Agententausch hing offenbar am seidenen Faden - Geheimdienste schirmen ausgetauschte Agenten vor Öffentlichkeit ab
Washington/Moskau - Nach dem abenteuerlichen Agentenaustausch zwischen
Russland und den USA schirmen die Geheimdienste die übergebenen Spione
vollständig vor der Öffentlichkeit ab. Der größte derartige Tauschhandel seit
Ende des Kalten Krieges endete mit der Landung des Flugzeugs mit den begnadigten
russischen Häftlingen am Freitag in Washington, wobei zwei Agenten
bereits in Großbritannien von Bord gegangen waren.
Die beiden freigekommenen Russen halten sich nun in einem Hotel auf. Igor Sutjagin, ein Waffenexperte, hält sich nach Angaben seines
Bruders, Dmitri Sutjagin, in einer Kleinstadt in der Nähe von London
auf. Sein Bruder habe nach seiner Ankunft in Großbritannien seine
Frau angerufen. Er trage immer noch seine Gefängniskleidung, wisse
den Namen der Kleinstadt nicht und habe
weder ein Visum noch Geld,
sagte sein Bruder in Obninsk in Russland.
Zusammen mit einem ehemaligen Oberst des russischen
Militärgeheimdienstes, Sergej Skripal, wohnt Sutjagin nun in einem
Hotel. Die beiden anderen Russen flogen
weiter in die USA.
Der gestrandete
Spionageverdächtige ist sich nach Angaben seines
Bruders noch nicht sicher, ob er nach Russland zurückkehren soll.
Sutjagin und die drei weiteren Russen
wurden zwar vom russischen
Präsidenten Dmitri Medwedew begnadigt, doch wolle Sutjagin sich erst
über die Lage informieren und abwarten.
Sutjagin wurde 1999 verhaftet und 2004 wegen der Weitergabe von
Informationen über Atom-U-Boote an ein britisches Unternehmen
verurteilt, das eine Tarnfirma des US-Geheimdienstes CIA sein soll.
Im Gefängnis von Archangelsk im Nordwesten Russlands wurde ihm am
vergangenen Montag mitgeteilt, dass er bei dem Agentenaustausch dabei
sein werde.
Der russische Waffenexperte Igor Sutjagin rief seine Frau aus einem Hotel in
einer kleinen Stadt nahe London an, wie dessen Bruder Dmitri am Samstag der
Nachrichtenagentur AFP sagte. Sutjagin war 2004 wegen Weitergabe von
Geheimunterlagen an eine Tarnfirma des US-Geheimdienstes CIA zu 15 Jahren
Lagerhaft verurteilt worden. Bei ihm sei ein weiterer der insgesamt vier
übergebenen Russen, sagte Dmitri Sutjagin. Britischen Medien zufolge handelte es
sich dabei um Sergej Skripal, ein früherer Oberst des russischen
Militärgeheimdienstes, der für Großbritannien spioniert haben soll.
USA wollten Deal platzen lassen
Nach Angaben Moskauer Medien wäre der spektakuläre Austausch beinahe noch
gescheitert. Nachdem die Namen der vier von Washington gewünschten Westspione in
der russischen Presse aufgetaucht seien, wollte die US-Seite den Deal platzen lassen, sagte ein Moskauer Geheimdienstler der Zeitung "Moskowski
Komsomolez" (Samstag). Zudem habe Sutjagin beim entscheidenden Treffen in Moskau
die Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes "hysterisch angeschrien", dass er
kein Geständnis unterschreiben werde. Erst nachdem man dem 45-Jährigen gesagt
habe, dass die USA ihn selbst als CIA-Agenten austauschen wollten, habe Sutjagin
zögerlich zugestimmt.
Die US-Regierungsmaschine hatte auf dem Weg von Wien nach Washington einen
Zwischenstopp auf der Luftwaffenbasis Brize Norton in Mittelengland gemacht. Am
Freitagnachmittag (Ortszeit) landete das Flugzeug auf dem Flughafen Dulles vor
den Toren von Washington. Die zehn in den USA begnadigten russischen Agenten
waren zuvor bereits in Moskau angekommen und anschließend an einen unbekannten
Ort gebracht worden. Die russischen Behörden machten über das Schicksal der zehn
Agenten am Samstag keine Angaben.
Der russische Spionagering war Ende Juni in den USA aufgeflogen. Die zehn in
den USA Inhaftierten hatten sich am Donnerstag vor einem Gericht in New York
schuldig bekannt, als Agenten Russlands aktiv gewesen zu sein. Das Gericht
stimmte einer Vereinbarung zwischen Anklage und Verteidigung zu, wonach die
Beschuldigten sofort abgeschoben werden sollten. Auf dem Wiener Flughafen
vollzogen die USA und Russland dann am Freitagvormittag den Tausch: Die beiden
Maschinen parkten nebeneinander auf einem abgelegenen Rollfeld und hoben im
Abstand von 15 Minuten zum Rückflug ab.
Panetta handelte Austausch persönlich aus
Nach Angaben des Weißen Hauses hatte CIA-Chef Leon Panetta persönlich den
Agentendeal verhandelt. Dabei habe die US-Regierung vier russische Häftlinge
nach "humanitären und Gesundheitsbedenken" sowie "anderen Gründen" für den
Tausch ausgewählt. Das Weiße Haus sei von den Geheimdiensten erstmals im Februar
über den Spionagering informiert worden, hieß es.
Die frühere Sicherheitsberaterin unter der US-Regierung von Ex-Präsident
George W. Bush, Francis Townsend, sagte dem Nachrichtensender CNN, auf die in
die USA zurückgekehrten Agenten warte nun eine Nachbesprechung ihres Einsatzes,
die Wochen oder sogar Monate dauern könne. Dabei würden sie in der Obhut der CIA
sein. "Wir werden von diesen Leuten recht viel erfahren können", mutmaßte
Townsend. Anschließend werde der Geheimdienst ihnen neue Identitäten geben und
ein neues Leben ermöglichen.
Die Spionageaffäre hatte die Beziehungen zwischen den USA und Russland
erheblich belastet. Beide Seiten arbeiteten an einer schnellen Lösung, um
langwierige Gerichtsverfahren mit möglicherweise unangenehmen Enthüllungen zu
vermeiden. Den Austausch werteten Washington und Moskau als Beleg für die
Ernsthaftigkeit ihrer Bemühungen, die Beziehungen nach Jahren des Misstrauens
weiter zu verbessern. (APA)