Der Notstand an den Unis

09. Juli 2010 19:04

Den Rektoren bleibt nur Selbsthilfe, denn die Politik agiert hilflos

Deutschland macht es vor: Am Freitag gab der Bundesrat grünes Licht für ein neues Stipendienprogramm, mit dem begabte Studierende besonders gefördert werden sollen. Die leistungsstärksten zehn Prozent der Studenten bekommen 300 Euro monatlich - rückzahlungsfrei und unabhängig vom Einkommen der Eltern. Die Hälfte des Betrags sollen die Hochschulen bei Sponsoren vor allem in der privaten Wirtschaft auftreiben, die anderen 150 Euro kommen vom Staat. Das voll ausgebaute Stipendienprogramm soll 630 Millionen Euro kosten.

Am gleichen Tag in Österreich: 10.500 junge Menschen haben sich für die in Wien, Graz und Innsbruck stattfindenden Aufnahmetests für das Medizinstudium angemeldet, sie rittern um 1500 Plätze.

Und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl will sich nicht zu der von ihrer Vorgängerin Elisabeth Gehrer in Auftrag gegebenen Studie äußern, die besagt, dass österreichische Universitäten einen beträchtlichen Rückstand gegenüber deutschen und Schweizer Unis haben, was die finanzielle Ausstattung betrifft.

Die Studie wird seit fünf Jahren unter Verschluss gehalten - aus gutem Grund. Denn die Situation hat sich nicht verbessert, im Gegenteil. Der freie Hochschulzugang ist eine Lebenslüge wie die Neutralität, die Realität sieht ganz anders aus. Nicht nur an der Medizin-Uni werden die Bewerber ausgesiebt: Offiziell gibt es eine Selektion oder Zugangsregeln an der Veterinärmedizinischen Uni, in den Fächern Psychologie, Publizistik und bei den künstlerischen Studien. Ab Herbst versucht auch die Wirtschaftsuniversität Wien mit Entscheidungsprüfungen in der Eingangsphase, den Studentenandrang zu bewältigen.

Die Universitäten greifen zu Notwehraktionen, weil sie von der Politik alleingelassen werden. Ministerin Karl gestand zwar ein, dass der freie Hochschulzugang "ein Problem" sei. "Unzumutbar" für Lehrende und Studierende die Zustände in jenen Fächern, bei denen Massenandrang herrscht. Die frühere Jus-Dozentin wirkte im ZiB 2-Interview hilflos bei der Frage nach den Konsequenzen, die sich aus dieser Zustandsbeschreibung ergeben.

Sollte der ÖVP-Ressortchefin gelingen, mit Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ein Abtauschgeschäft einzufädeln - die SPÖ gibt den freien Hochschulzugang auf, die ÖVP stimmt der Gesamtschule zu. Eine Umsetzung ist vor nächstem Jahr auf keinen Fall zu erwarten.

Außerdem wäre das höchstens eine Erste-Hilfe-Maßnahme, aber keine grundlegende Änderung der Politik. Denn noch gilt die Vorgabe, dass die Uni-Budgets ab 2013 eingefroren werden müssen. Das heißt im Klartext: Es gibt Kürzungen in allen Bereichen, auch beim Personal.

Zum Vergleich wieder Deutschland: Trotz eines Sparpakets im Ausmaß von 80 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren gibt es zwölf Milliarden Euro für die Universitäten und die Forschung - zusätzlich. In Österreich herrscht schon jetzt Notstand an den Universitäten. Exzellenz wird zwar rhetorisch angepeilt, aber nicht - wie in Deutschland mit der Eliteförderung - praktisch angegangen.

Am Beispiel der Universitäten wird deutlich, worauf wir uns in Österreich in den nächsten Jahren einstellen müssen: Es muss gespart werden, Reformen sind nicht vorgesehen. Den Rektoren bleibt nur Selbsthilfe, die Politik agiert hilflos. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 86
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Happels Erben
12.07.2010 08:52
Lingens hat im letzten Profil

über die Vermögenbesteuerung in den USA und Österreich geschrieben und dabei verglichen, das in den USA Leistung wirklich vorangetrieben wird und daher jede Generation ihr Vermögen selbst verdienen soll und nicht erben, während im ehemaligen Feudalsystem Österreich es vor allem darum geht Vermögen zu konservieren und weiterzugeben. Und genau so ist es bei der Bildungspolitik, Söhne (und ok auch Töchter wenns sein muß) von Ärzten und Anwälten werden schon durchs Studium gebracht, für den Rest Pech gehabt.

emga86
11.07.2010 15:41

Österreich richtet sich selbst zu grunde mit dieser Bildungpolitik, ganz egal ob Unis oder Schulen!

Schade, mehr kann man dazu nicht sagen!

her wig
11.07.2010 13:37
Eine korrupte Sprache erkennt man daran dass originale Intension und aktuelle Extension konträr sind.

