, gleich behandeln. Ein eigener oberster Gerichtshof als letzte Instanz für alle in Katalonien begonnenen Verfahren wird der Region verwehrt. Außerdem wird Katalonien, das sich finanziell von ärmeren Regionen Spaniens entkoppeln wollte, auch weiterhin solidarisch sein müssen.

Katalonien genoss bereits in den 1930er-Jahren während der Zweiten Spanischen Republik eine weitgehende Autonomie, die es mit Bürgerkrieg und Diktatur unter General Franco wieder verlor. Nach dem Tod Francos 1975 lebte die Autonomiebewegung erneut auf. Im Jahr 1979 erhielt Katalonien erneut Autonomiestatus.

Seither kommt es zwischen der Zentralregierung in Madrid und der Regierung in Barcelona immer wieder zu Auseinandersetzungen um die Ausweitung der Autonomie. Die nationalistischen Parteien aus Katalonien stützen immer wieder Minderheitsregierungen egal welcher Couleur in Madrid und lassen sich dies bezahlen. Der Sozialist Felipe González weitete ebenso wie sein konservativer Nachfolger José María Aznar den Teil der Steuereinnahmen aus, über die Katalonien selbst bestimmt. Auch der jetzige Premier José Luis Rodríguez Zapatero stellte sich im Gegenzug für die Unterstützung aus Barcelona hinter die neue Landesverfassung.

Ruf nach Unabhängigkeit

"Die Großdemonstration in Barcelona verbannt das Statut in die zweite Reihe" , hieß es gestern im Leitartikel der El País. Denn vielen Demonstranten ging es nicht um mehr Autonomie. Ihr Ruf nach Unabhängigkeit bestimmte den Marsch. Neben Transparenten mit der englischen Aufschrift "Catalonia. The next state in Europe" trugen sie das Symbol der Unabhängigkeitsbewegung, die katalanische Fahne mit einem eingefügten Dreieck und einem Stern.

Radikale Gruppen, die mit Zapatero und Montilla regierende separatistische Republikanische Linke und ein Teil der Basis der gemäßigt christdemokratischen Convergència i Unió, unterstützen die Loslösung von Spanien. Es geht dabei nicht nur um die Verteidigung von Sprache und Kultur, sondern auch um den regionalen Reichtum. "Sie stehlen uns täglich 60 Millionen Euro" war auf einem Transparent zu lesen. (Reiner Wandler aus Madrid/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 375
1 2 3 4 5 6 7 8
a stranger in a strange land
21
17.7.2010, 10:03

egoistischer nationalismus. das ist sowas von widerlich.

Sieh an
10
16.7.2010, 20:39
Was machen die Katalanen, wenn sie tatsächlich unabhängig sind?

Eine katalanische Fußballliga nur mit Barcelona? - dürfte langweilig werden-...
Wirtschaftsboom? ... war in erster Linie auf Pump und mit EU-Geldern finanziert...
Krisen? ... dürften schwierig werden, dann die Schuld den anderen Spaniern zuzuschieben...

In Zeiten der EU, des "europäischen Gedankens" und "Zusammenwachsen" wird nur eines bestätigt... alles Utopie!

Je mehr man davon spicht, desto mehr wollen sich einzelnen Gebiete von dem "europäischen Einheitsgrau-Brei" loslösen...
Am Ende geht es nur um Postengeschacher der Regierenden und rein wirtschaftliche Interessen unter dem Deckmantel von Freiheit, Demokratie und Souveränität!

donaquijote
01
15.7.2010, 23:38
jetzt könnten die staatspolitiker endlich in die eu diese frage der sezessionisten einbringen.

catalunya ist ja nicht das einige gebiet, in dem nationalisten fröhliche urständ mit falschen versprechungen und menschenverachtung gegenüber jenen feiern, die bis jetzt friedliche mitbürgerinnen waren.

ich finde, es greift eine form der regionalen förderungen im sinne der kulturellen vielfalt in der eu und natürlich auch des zusammenwachsens, sodass nationalstaaten zwar nicht weniger bedeutung als administrative einheiten, wohl aber ihr historisch patriarchales image verlieren. für mich ein zeichen, dass maßnahmen zur vereinheitlichung von sozial- und steuersystemen voranzutreiben wären und damit die wichtige soziale kohäsion - wie es so schön heißt - zu stärken, damit sich diese regionen ihre administrationen frei gestalten können.

gaius lucanicus
10
14.7.2010, 23:14
es bricht die wirtschaftskrise aus....

