Südafrikanerinnen und der lautlose Killer

9. Juli 2010, 18:50
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    foto: reuters/howard burditt

Wie die Verbreitung von HIV mit der südafrikanischen Gesellschaftsstruktur zusammenhängt – und warum Frauen dabei besonders benachteiligt sind

Südafrika, das sich 2010 als Gastgeberland der Fußball-WM präsentiert, ist auch eines der am stärksten von AIDS betroffenen Länder der Welt. Die Soziologin Melanie Berner hat 2006 in ihrer Diplomarbeit versucht nachzuvollziehen, wie die Verbreitung von HIV mit der südafrikanischen Gesellschaftsstruktur zusammenhängt - und warum Frauen dabei besonders benachteiligt sind. Ihre These: Gewalt gegen Frauen spielt bei der Ansteckung mit dem Immunschwächevirus eine ursächliche Rolle.

AIDS als "Lebensrealität"

40,3 Millionen Menschen auf der Welt waren 2005 mit dem HI-Virus infiziert. Die Verteilung der Betroffenen ist jedoch höchst ungleichmäßig, wie Melanie Berner gleich zu Beginn ihrer Diplomarbeit aufzeigt: Mehr als die Hälfte aller HIV-Positiven scheinen sich im südlichen Teil Afrikas zu befinden. Aktuelle Daten bestätigen diese Situation: Im "World Factbook" der CIA wird Südafrika weiterhin als das Land mit den meisten AIDS-Toten geführt. 2007 fielen dort 350 000 Menschen der Krankheit zum Opfer, geschätzte 5,7 Millionen waren infiziert - bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 50 Millionen.

AIDS, so Melanie Berner, ist in Südafrika Teil der "Lebensrealität": Die Krankheit und ihre Verbreitung beeinflussen Wirtschaft, Sozialstruktur und das alltägliche Leben der Menschen. Große soziale Ungleichheit - die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze2 - trifft in Südafrika auf mangelnde staatliche Gesundheitsversorgung, und in der Gesellschaft gilt AIDS nach wie vor als Tabuthema.

Die Autorin sammelt und vergleicht zunächst eine große Zahl empirischer Daten, die die Verteilung von AIDS im soziodemografischen Spektrum abbilden. Je gefestigter die Sozialstrukturen, desto geringer scheint die Infektionsrate zu sein; urbane und weniger gebildete Schichten der "schwarzen" Bevölkerung sind demnach am stärksten von HIV betroffen. Daneben verschiebt sich das geschlechterspezifische Gleichgewicht bei den Infektionsraten immer mehr zu Ungunsten der Frauen - ein weltweiter Trend, der auch in den Zahlen aus Südafrika ablesbar ist. Diesen Effekt hat Melanie Berner nun aus dem Blickwinkel einer feministisch gebildeten Soziologin beleuchtet.

Gender als Risikofaktor

Aufgrund von verschiedenen physiologischen und epidemologischen Faktoren ist die Ansteckungsgefahr bei Frauen von vornherein größer als bei Männern. Abgesehen von rein biologischen Unterschieden spielt aber auch das soziale Geschlecht eine wesentliche Rolle. Die erlernte Geschlechtsidentität südafrikanischer Frauen ist eng mit den Begriffen von Unschuld einerseits und Mutterschaft andererseits verknüpft. Bei sexuellen Kontakten wird von ihnen ein passives Verhalten erwartet. Durch solche Bedingungen wird Aufklärung erschwert und die Verwendung von Kondomen schon bei Jugendlichen stigmatisiert.

Erwachsene Frauen erwerben ihren Status vor allem durch Heirat und verlieren bei einer Scheidung ihre soziale Absicherung, auch die Gesundheitsversorgung. Innerhalb der Familie werden sie für die Geburt gesunder Kinder ebenso verantwortlich gehalten wie für die Pflege erkrankter Angehöriger, die oft zu Hause stattfinden muss. Die Missionierung der Region im Kolonialzeitalter hatte dazu beigetragen, ein "viktorianisches", sehr häuslich geprägtes Frauenbild in der südafrikanischen Gesellschaft zu verankern. Die lange Periode der Apartheid zwang zusätzlich vor allem "schwarze" Frauen nachhaltig in wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse.

