WM-Gespräch

"Es gibt Freuden­momente, die schmerzen"

Gerhard Dilger, 9. Juli 2010, 19:08
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    "Hier schreien alle Babys bei ihrer Geburt 'Gooooooool‘" , sagt Galeano über seine Heimat Uruguay.

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    In Montevideo unterstützen auch Orangen die "Celeste".

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    Drama mit Happy-End: Uruguay gegen Ghana.

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    Vorbei. (Nach Uruguay - Niederlande)

Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller, über Südamerika, Europa, Afrika, den Fußball an und für sich - und natürlich den wundersamen Weg der "Celeste"

Standard: Gleich vorweg - wer wird Weltmeister?

Galeano: Zum Propheten tauge ich nicht. Und außerdem, das gestehe ich Ihnen, will ich die Zukunft gar nicht wissen.Wenn eine Zigeunerin meine Hand nimmt und mir anbietet, sie zu lesen, flehe ich sie an: "Señora, bitte seien Sie nicht grausam." Ich will nicht wissen, was geschehen wird, ja, nicht einmal vorweg spüren, denn das Beste im Leben wartet immer hinter der nächste Ecke. Und ich füge hinzu: Zum Glück gehen die Vorhersagen daneben. Die Zeit macht sich über jene lustig, die sie erraten möchten.

Standard: Was halten Sie von der deutschen Mannschaft?

Galeano: Erstaunlich! Sie hat die Kraft und die Schnelligkeit der alten Zeiten, dazu eine Eleganz und eine Freude, vielleicht der Beitrag so vieler junger Spieler, die in ihre Reihen aufgenommen wurden, der Einwanderer oder Einwandererkinder. Im Fußball wie im Leben bedeutet die ethnische Vermischung Verbesserung.

Standard: Und warum haben es die Argentinier letztlich nicht geschafft?

Galeano: Sie haben in mehreren Spielen geglänzt, und jetzt sind sie weg, gedemütigt durch ein Schützenfest. Das macht mich traurig, auch wenn der deutsche Sieg mehr als gerecht war. Wo hat Argentinien versagt? Offensichtlich hat es das Mittelfeld vernachlässigt, es fehlte an den Verbindungen zwischen vorne und hinten, und Messi wurde nach allen Regeln der Kunst von der deutschen Abwehr blockiert. Vielleicht hat das auch ein wenig mit der Messi-Abhängigkeit zu tun. Wenn es einen so außergewöhnlich guten Spieler gibt, kommt es fast zwangsläufig zu so etwas. Jedenfalls, das ganz nebenbei, Messi spielte während der ganzen WM viel besser als der andere Superstar Cristiano Ronaldo. Der war da, aber keiner hat ihn gesehen.

Standard: Pelé zweifelte ja vor der WM an Diego Maradonas Trainerkünsten. Hatte er recht?

Galeano: Im heutigen Fußball verrichtet der Trainer eine unsaubere, ja, hochgiftige Arbeit. Er ist der Sündenbock für Niederlagen, und dasselbe Volk, das ihn in den Himmel gehoben hat, schickt ihn später in die Hölle. Vor ein paar Jahren schon wussten die Leute nicht mehr, was ein Trainer wirklich ist. Dann nannte man ihn technischen Direktor.

Standard: Die meisten südamerikanischen Stars spielen in Europa. Sehen Sie eine Chance, diesen Fußball-Rohstoffexport abzustellen?

Galeano: Nein. Wir Länder des Südens werden weiter Hände und Füße für die Arbeit in den Norden der Welt exportieren.

Standard: Brasilien ist mit seinem Dunga-Rezept gescheitert. Was würden Sie Ihren Nachbarn im Hinblick auf die WM 2014 in Brasilien empfehlen?

Galeano: Ich gebe und erhalte ungern Ratschläge, aber uns Lateinamerikanern geht es nicht gut, wenn wir die Erfolgsrezepte der Europäer nachahmen. Weder im Fußball noch sonst wo. Wir haben das auch nicht nötig. Ich habe schon mehrfach über die jetzige deutsche Mannschaft folgendes Lob gelesen und gehört: Sie spielen wie Südamerikaner. Das Dunga-Rezept war nicht das beste für die südamerikanischste der südamerikanischen Mannschaften. Woran krankte Brasilien, dass es solche Medikamente brauchte?

Standard: Wie lautet Ihre bisherige WM-Bilanz?