...und reichere regionen streben die unabhängigkeit an..."Los von Madrid"?

es werden irgendwelche "nationale identitäten", die freiheit sogar, vorgegaukelt: im wirklichkeit geht es um geld, um tortenaufteilung. Das geld wird immer weniger, die torte kleiner und kleiner.

Welche äußere mächte/kräfte könnten hier ein geopolitisches eigennutzen durchblicken, um dann tatkräftig und zwecksmäßig in der chauvinistischen breimasse mitzuwirken?

Jugoslawien lässt grüßen.

Walter Bimini
10
16.7.2010, 13:26
warum soll die eudssr nicht die jugoslawische krankheit ereilen.

gerecht ist es in jedem fall und zugleich die schnellste möglichkeit die eurokraten wieder loszuwerden.

maNishma
00
14.7.2010, 22:57
was soll daran noch links sein?

die parteien/organisationen, die sich am meisten für die katalanische unabhängigkeit einsetzen kommen eher aus dem "linken" spektrum. doch, was ich nicht verstehe: was soll an aussagen wie "wir wollen nicht für die armen zahlen" auch nur ansatzweise noch links sein? ich habe das gefühl, dass nationalismen/lokal-patriotismen schon längst sämtliche linken ideologien in katalonien verdrängt haben und allmählich nurmehr werte überbleiben, die man hierzulande als "braun" bezeichnen würde.

Magneto08
10
15.7.2010, 07:43

noch einmal, niemand hat "wir wollen nicht für die armere zahlen" gesagt, das hat sich DerStandard allein überlegt. Der Titel vom Artikel war am Anfang ganz was anderes. Vielleicht hat jemanden aus Madrid geschrieben ;)

a stranger in a strange land
10
17.7.2010, 10:07

oh doch, natürlich. es geht dabei einzig und alleine ums geld. sämtliche anderen gründe sind nur vorgeschoben. für die basken gilt dasselbe.

maNishma
00
15.7.2010, 09:08
weitere "braune" attribute:

kleingeisterei, traditionalismus, patriotismus, abgrenzung, expansionismus (valencia/balearen) etc.

Magneto08
10
16.7.2010, 06:52

es passt dann nicht für Katalonien, eine von den tolerantesten und modernsten Regionen Spaniens ;)

Würde aber für die nachkommer von Franco gelten, danke für die auflistung.
Engsinnig, traditional, patriot (=españa grande y libre), abgrenzung (kein interesse, nach EU zu gehen, leute wollen kein Englisch oder anderes lernen), expansionismus (Katalonien, Latein Amerika, Afrika)

a stranger in a strange land
11
17.7.2010, 10:10

du solltest vielleicht mal nach katalonien fahren. und auch nach spanien. weil was du da daherbrabbelst hat mit der realität nichts zu tun. viel mehr ist es so, dass die katalonier eher verschlossener sind als andere spanier und nicht so offen auf leute zugehen.

Magneto08
00
19.7.2010, 07:25

ich komme aus Spanien und habe dort lang genug gelebt ;)

Austro-Spanier0
00
17.7.2010, 13:49
dass die katalonier eher verschlossener sind als andere spanier und nicht so offen auf leute zugehen.

Wie recht sie haben, das war so seit eh und je aber um das zu beobachten muss hier leben oder gelebt haben und seine Kenntnisse nicht nur von Sauftouren bei Ballermann zu erlangen, was bei zahlreichen Postern zumindest den Anschein erweckt wenn man die vielen stumpfsinnigen Kommentare liest, die in diesem Forum abgeben werden.

maNishma
02
16.7.2010, 13:31

selten so einen blödsinn gelesen.

Austro-Spanier0
11
14.7.2010, 17:32
Wenn das zwischen 1,1 und 1,5 Millionen gewesen sein soll,

dann waren in Madrid beim Empfang der Selección mindesten 5-10 Millionen auf der Strasse:-))))))))

Magneto08
10
14.7.2010, 07:18
mehr dazu

anbei ein paar interessante Blogs zum Thema, falls Sie Spanisch/Katalanisch können.

