Es geht um gar nichts. Und dennoch überträgt ORF 1 das Testspiel Rapid gegen RSC Anderlecht am Samstag live. Vertreter etlicher anderer Klubs reagieren verwundert. Der ORF verweist auf Erfahrungswerte aus dem Vorjahr
Wien - Das nennt man einen Appetizer. Unmittelbar vor dem WM-Spiel um Platz drei, Uruguay gegen Deutschland, serviert ORF 1 am Samstag ab 17.55 Uhr Rapid Wien gegen RSC Anderlecht. Ein besonderer Gegner, wie der ORF in einer Aussendung betont. "Der RSC Anderlecht ging 1978 schmerzhaft in die österreichische Fußballgeschichte ein - im Europapokal-Finale wurde die Wiener Austria mit 4:0 geschlagen." Und da nun die Austria das 32-Jahre-Jubiläum dieses Ereignisses nicht selbst zu nützen weiß, springt eben Rapid ein, um Revanche zu nehmen - und zwei Stunden lang seine Sponsoren zu präsentieren. Unter den Tisch fallen: Scrubs, Simpsons, Newton, Backstage, Chili.
"Es gibt eine enge Zusammenarbeit zwischen Rapid und dem ORF", sagt LASK-Präsident Peter-Michael Reichel. "Ich beobachte das mit Interesse." Rapid setzte sich heuer sehr dafür ein, dass die Bundesliga weiter im ORF übertragen wird. Klubchef Rudolf Edlinger hatte ein Veto gegen ein Angebot des Pay-TV-Senders Sky eingelegt. "Ich bin froh, dass ich das aufgehalten habe", sagte er. "Wir haben eine Million Fans, die wollen Rapid sehen."
Dass diese Million sich den Test gegen Anderlecht gibt, ist nicht zu erwarten. "Solche Events sind Zuseherevents, nicht TV-Events", sagt LASK-Präsident Reichel. Aus diesem Grund habe der LASK, der am 21. Juli zu seinem 102. Geburtstag Schalke 04 zu Gast hat, beim ORF gar nicht erst angefragt, obwohl Reichel "das Produkt Schalke für viel interessanter als Anderlecht" hält.
Auch Sturm-Graz-Präsident Gerald Stockenhuber hätte ein Produkt anzubieten, den Test gegen Arsenal London, auch am 21. Juli, das hätte, Scherz am Rande, förmlich nach einer Konferenzschaltung geschrien. "Ich wäre nicht so vermessen, Sturm gegen Arsenal im ORF zu verlangen", sagt Stockenhuber, "obwohl Arsenal viel mehr Berechtigung hätte als Anderlecht." Die Rapid-Behandlung durch den ORF lasse ihn "sehr verwundert" zurück. "Ich werde das bald hinterfragen."
Bei Red Bull Salzburg sieht man sich "gar nicht tangiert". Austria-Manager Markus Kraetschmer hat "kein Problem mit der Übertragung. Sie spricht für den österreichischen Klubfußball." Austria-Präsident Wolfgang Katzian indes soll, seit Niko Pelinka für die roten ORF-Stiftungsräte spricht, auf mehr Austria-Akzeptanz im ORF hoffen. Pelinka fragt sich auch, ob hinter der Übertragung des Rapid-Testspiels "programmplanerische Überlegungen stehen".
Diesbezüglich verweist der ORF auf 2009, als Rapid am 19. Juli gegen Liverpool antrat und diese Abendpartie nach der Pause mehr Zuseher (342.000) hatte als zuvor am Nachmittag das Bundesliga-Auftaktspiel Salzburg gegen Austria (243.000). Einem möglichen Kulturschock nach vier WM-Wochen beugt der ORF am Samstag jedenfalls vor. "Kommentator", heißt es, "ist WM-Heimkehrer Michael Roscher." (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 10. Juli 2010)