Galeano: Mein guter Freund Pacho Maturana, der zwei National- und mehrere Vereinsmannschaften in diversen Ländern trainiert hat, pflegt zu sagen, und er irrt sich nicht: Der Fußball ist ein Zauberreich, in dem alles passieren kann. Wir Lateinamerikaner waren glücklich, zum ersten Mal in der Geschichte kamen vier unserer Mannschaften ins Viertelfinale. Und dann, mit einem Schlag, paff!, war nur noch Uruguay alleine gegen Europa übrig. Mit dieser Ausnahme ist die WM wieder eine EM. Vorher gab es schon keine Afrikaner mehr, ganz Afrika ist nicht mehr bei dieser WM dabei, der ersten WM in Afrika. Die Boateng-Brüder sind die dramatische Metapher des Geschehenen: Der Boateng, der für Ghana spielt, war weg, und übrig blieb der Boateng, der für Deutschland spielt.

Standard: Es waren ja die Himmelblauen, die den afrikanischen Traum beendet haben. Wie haben Sie die letzten Momente der Partie Uruguay - Ghana erlebt?

Galeano: Das war ein Hitchcock-Film. Das hat mir den Atem geraubt. Mir und allen, die das spannendste aller WM-Spiele gesehen haben. Wie man weiß, gewann Uruguay, und gleichzeitig wurde so die Niederlage von ganz Afrika besiegelt. Ich habe das gefeiert, und zugleich habe ich eine tiefe Trauer verspürt. Im Fußball wie im Leben gibt es Freudenmomente, die schmerzen.

Standard: Warum ist diese uruguayische Mannschaft so stark?

Galeano: Weil sie an das glaubt, was sie macht, und die Begeisterung gleicht das aus, was ihr fehlt. Ich weiß nicht, ob sie Dritter wird, aber wieder ist es wundersam wahr, dass ein Land mit weniger Einwohnern als ein Viertel von Buenos Aires fähig sein kann, so weit zu kommen. Wir alle feiern das, die wenigen, die wir sind, denn Uruguay ist ein äußerst fußballverrücktes Land, hier schreien alle Babys "Gooooooool" bei ihrer Geburt. Im Celeste-Trikot steckt viel Energie. Und die Geschichte hilft auch. Unser Ländchen hat zweimal Fußball-Gold bei Olympischen Spielen gewonnen, als es die WM noch nicht gab, und zwei Weltmeisterschaften, die erste hier in Montevideo, und dann die von 1950, als wir Brasilien bei der Einweihung des größten Stadions der Welt, des Maracanã, vor 200.000 tobenden Zuschauern besiegt haben. (Mit Eduardo Galeano sprach Gerhard Dilger - DER STANDARD PRINTAUSGABE 10.7. 2010)

Zur Person:
Eduardo Galeano (69), geboren in Montevideo, Uruguay, ist Journalist, Essayist und Schriftsteller. Er schrieb den Fußballklassiker "Der Ball ist rund und die Tore lauern überall" (Wuppertal 1997, Neuauflage Zürich 2006). Zuletzt erschienen von ihm "Fast eine Weltgeschichte" (Wuppertal 2009) und "Geschichte von der Auferstehung des Papageis" (Zürich 2010).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 63
1 2
der lange
00
12.7.2010, 20:21
ein tolles interview

wer diesen mann verunglimpft, dem hat gefällt auch coelho oder marquez nicht und der konnte "gran torino" von eastwood nicht ausstehen ...

How To Blow The Vuvuzela
14
10.7.2010, 12:49
Zigeuner - Innerer Reichsparteitag - Neger

Solche Begriffe zu verwenden ist zuweilen gefährlich. Wenn es jedoch passiert, kommt es auch ein wenig auf die Haltung an, die dahinter steckt. Oft spürt man trotz der verdächtigen Begriffe Achtung, viel menschliche Wärme, Toleranz und Menschenliebe. In den Postings der Kritiker fehlen diese Werte gänzlich. Sie fallen über einen her mit einer Selbstgerechtigkeit und Hybris, in der viel mehr Nazismus drin steckt als in denen, die sie kritisieren

kingdavid
00
10.7.2010, 19:33

...der originaltext, zigeuner auf spanisch.

Jürgen Rembremerding
00
10.7.2010, 13:00
Quatschkopf!

Ist nicht schlimm! Ich habe es mit einer lieben inneren Haltung gesagt!

How To Blow The Vuvuzela
00
10.7.2010, 13:57
Na, dann isses ja gut, lieber Jürgen

Den Quatschkopf hab ich gar nicht gelesen

Jürgen Rembremerding
00
10.7.2010, 14:10
Eigentlich krieche ich hier zu Kreuze!