Por que la independencia de Catalunya? Explication para los amig@s de aquí y de allí
http://www.llatins.org/2010/07/p... .html?s=tp

Yo no era independentista
http://pensacions.blogspot.com/2010/07/y... tista.html

Und Interview - "Estem més a prop de la independència que fa deu anys"
http://www.tv3.cat/videos/3014890

christian costa-woith
01
12.7.2010, 23:34
quitomanta

mann kann was in katalonien passiert nicht aus madrid verstehen (die internationale presse leider screibt von katalonien aus madrid aus). Das Titel vom Artikel ist total falsch (war eurer Jounalist dort?).

hier ein Artikel auf englisch mit der katalanischen
vision
http://emma-col-cat.blogspot.com/2010/07/f... ation.html

wolken kratzer
 
12
12.7.2010, 16:28
EU down

was mich an diesem ganzen katalanen-nationalismus besonders nervt, das ist, dass diese leutchen sehr wohl wissen, wie sie die strukturen der EU-länder nutzen (ohne sie selbst zu haben, z.b mutterschutz, ARBEIT), aber auf spanien runterkotzen, wann immer es geht. ich habe in den 90ern in katalonien gelebt, hätte ich ein kind bekommen, scheiße. 4 monate für ein kind. lebt eine katalanin in Ö und kriegt in der EU ein kind, super mutterschutz... so sorry, so geht das nicht. entweder für alle alles oder für niemand nix. die EU ist seit allerspätestens 1994 für Ö wirklich eine katastrophe, ohne dass ich die FPÖ oder BZÖ wählen würde. aber ich verstehe nur zu gut, worum es AUCH geht.

Magneto08
10
14.7.2010, 07:10

Die 4 Monate Karenz sind in ganzen Spanien so!! Was hat das mit Katalanen-Nationalismus zu tun?
Vor einigen Jahren, wollten eigentlich Politiker in Katalonien von 4 auf 6 Monate erweitern, wieso hat es nicht funktioniert? Fragen sie in Madrid.

Guigui
21
13.7.2010, 09:45

Ja, wissen Sie, warum es in Katalonien unmöglich ist, solche Strukturen zu haben? Weil über 10% von dem, was hier erwirtschaftet wird, systematisch von Madrid zwecks dubioser Umverteilung eingezogen wird, doch niemand sagt wozu, noch wieviel Geld jeder davor und danach hat.

Katalonien hat ein eigenes Gesundheitssystem und einige der besten Krankenhäuser Spaniens. Finanzieren tut alles die Generalitat. Wenn aber ein Patient aus Aragon oder Galicien überwiesen wird, blecht die dortige Regierung keinen blanken Heller dafür.

Ist das die Solidarität nach EU-Vorbild?

a stranger in a strange land
00
17.7.2010, 10:37

jaja, die ahnungslosen....

rat mal wieviel deine burgenländische regierung an ein steirisches krankenhaus überweist, wenn du dich dort behandeln lässt. genau, zero. weil sowas nie von "der regierung" bezahlt wird.

tja wer wie du nichts weiss muss eben alles glauben.

Ich gib mir immer selber ein paar Grüne!
22
12.7.2010, 14:46

Die Unabhängigkeit könnte eine Möglichkeit sein, diese difusen Geldströme in Spanien einmal aufzudecken und die spanische Regierung müsste die unglaublichen Probleme im Süden WIRKLICH angehen. (Arbeitslosigkeit in Katalonien so 7%, in Spanien so 20%, in Andalusien bis zu 30%)
Ich denke, viel Geld verschwindet hier wie in der globalen Entwicklungshilfe für den Süden und zementiert die Gegebenheiten ein - und daran wird wieder jemand interessiert sein.
Die Probleme bei der Spaltung einer Nation sind natürlich auch offensichtlich - vielleicht ringt man sich in Spanien und Katalonien eine Lösung ab, die als Vorbild für andere dienen könnte. (Italien, Belgien)

a stranger in a strange land
00
17.7.2010, 10:15

großer quatsch.

wolken kratzer
 
03
12.7.2010, 14:56

Arbeitslosigkeit in Katalonien so 7 %? Darf ich lachen? Em ric, de veritat!

Ich gib mir immer selber ein paar Grüne!
00
12.7.2010, 17:39

Hmm, hab schon mal mit Links geantwortet, die blieben wohl hängen - was ich gefunden habe, ist, dass es so zw. 5-600000 Arbeitslose gibt. Klar ist dass durch die Wirtschaftskrise angestiegen, aber das Verhältnis bleibt wohl. Spanien hat ja 4Mil. Arbeitslose in Summe! ausserdem, die unterschiedlichen Berechnungsarten ... lachen dürfen Sie natürlich immer!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 375
1 2 3 4 5 6 7 8

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.