Kafkaesker Prozess in New York gegen die zehn Agenten, die für Russland arbeiteten
Schnell sollte es gehen, Hauptsache schnell. Es war gerade mal dunkel geworden in New York, da hob die Maschine der obskuren Vision Airlines, gechartert vom Weißen Haus, auch schon ab in Richtung Wien. Nur wenige Stunden vor dem Start hatten die ausgetauschten Agenten noch im Bundesgericht an der Pearl Street gesessen. Anna Chapman, das Glamourgirl der verworrenen Spionagegeschichte, war wie die meisten anderen auch in Sträflingskleidung vor Kimba M. Wood, dem Richter erschienen.
Es wurde mucksmäuschenstill, als Wood die zehn nach ihren Namen fragte. Als Erster war der Mann an der Reihe, der sich Richard Murphy nannte und mit seiner Frau "Cynthia" in der grünen Vorortidylle des Städtchens Montclair wohnte. Seine wahre Identität: Wladimir Gurjew. Seine Gattin Cynthia heißt eigentlich Lydia. Donald Heathfield, der in Harvard studiert hatte und sich als Kanadier ausgab, hört auf den Namen Andrej Bezrukow, seine mit Immobilien makelnde Partnerin Tracey Lee Ann Foley ist Jelena Wawilowa.
Alle lassen sich ein auf ein Geschäft, einen "plea deal" , wie es in Amerika heißt, wenn jemand seine Schuld eingesteht und dafür mit Milde rechnen darf. Spionage ist es nicht, was der Richter ihnen zur Last legt. Keiner habe Staatsgeheimnisse weitergegeben. Auch der Vorwurf der Geldwäsche wird fallen gelassen, obwohl er angesichts geschmuggelter Dollarbündel zunächst erhoben werden sollte. Auf Geldwäsche stehen bis zu 20 Jahre hinter Gittern. So etwas könnte nur aufhalten, wenn es schnell gehen soll, weshalb der zuständige Staatsanwalt das mit dem Geld streicht und sich auf eine Anklage beschränkt, die so bizarr klingt, dass sie eines Kafka-Romans würdig wäre. Alle zehn, lautet der Vorwurf, hätten es versäumt, ihr Agentengewerbe bei den US-Behörden ordnungsgemäß anzumelden. Die elf Tage Gefängnis, die Richter Wood als Strafmaß festsetzt, haben die Spione bereits abgesessen. Der Blaulichtfahrt zum Flughafen steht also nichts mehr im Wege.
Die Mannschaft Barack Obamas, so viel ist klar, will ihr nach Abrüstungsvertrag und Iran-Absprachen deutlich verbessertes Verhältnis zu Russland nicht belasten, zumal der amerikanische Präsident einen guten persönlichen Draht gefunden hat zu seinem russischen Kollegen Dmitri Medwedew. Klar ist auch, dass Obama die Weichen stellte. "Der Präsident wurde zu jeder Zeit voll informiert vom Justizminister" , sagte sein Stabschef Rahm Emanuel. "Ja, und es waren Entscheidungen zu treffen" .
Was altgediente Insider überrascht, ist das Tempo, mit dem Moskau und Washington das lästige Kapitel abhaken wollten. John Martin hat in seinen 26 Jahren im Justizressort 76 Spionagefälle erlebt, er kennt das 007-Flair ebenso wie das mühsame Einfädeln komplizierter Deals. Noch nie seien Spione nach so kurzer Haft freigekommen wie die zehn Russen in Amerika. Früher habe man oft jahrelang an einem Austausch gefeilt, diesmal sei das völlig anders.
Lieber in New York geblieben
Robert Baum spricht von einer bitteren Stunde für seine Klientin Anna Chapman, der die Boulevard zu Füßen lag. Baum sieht sie nicht als raffinierte Spionin, sondern als ehrgeizige Geschäftsfrau. "Wenn sie überhaupt etwas getan hat, dann war es minimal" , sagt er. Die 28-Jährige, glaubt er, wäre lieber in New York geblieben.
Der Fall von Vicky Pelaez ist komplizierter. Die 55 Jahre alte Journalistin, die nach Lima flog, um von russischen Beamten Geld entgegenzunehmen, hat eine peruanische und amerikanische Staatsbürgerschaft. Nun garantiert ihr die russische Regierung pro Monat zweitausend Dollar Stipendium, dazu kostenloses Wohnen und Besuchsreisen ihrer Kinder. Ihrem Anwalt zufolge wollte sie aber gar nicht nach Russland. Sie kennt das Land nicht einmal. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2010)