Zum Beispiel müsste man, rein nach Definition, nach einem abgeschlossenen Uni-Studium ein universell gebildeter Mensch sein. Tatsächlich ist man ein hochspezialisierter Experte der sich ausschliesslich mit seinen Fachkollegen austauschen kann (sofern man sich nicht ausserhalb des Studiums selber gebildet hat).

In Wirklchkeit sind also unsere Unis nichts anderes als FHs. Der Nimbus verblasst auch immer mehr und kann kaum noch die Realität überdecken. Daran kann man noch nicht einmal jemandem die Schuld geben, es ist eine jahrhundertelange Entwicklung.

Aber jetzt wäre ein Reality Check angebracht, und eine Namens- oder Inahltskorrektur statt nur die Arbeit am Weltklasse-Image.

dahofawors
11.07.2010 10:02
.rschloch, fr. fö....

die, die von zu hause unterstützt werden, also schneller und besser lernen können, sahnen dann auch noch ab.

so schaut neoliberale politik im kern aus.

naja, nimma lang....

bl4blub
11.07.2010 13:29
...

Und jetzt erklären Sie mir mal warum das neoliberale Politik ist...

dahofawors
11.07.2010 14:54
weil sie dem kern nach rektionär ist, eine reine worthülse darstellt

denn wirklich freien wettbewerb wollen die protagonisten dieser wirtschaftsform beileibe nicht, bzw. nur insofern, daß die machtverhältnisse nicht in frage gestellt werden.

denn wenn die mit dem geld frei sind, die ohne aber nicht, kann nicht von freiem wettbewerb der ideen gesprochen werden!

bl4blub
11.07.2010 15:26
...

Nette Erklärung, der ich auch zustimmen kann. Die Antwort geht jedoch an meiner Frage vorbei. Warum ist diese Maßnahme neoliberal?

Genosse aus der Gosse
11.07.2010 11:04
"nimma lang"

ah Sie meinen es kommt ohnehin bald der komet...

ChrC1
 
11.07.2010 01:10
wie trefflich die alternative zur

"lüge" neutralität funktioniert, könnten sie frau föderl-schmid ja an ihrem lieblingsland d studieren - immer dann, wenn ein paar neue zinkärge mit deutschen soldaten aus afghanistan ankommen, die in einem völkerrechtswidrigen angriffskrieg, der nebenbei auch militärisch nicht zu gewinnen ist, sinnlos gestorben sind. macht aber nichts, frau förderl-schmid, beistandspflicht geht über alles und meistens sinds eh nur kinder aus der unterschicht - diejenigen also, für die, wenn sie studieren wollten, keine 2% bafögerhöhung drin sind - da - leider, leider - völlig unfinanzierbar.

Der Österreicher
11.07.2010 00:37

Das funktioniert hier nicht. In Österreich werden nur die faulen gefördert. Wer fleissig ist, wird bestraft.

rätätä, rätätä ...
11.07.2010 13:11
sunny soul
10.07.2010 22:48

aus der werd´ ich wieder nicht schlau .

und ich weiss immer noch nicht woher sie wissen will wie gut arigona singt .

dm 123
10.07.2010 22:45

wieso so eine softe headline??
die politik agiert nicht hilflos. das klingt, als wären sie die armen, die halt leider leider nicht anders können. die politik agiert in ihrer nicht-reaktion absichtsvoll fahrlässig!

durazell
10.07.2010 20:51
kommt das nur mir komisch vor?

Tagaus Tagein wird Bildung Bildung Bildung gefordert, von allen Seiten kriegt man es eingeimpft dass man ohne Abschluss nur mehr ein nichts sei und dann wundert man sich dass der Ansturm so ein großer ist...

Jetzt Menschen auszusperren und nicht ihren gewünschten Bildungsweg gehen zu lassen ist angesichts der Angstpropaganda nur mehr zynisch sonst gar nichts...

tsetse1
10.07.2010 20:29
auf notstand ...

... folgt aufstand.

RichardRoe
10.07.2010 18:29

Ich halte das ganze Theater für hausgemacht und insgesamt eine Schande!

Uni-Raum läßt sich locker gewinnen, wenn man Vorlesungen in erstklassiger Qualität auf DVD oder im web anbietet. StudentInnen hätten dann die Möglichkeit, nicht gerade erhellende Passagen so oft zu wiederholen bis sich die Erleuchtung einstellt. Berufstätige StudentInnen hätten bessere Chancen, ihr Studium schneller zu beenden. Damit würde Lehrpersonal verfügbar werden, Übungen, Kolloquien und Seminare könnten in kleineren Gruppen und das ganze Jahr über abgehalten werden, auch der Prüfungsbetrieb müßte sich nicht ums Semesterende herum zusammenballen.

