Stigma des Scheiterns

Anonyme Insolvenzler im Gespräch

10. Juli 2010, 17:00
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    foto: apa/maurizio gambarini

    Unter Insolvenzlern gibt es jese Menge an Know-How, sagt Attila von Unruh

Seit 7. Juli gibt es einen Wien-Ableger des in Deutschland gegründeten "Gesprächskreises Anonymer Insolvenzler" - Attila von Unruh, Gründer des Vereins, spricht über seine Entstehung und seine Zukunft: "Eine Kultur der zweiten Chance schaffen"

as Stigma des Scheiterns haftet einem an. Und zum Kampf ums finanzielle Überleben kommt hinzu, dass sich Menschen - auch sehr nahe geglaubte - von einem abwenden. "Noch vor meiner persönlichen Erfahrung dachte ich, dass Menschen, die in Insolvenz gehen, nicht mit Geld umgehen können" , sagt Attila von Unruh. 2007 gründete er aus eigener Betroffenheit heraus die Initiative "Gesprächskreis Anonyme Insolvenzler" in Köln. Eine Initiative, die fortan Aufmerksamkeit erregte und eine Vielzahl Interessierter und Betroffener anzog. Seit der Gründung wuchs die Zahl der Gesprächskreise deutschlandweit auf acht - seit Anfang Juli gibt nun auch einen Wiener Gesprächskreis.

"Keine Versager"

Noch immer sei das Bild, das in der Gesellschaft über Insolvenzler vorherrsche, von einer Gruppe von Menschen bestimmt, die aufgrund von Konsumschulden und unlauterem Verhalten insolvent geworden sind, bedauert von Unruh.

Dabei sei die Mehrzahl der Unternehmen etwa aufgrund von Zahlungsausfällen oder verschärfter Kreditkonditionen der Banken insolvent geworden, obwohl sie im Kern gesund gewesen seien. In Privatinsolvenz seien viele aufgrund von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Tod des Ehepartners in Überschuldung geraten, schöpft von Unruh aus den Erfahrungen der Gesprächskreis-Teilnehmer. Er selber, der lange Jahre als Unternehmer und Führungskraft tätig gewesen sei, wisse, dass es sich hier keineswegs um Versager handle, sondern um Menschen, die wieder etwas leisten wollen - und die es mit entsprechenden Rahmenbedingungen auch könnten.

Für diesen gesellschaftlichen Mehrwert, für "eine Kultur der zweiten Chance" , wie er es nennt, setzt sich von Unruh seither ein. "Ich bin der Ansicht, dass unter den Insolvenzlern eine Menge Kompetenz und Know-how versammelt ist, das - auch zum Wohle der Gesellschaft - besser genutzt werden könnte, wenn diesen Menschen wieder die Möglichkeit geboten würde, wieder arbeiten zu können" , sagt er.

Raum für Austausch

Zunächst aber gehe es um den anonymen Austausch: Ob Privat- oder Firmeninsolvenz, alle Betroffenen, auch jene, die vor einer Insolvenz stehen, sowie deren Angehörige sind in den Gesprächskreisen willkommen, sagt von Unruh. Die Betroffenen helfen einander gegenseitig, man biete weder Rechts-, Schuldner- noch Steuerberatung an, so von Unruh zur Grundidee der Selbsthilfegruppe.

Auf Fragen wie "Wie gehe ich mit der Situation um?" oder "Was brauche ich, um entsprechend weiterzukommen?" gelte es Antworten zu finden. Auch darüber entstehe ein Netzwerk aus Empfehlungen der Teilnehmer, erklärt von Unruh das Konzept. Darüber hinaus gebe es Informationsabende zu speziellen Themen. Aus diesen Erfahrungswelten schöpfend, konnten bereits einige Insolvenzen abgewendet werden, sagt von Unruh, der aktuell neben seiner Tätigkeit als Berater und Coach auch als Preisträger des Königswieser & Network Award 2009 (der Standard hat berichtet) mit Kollegen des Qualifizierungsprogramms zur Komplementärberatung an einem Beratungskonzept für Insolvenzverwalter und Sanierungsunternehmen arbeitet.

Ein weiteres Projekt ist der "Entschuldungsfond" , der Menschen vor einer drohenden Privatinsolvenz unterstützen soll. Die finanziellen Verhältnisse seien dort überschaubarer und leichter zu regeln als in Unternehmen. Es gelte hier Erfahrungen zu sammeln, um im nächsten Schritt auch Selbstständige und Kleinunternehmer unterstützen zu können, so von Unruh weiter. Das Volumen der benötigten Einlagen in den Fond zur Unterstützung von Privatpersonen liege derzeit bei 250.000 Euro, um entsprechende Darlehen ausgeben zu können. Wer diesen Fond speise? Von Unruh: "Zum Glück gibt es wohlhabende Menschen, die ihr Geld sinnvoll anlegen wollen."(Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2010)

 

Gerhard Müller
00
18.7.2010, 13:36
Das wäre ja nett, so ein Kreis

wenn es nicht Wolfgang Biebel wäre, der ihn leitet.

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