Gewalterfahrungen und AIDS

Wirtschaftliche Not wiederum hat direkten Einfluss auf das Verhalten: So steigt bei ärmeren südafrikanischen Frauen die Bereitschaft zu bezahltem Sex mit wechselnden Partnern, wie Melanie Berner argumentiert. Die Autorin fährt fort, vorhandene empirische Daten zu analysieren, um dem kaum erforschten Zusammenhang zwischen geschlechterspezifischer Gewalt und AIDS auf die Spur zu kommen. Auffällig ist zum Beispiel, dass Südafrika auch bei der Zahl der (angezeigten) Vergewaltigungsfälle an der Weltspitze liegt. Allgemein ist Gewaltanwendung, speziell in der Form von "häuslicher Gewalt", weit verbreitet und scheint auch gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen: Als Mittel zur Krisenbewältigung und zum Prestigegewinn vor allem für die männliche Bevölkerung.

Frauen, die in einer derartigen Gesellschaftsstruktur aufwachsen, gewöhnen sich früh daran, keinerlei Kontrolle über ihr Sexualverhalten auszuüben. Erzwungene sexuelle Kontakte erhöhen unmittelbar das Infektionsrisiko; im späteren Leben werden Menschen mit Missbrauchserfahrungen auch zu risikoreicherem Verhalten neigen. Die Infektion mit dem HI-Virus selbst ist wiederum ein soziales Stigma, die Betroffenen sind noch häufiger Gewaltakten ausgesetzt. Auf Basis dieser Hypothesen bearbeitet Melanie Berner eine große Menge von Daten, die sich aus Befragungen, statistischen Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Sekundäranalysen speist.

Gewalt als Ursache?

Dass keine eindeutigen und oft sogar widersprüchliche Antworten aus dem Material hervorgehen, macht die detaillierte Besprechung nur noch spannender: Sind Frauen, die häufig missbraucht werden, "schüchterner" im Präventivverhalten? Oder werden gerade diese Frauen am nachdrücklichsten die Verwendung eines Kondoms einfordern? Ist Abstinenz ein Mittel zur Verhinderung von Geschlechtskrankheiten, oder erhöht sie nur die Bereitschaft zu Vergewaltigungen, die umso risikoreicher sind? Auch die unterschiedlichen Erhebungsmethoden, die dem verwendeten Material zugrundeliegen, unterzieht die Diplomarbeit einer kritischen Diskussion. Denn schon die Definitionen, wann Gewalt oder auch Sex vorliegt, weichen stark voneinander ab.

Der Autorin gelingt in dieser Arbeit eindrucksvoll, was im Titel angekündigt wird: Gewalt gegen Frauen als einen ursächlichen Faktor für die unkontrollierbare AIDS-Epidemie in Südafrika aufzuzeigen. Sie stellt fest, dass es keine "eindimensionale" Korrelation zwischen Erkrankung und Gewalterfahrung gibt, und bietet stattdessen eine Matrix von Zusammenhangsfaktoren als Ergebnis an: Persönlichkeit und Beziehung kommen ebenso zum Tragen wie der ökonomische und kulturelle Status der Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt.

Die Diplomarbeit "Gewalt gegen Frauen als eine Ursache von HIV/AIDS in Südafrika. Eine soziologische Analyse" ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.


Die Autorin

Melanie Berner (Mag.a), geboren in München, studierte von 2001 bis 2006 Soziologie im Diplomstudium an der Karl-Franzens-Universität Graz. Derzeit ist sie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit tätig und arbeitet an ihrer Dissertation über Fairen Handel.

Der Rezensent

Xaver Forthuber (Mag.) ist freier Autor und Journalist und lebt in Wien.

