Zu laut, zu lange und zu nah an der Schallquelle: Es gibt Hinweise, dass MP3-Player Schwerhörigkeit fördern
Vor allem Jugendliche laufen Gefahr, sich die Ohren zu verderben.
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Alles ist eine Frage von Dezibel. Rund jeder sechste 15-Jährige reagiert nicht mehr auf Töne, die ein gesundes Ohr problemlos wahrnimmt: Das zeigte kürzlich eine Untersuchung der Tiroler Fachhochschule für Gesundheit und der Uniklinik Innsbruck bei 196 Schülern. Amerikanische Studien bei 17- bis 25-Jährigen bestätigen dies. Hören Jugendliche schlechter als früher? Liegt das etwa an MP3-Playern?
Über diese Frage streiten sich die Forscher. Manche sind sich sicher: Ja, sie führen zu Schwerhörigkeit. Andere widersprechen: Das sei überhaupt nicht bewiesen. Wer hat recht? "MP3-Player haben sich so schnell verbreitet, dass wir kaum hinterherkommen, die gesundheitlichen Konsequenzen zu erforschen", sagt Peter Rabinowitz, Gesundheitswissenschafter an der Yale-Universität in den USA. "Einige kleine Studien zeigen, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die ihren MP3-Player häufig benutzen, schlechter hören." Es gebe jedoch bisher keinen Beweis dafür, dass das Gehör von Jugendlichen generell schlechter sei als vor zwanzig Jahren. "Vielleicht ist es noch zu früh, um die Schäden für das Gehör nachzuweisen."
In Europa verwenden Millionen von Menschen täglich einen MP3-Player. "Die Geräte sind genauso gefährlich oder ungefährlich wie CD-Player, Walkmen oder eine Hi-Fi-Anlage", sagt Patrick Zorowka, Direktor der Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen an der Med-Uni Innsbruck. "Das Problem ist, dass viele ihren Ohren keine Ruhepause gönnen." Zu viel Lärm schadet definitiv dem Gehör: "Das wissen wir spätestens seit Untersuchungen bei Fabrikarbeitern in den 50er-Jahren", sagt Roland Laszig, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-(HNO)-Klinik an der Uni Freiburg. "Waren die Arbeiter zu lange zu hohen Schallpegeln ausgesetzt, wurden sie schwerhörig."
Der Schallpegel ist ein Maß dafür, wie stark die Sinneszellen im Innenohr (Haarzellen) belastet werden. 80 Dezibel entspricht der Lautstärke von Straßenverkehr, 90 Dezibel erzeugt eine Fräsmaschine und 110 eine Kettensäge. "Bei der Frage, wie sehr die Player dem Gehör schaden, spielen drei Faktoren eine Rolle", erklärt Laszig. "Erstens, wie laut man hört, zweitens, wie lange man hört, und drittens, wie weit die Schallquelle vom Innenohr entfernt ist." Dort nehmen die Haarzellen den Schall auf, verarbeiten ihn und leiten die Signale an das Gehirn weiter. "Ist man längere Zeit Lärm ausgesetzt, werden die Zellen nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt, und man wird vorübergehend schwerhörig." Normalerweise erholen sich die Zellen wieder, und am nächsten Morgen hört man wieder normal. "Beschallt man sein Ohr aber ständig und gönnt ihm keine Ruhepause, sterben die Haarzellen."
Dauerbeschallung
Dies äußert sich nicht unbedingt gleich in einer merkbaren Schwerhörigkeit, sondern lässt sich nur mit speziellen Tests messen. "Viele Jugendliche hören nicht nur ständig MP3-Player, sondern gehen zusätzlich in Discos, Kneipen oder Rockkonzerte ", sagt HNO-Arzt Zorowka. "Für Lärmpausen bleibt kaum Zeit."
Was es schwierig macht, den Schaden einzuschätzen: "Die Haarzellen reagieren bei jedem unterschiedlich", weiß Rudolf Probst, Direktor der Hals-Nasen-Ohrenklinik am Unispital Zürich. "Raucht jemand oder hatte er schon einmal eine Mittelohrentzündung, sind die Haarzellen empfindlicher." Probst fand zudem kürzlich heraus, dass manche Jugendliche durch MP3-Player-Hören ein suchtähnliches Verhalten entwickeln: "Sie konnten nicht mehr auf den Player verzichten und wollten immer länger hören."
Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission zeigte, dass die meisten Jugendlichen die Lautstärke ihres Players auf "vernünftige" Werte um 80 Dezibel einstellten und nicht zu lange hörten. Doch nahezu jeder zehnte drehte das Volumen zu hoch. "Einen Pegel von 95 Dezibel sollte man seinen Ohren nicht länger als insgesamt vier Stunden pro Woche zumuten", rät Probst. Spätestens wenn man ein Summen höre oder das Gefühl von Watte im Ohr habe, solle man die Stöpsel rausnehmen: "Das ist ein Alarmzeichen, dass die Haarzellen geschädigt sind." In der EU gilt für MP3-Player die Euro-Norm, die bei maximaler Lautstärkeeinstellung 100 Dezibel erreichen soll. "Importiert man Player, ändert die Software oder verwendet verstärkende Kopfhörer, können aber bis zu 120 Dezibel erzeugt werden - das ist so laut wie ein Düsenjet", warnt Zorowka.
Kürzlich beauftragte die Europäische Kommission ein Gremium, neue Sicherheitsstandards für die Player zu entwickeln. Damit könnte man beispielsweise von außen den Dezibelwert erkennen. Die Geräte könnten warnen, wenn man seine Tagesdosis überschreitet oder automatisch die Lautstärke bei drohender "Überdosis" reduzieren. Bis die Hersteller sich daran halten, könnte es aber noch einige Jahre dauern.
"Besser ist, seine Ohren zu schützen", rät Zorowka. "Ohren- stöpsel oder schützende Kopfhörer bieten sich am Arbeitsplatz an. Wenn man laut Musik hören möchte, sollte man nach spätestens drei Stunden den Haarzellen eine Ruhepause gönnen." Vor Feuerwerk-Knallkörpern hilft am besten Abstand. "Sie haben extrem hohe Schallpegel - das Ohr kann sich davor kaum schützen." Bei allen Diskussionen darf man aber die positiven Eigenschaften der MP3-Player nicht vergessen: "Man muss dem Ohr aber täglich eine Pause gönnen - mindestens zwölf Stunden über Nacht." (Felicitas Witte, DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2010)