Ich habe Dein Posting zu schnell gelesen. Noch nochmaliger Lektüre stelle ich fest:

Ich hätte es nicht besser sagen können!

Du hast schlicht und einfach recht!

How To Blow The Vuvuzela
00
10.7.2010, 14:36
:-))

Chapeau

Chris_SM
00
10.7.2010, 11:34
Hier schreien alle Babys Gooool bei der Geburt

Ein sehr sehr schöner Text, den ich mit Freude gelesen habe, was auf die meisten Postings dazu nicht zutrifft. (Ausnahmen bestätigen die Regel).
Die Celeste bietet bei dieser WM großartigen Fußball, ich würde ihnen den 3. Platz vergönnen. Vierte sind sie ohnehin schon zweimal geworden.(54 nach Niederlage gegen Ö).

Uruguay galt einst als die Schweiz Südamerikas(relativ breiter Wohlstand, Sozialstaat, Demokratie u.s.w), wie es heute ausschaut weiß ich nicht genau.

rank7
00
10.7.2010, 14:28
Funny van Dannen - Uruguay

der User @catpower glaub ich war´s hat dieses Lied gepostet unlängst, hier nochmal der Link:

http://www.youtube.com/watch?v=WqAUnao1eCA

Jürgen Rembremerding
00
10.7.2010, 15:59
In aller Bescheidenheit:

Ich hatte es gepostet; macht aber nix!

Danke für den immer wieder charmierenden Link!

Auf der CD ist noch so was schönes über intime Gedanken drauf:

http://www.youtube.com/watch?v=xK32kcLQgEo

vagabundodelmundo
12
10.7.2010, 00:26

großartiger autor, seine bücher sind ein muss für jeden lateinamerika-interessierten!
wusste gar nicht, dass er sich sogar im fußball auskennt, war aber irgendwie klar.

recycle _or die
00
10.7.2010, 14:45

würde auch einigen europäern gut tun eines seiner bücher zu lesen ;)

pandoras box
01
10.7.2010, 13:33

ad galeano und bücher und "sogar fußball", btw: http://www.unionsverlag.com/info/titl... le_id=2362

so go
00
wir haben übrigens

in österreich rund 3/4 der einwohner von buenos aires

Mika Eskimo
 
11
10.7.2010, 09:19

Wenn es so weiter geht mit der Wirtschaftskrise sind wir dann auch so arm und zwanzig Jahre später spielen wir dann vielleicht guten Fußball. Ist es das wert ?

kingdavid
00
10.7.2010, 19:39

...die udssr wurde europameister und finalist, spieler waren oft studenten und nicht arm. Oder dänemark 92. Ausserdem war fussball zunächs ein sport der elite.

Octopus Paul
00
10.7.2010, 00:40

geiselhaft?

Paul die Krake sagt:
114
Im Fußball wie im Leben bedeutet die ethnische Vermischung Verbesserung.

my words - nur assimilierung, also vermischung, kann ein friedliches miteinander schaffen.

leider gibt es dann wieder leute wie der hirnamputierte islamonationalist erdogan oder auch viele linke, die glauben, dass vermischung, weil diese wiederum assimilierung voraussetzt, eine todsünde sei und volksgruppen nur nebeneinander her leben sollten

ausnahmsweise
00
10.7.2010, 07:39

genau! deswegen assimiliert er sich jeden tag ein paar austern.

Lemonshark
 
14
10.7.2010, 00:34
Vermischung?

Assimilation bedeutet nicht Vermischung und auch nicht Integration!

Es bedeutet einen Teil, unter Vernichtung der eigenen Identität, zu einem Ganzen hinzuzufügen

rank7
05
fast schon frech

wie Sie das hier mißbrauchen.

Assimilation heißt Angleichung, nicht Vermischung, btw.

und die hat Hr. Galeano sicher nicht gemeint

Ich, hasse Beistrichfehler
00
11.7.2010, 14:57
denk mal nach

Vermischung hat Angleichung zur Folge

Lemonshark
 
00
12.7.2010, 00:33
OK!!!

Kümmern sie sich lieber um Beistrichfehler und nicht um Begriffe die sie nicht verstehen!!

Ich, hasse Beistrichfehler
00
12.7.2010, 14:46

Bei so vielen Rufzeichen müssen Sie ja bestens Bescheid wissen.

so go
02

paul, das weichtier, müsste darüber eigentlich bestens bescheid wissen. ein weiteres indiz für einen hochstapler.

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