 

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Kommentar posten
23 Postings
och nee
02
11.7.2010, 23:00
heilung von aids als grund für vergewaltigung

ein grund für vergewaltigung scheint übrigens genau aids (oder andere krankheiten) zu sein. in südafrika - aber auch anderen ländern - gibts den mythos, dass "sexual intercourse with a virgin" heilen kann. in südafrika wurde in dem zusammenhang vermehrt von vergewaltigungen von minderjährigen berichtet.
http://www.scienceinafrica.co.za/2002/apri... virgin.htm
ist aber schon ein paar jahre alt, die info. nichts desto trotz ist sie verrückt.

werauchimmer1
 
04
11.7.2010, 02:27

"Dass keine eindeutigen und oft sogar widersprüchliche Antworten aus dem Material hervorgehen, macht die detaillierte Besprechung nur noch spannender." Naja.

Dazu noch hauptsächlich Sekundäranalysen und Zusammenhänge, die wohl weitgehend bekannt sind (Risikoverhalten und Schichtzugehörigkeit zB). Naja.

gg17
03
10.7.2010, 12:57

Dann würde mich jetzt mal interessieren, wie dann Indien in die Situation kommt bei HIV-Raten Südafrikas stärkster Verfolger zu sein.
Gibt es dort auch soviel Gewalt gegen Frauen ?

kernel_panic
03
14.7.2010, 00:12
Jap

51% der Inder und - überraschenderweise - 54% der Inderinnen befürworten Gewalt gegenüber Frauen in der Ehe unter bestimmten Umständen. Konkret wurde an "bestimmten Umständen" genannt, wenn die Frau das Essen anbrennen lasse oder das Haus ohne Erlaubnis verlasse. Ca. 100.000 junge Inderinnen sterben durch Feuer jedes Jahr, viele davon durch das sogenannte "Bride Burning".

Quellen: Virendra Kumar, Sarita Kanth, "Bride Burning" The Lancet 364, Dec. 18 2004; B.R. Sharma, "Social Etiology of Violence Against Women in India", Social Science Journal 42, Nr. 3 (2005)

emma goldman
03
14.7.2010, 16:19

"überraschenderweise - 54% der Inderinnen"
Ähnliches in der Türkei. Begründung "Das beweißt, dass er mich liebt".
Witzige Gehirnwäsche

emma goldman
01
12.7.2010, 23:22

extreme sexuelle gewalt. Wie anhand der Biographie von Phoolan Devi (Bandit queen) zu ersehen.

konfuzi
112
10.7.2010, 08:46
keine wissenschaftliche Basis, unseriös

wie kann ein Soziologe über ein so komplexes medizinisches Thema urteilen wo sich Mediziner nicht mal über die Details von HIV/Aids im klaren sind...

siehe:
http://www.youtube.com/watch?v=WQoNW7lOnT4

(ich vertrete diese Meinung nicht, der Link sollte nur zeigen, dass es unter Experten verschiedene Ansichten gibt)

sovereignty
00
Nicht nur ein medizinisches Thema ...

HIV/AIDS sind nicht nur ein medizinisches Thema, sondern naturgemäß auch ein soziologisches und psychologisches (und weiterer Disziplinen). Die gesellschaftlichen Folgen, aber auch gesellschaftliche und individuelle bio-psycho-soziale Faktoren in Ätiologie und Aufrechterhaltung sind wesentliche Forschungsfelder.

Daher finde ich es mehr als erwünscht, dass Soziologen, Psychologen, Biologen, etc. und eben auch Mediziner sich diesem Thema widmen.

Wie Sie schon selbst erwähnt haben handelt es sich um ein komplexes Thema und diese Komplexität wird wohl kaum von Medizinern allein erklärbar sein.

sovereignty
00
PS

Man darf auch nicht vergessen, dass es sich hierbei um eine Diplomarbeit handelt ... Diese gibt aber interessante Impulse - die natürlich noch empirischer Nachforschung bedürfen (Böse Zungen würden jetzt aber mal behaupten, dass diese Diplomarbeit mehr leistet als sogenannte "Diplomarbeiten" vieler Medizinstudenten)

aleph null
30
10.7.2010, 18:25
Hier ein Interview,

das mich sehr nachdenklich gemacht hat:

http://ef-magazin.de/2010/07/0... he-syndrom

Ob das jetzt stimmt oder nicht, es würde sich jedenfalls auszahlen, auch am anderen Ende des Zipfels zu forschen.