Interessant, dass solche Überlegungen im Diskurs nicht vorkommen. Da ist nur von Beschränkungen zu hören.

Barsch mit Ohren
 
27.07.2010 11:55
Als direkt betroffener Lehrender

an einer TU gebe ich Ihnen z.T. recht. Man muss allerdings auch berücksichtigen, dass der Lehraufwand zur Zeit kaum zu bewältigen ist. Inklusive Forschung, Administration und Drittmittelaquirierung arbeite ich jetzt schon 50 Stunden und mehr pro Woche (ohne Zeitausgleich und Überstundenabgeltung).

E-Learning wird auch schon schrittweise eingeführt. Die ersatzlose Einführung (bei ausgewählten Vorlesung) muss allerdings so vonstatten gehen, dass die Erstellung der E-Learning Kurse nicht zu einer Arbeitszeiterhöhung Richtung 60+ Stunden geht. Ich arbeite mich jetzt schon krumm und blau. Sobald das System allerdings eingeführt ist und funktioniert - wunderbar.

wolken kratzer
11.07.2010 09:55

völlig falsche schlußfolgerungen: ihre vorschläge regen lediglich dazu an, aus einer uni eine anonyme internet-veranstaltung a la fernuni zu machen.

was geschaffen gehört, dass sind gute bedingungen für eine präsenzuni.

RichardRoe
12.07.2010 09:15

Für die ausreichend große Präsenzuni gibts aber kein Geld! Die Politik reagiert keineswegs mit der Erweiterung der Kapazitäten sondern mit Beschränkungen.

Also muss eine Lösung her, die - wie seit Jahrzehnten zugesichert - es jedermann ermöglicht, zu studieren. Die Energie spart, weil man nicht jeden Tag dahin muss, die auch Berufstätigen das Studieren erlaubt, die unabhängig von vollen Lehrsälen ist. Das Träumen von neuen Campussen ist erlaubt, aber unrealistisch! Die Krise zwingt zum Sparen.

Die Angst des Uni-Personals vor Neuerungen ist verständlich, doch es ist schon 2010 und nicht mehr 1879 ! Wenn Ihr posting was beweist, dann den alten Spruch: Unter den Talaren der Mief von tausend Jahren!

Toni Meister
10.07.2010 17:29
BRD : Stipendienprogramm für Elite-Studenten

Kritiker in Deutschland sehen das anders als Fr. Föderl-Schmid:
"Mit beißender Kritik haben Opposition, Studentenvertreter und Gewerkschaften auf die Entscheidung des Bundesrats reagiert, ein nationales Stipendienprogramm für Elite-Studenten einzuführen, die Bafög-Empfänger aber auf mehr Geld warten zu lassen. "Das ist Verschwendung von Steuergeldern und Umverteilungspolitik von unten nach oben", sagte die Vize-Chefin der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Ziegler, der FR: "Die Krankenschwester finanziert mit ihren Steuern das Stipendium für den Ärztesohn." Die Bundesländer "lassen sich von Merkel kaufen ".Die frühere Kultusministerin von Sachsen:" Die Entscheidung ist eine Sauerei ". Bundesmittel werden sehr unsozial eingesetzt.

WR1
10.07.2010 15:11

hier die verschriftliche twitter - fragestunde nach dem ZiB2 Interview Armin Wolfs mit BM Karl: http://nonapartofthegame.eu/?p=793

Farinelli
10.07.2010 14:56

is schon ein gfrett wenn sich immer mehr menschen bilden wollen... um halbwegs noch job zu bekommen von denen man leben und planen kann.... is doch der ewige slogan : mehr bildung mehr bildung...

youtroll
10.07.2010 13:47

An der JKU Linz arbeitet man konsequent mit der Industrie zusammen, das bringt Geld und Praxisrelevanz. Die Oberösterreicher blicken optimistisch in die Zukunft. Wien ist anders, dort fürchtet man sich vor dem Verlust alteingebildeter Ideale.

Threonin
10.07.2010 21:55

Damit werden Unis zu Entwicklungsabteilungen für Firmen. Gibt es auch an der TU-Wien. Wenn man Unis haben möchte, die sich Forschungsmäßig international sehen lassen können und die auch Leistungen für die Gesellschaft erbringen, dann ist das kein guter Weg. Leistungen werden hier nur noch für zahlungskräftige Kunden erbracht, Forschung muss teilweise unter Verschluss gehalten werden. Das ist kein guter Weg.

smeki
10.07.2010 18:19

Bildung und Wissenschaft ist eben doch frei, verkäuflich an zahlungskräftige Interessen und die Wifisierung der Unis schreitet damit munter voran. Das hat dann aber nichts mehr mit Universität zu tun, das ist blosse Auslagerung betrieblicher Ausbildung, um der Allgemeinheit die Kosten der Ausbildung anzuhängen.

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