Es wird die einzige Fußball-WM seines Lebens gewesen sein. Und aus dieser hat Paul, ganz im Gegensatz zu Argentiniens Superstar Lionel Messi, der wohl noch ein paar Chancen erhalten wird, das Maximum geholt. Das lässt sich jetzt schon sagen. Denn sollte Paul bei seinen letzten beiden Tipps danebengefressen haben, wäre das die Ausnahme von der Regel. Und Paul, der Gewöhnliche Krake, musste sich nicht einmal nach Südafrika begeben, um ein Weltstar zu werden. Die Welt schaute live in sein Habitat, das Aquarium im Sea Life Park zu Oberhausen in Nordrhein-Westfalen.
Am Freitag war für Paul die WM, die für die Welt am Samstag mit Uruguay - Deutschland, dem Spiel um Platz drei, fortgesetzt wird und am Sonntag im Finale Niederlande - Spanien gipfelt, vorbei. An seinem letzten diesbezüglichen Arbeitstag wurde er gleich doppelt belastet. Zunächst grübelte der Kopffüßler eine Weile, entschloss sich dann aber doch, eine Miesmuschel aus dem mit der deutschen Fahne gekennzeichneten Behälter zu verspeisen. Beim Finaltipp fackelte der Achtarmige nicht lange, fraß Spanien zum WM-Titel.
Paul, der schon bei der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz im Einsatz gewesen war und bis aufs Finale alle Spiele mit deutscher Beteiligung richtig getippt hatte, glänzte bei der WM 2010 bis dato mit hundertprozentiger Trefferquote. Er sagte die deutschen Siege, aber auch die deutschen Niederlagen gegen Serbien und Spanien voraus. Nicht wenige Argentinier gaben Paul die Schuld am Untergang der Albiceleste und fütterten das Internet mit Oktopus-Kochrezepten. Die Deutschen zogen nach der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien nach. Spaniens Ministerpräsident Rodriguez Zapatero ist so besorgt, dass er dem bedrohten Paul ein Leibwächter-Team schicken will.
Paul, den das alles nicht anficht, erblickte Anfang 2008 im Ärmelkanal das Licht der Welt. Bald darauf fand sich der unglückliche Tintenfisch in einem Netz wieder. Kluge Menschen verschafften dem intelligentesten aller Weichtiere einen Platz im Sea Life Centre in Weymouth. Im Alter von drei Monaten wurde der gebürtige Engländer nach Oberhausen versetzt, wo man seine Qualitäten erkannte und förderte. Geschäftsführer Bastian Schepers freilich sieht das Karriereende kommen: "Mit zweieinhalb Jahren ist er schon ein alter Hase. Die EM in zwei Jahren wird er nicht mehr schaffen. Vielleicht gehen sich noch ein paar Bundesliga-Spiele aus." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 10. Juli 2010)