Die Transkription des Interviews ist übrigens grausig: "der Virus", "Syphilisviren" usw.

Aufklärung ist okay
00
11.7.2010, 19:23
tante kommunismus
10
10.7.2010, 17:22
there's no money in nutrition.

there's no profit.

wie wahr.

ravenna
113
10.7.2010, 09:41

Sie sind wohl der Letzte, der das Wort "unseriös" verwenden sollte.

Es ist alles andere als schwer, einen "Experten" auch für die unsinnigsten und dümmsten Therorien zu finden. Sowas hier als Argument/Information anzuführen ist eigentlich schon nicht mehr lächerlich, sondern einfach nur traurig.

aleph null
00
11.7.2010, 18:53
Dass man für ein solches Posting

grün bekommt ist ein Armutszeugnis für dieses Forum. Die Leut´ da wissen nicht einmal, wer Montagnier ist und was er auf seinem Gebiet geleistet hat.

marillensuppe
44
10.7.2010, 13:01
dieser "experte", wie du ihn nennst, ist weder lächerlich noch traurig. luc montagnier hat immerhin den nobelpreis bekommen. und zwar für das aufspüren der hiv-viren.

gäbs den herrn nicht, wüssten wir um einiges weniger über hiv-viren.

und vergessen sie nicht:
hiv-infizierte sind im moment die allergoldensten kühe der pharmaindustrie:
sie leben lang und konsumieren monat für monat medikamente im wert von 2500 euro.

diese kuh werden sie sich ganz sicher nicht freiwillig schlachten lassen.

siehe ignaz semmelweiß
- er wusste genau, dass das kindbettfieber durch undesinfizierte pathologenhände entsteht.
auf seiner abteilung gabs kein kindbettfieber - also wurde er gemobbt, gedemütigt, lächerlich gemacht - daran ist er wahnsinnig geworden.

hätten sie es zugegeben, wären ja die ärzte für die toten verantwortlich gewesen..

heute gibt es eine semmelweis-klinik und hygiene ist selbstverständlicher standard.

Samthand Schuh
01
11.7.2010, 13:06
Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich

Wenn Sie schon den schon ein bisschen in die Jahre gekommenen Montagnier mit missverstandenen Heroen der Wissenschaftgeschichte vergleichen müssen, wie wärs dann mit diesen?

http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Stark

aleph null
00
11.7.2010, 18:54
Wenn man sich nicht mehr helfen kann,

dann wird die Nazikeule ausgepackt.

Offenbar haben sich die geistigen Tiefflieger hier versammelt.

Samthand Schuh
00
11.7.2010, 22:41

Mein Gott, jetzt hängen Sie sich nicht daran auf. Johannes Stark hat den Nobelpreis in Physik bekommen, um danach 40 Jahre mit aller Kraft gegen die Anerkennung der Relativitäts- und Quantentheorie zu kämpfen. Anfang der 40er Jahre haben ihn sogar die Nazis fallen lassen, weil er ihnen zu doof war.

aleph null
10
13.7.2010, 22:07
Montagnier wirkt aber nicht doof auf mich,

das kann ich wirklich nicht nachvollziehen.

Übrigens hgaben auch andere hochkarätige Nobelpreisträger wie Kary Mullis ihre Zweifel.

Ich würde das intensiver beforschen und nicht von vornherein lächerlich machen.

ChesneyB
00
14.7.2010, 19:09
A.B. Artig
 
03
10.7.2010, 18:30
esotherisches Handaufhalten

Und ganz im Gegenthum verdienen windige Wunderheiler ja NICHTS an all den gedrehten Pillen, Wundersüppchen, Schwingungsheilungen und Handauflegen und was weiss ich noch... Die weder Untersuchungen standhalten, noch wirklich überprüft werden.
Und siehe denn Fall Barbara S- es hat sich wohl TOTAL gelohnt, Hamer zu folgen:
Mann tot, Kind schwer krank, der Rest der Kinder weg.
Und Hamer lacht sich ins Fäustchen und darf weiter machen.

graviton
02
10.7.2010, 16:21

Das einzige Wertvolle an deinem Posting ist das Wort "undesinfiziert". rofl.

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