Medizinertest

Massenprüfung mit Verspätung

Lisa Aigner und Julia Hold, 9. Juli 2010, 13:07
  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Noch nie haben sich soviele in Österreich für ein Medizinstudium beworben: Die Warteschlangen vor dem Austria Center waren programmiert.

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Im Großen Saal im Austria Center machte sich vor Prüfungsstart Nervosität breit: Der Test begann eine Stunde verspätet.

  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Wasser, Müsliriegel, Obst und Pässe nahmen die Bewerber in den Prüfungssaal mit.

  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Beim sogenannten "Schlauchtest" wird das räumliche Denkvermögen überprüft.

  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Vizerektor Mallinger stellte sich vor Beginn des Tests den Fragen der Journalisten.

  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Noch sind sie nicht ausgeteilt: Die Prüfungsbögen des EMS-Tests, der zeitgleich auch in Innsbruck durchgeführt wird.

  • Artikelbild
    foto: redaktion

    Viele sind perfekt vorbereitet: Für Sandra kann der Test beginnen.

10.500 potenzielle Medizin-StudentInnen rangeln um 1.500 Plätze - derStandard.at war im Austria Center

Annalena und Lisa sitzen am Boden vor der Garderobe. Sie warten bis eine der Warteschlangen ein wenig kürzer ist, um ihre Taschen und Jacken abzugeben. "Ich bin überraschend ruhig", sagt Lisa und ihre Freundin lacht zustimmend. In die von der Universität ausgeteilten transparenten Plastiksackerln haben sie Äpfel, Bananen und Nüsse gepackt. Diese Jause dürfen sie in den Prüfungssaal im Austria Center Vienna mitnehmen. Der Rest muss draußen bleiben. 

Vor dem Austria Center hat sich eine Warteschlange bis zur U-Bahnstation Kaisermühlen gebildet. Eine junge Frau hat ihren Hund mit, den sie aber später noch abgeben will. Insgesamt 6.000 junge Leute haben sich für einen der 780 Studienplätze für Medizin in Wien beworben. Wegen der hohen Anzahl der Bewerber musste die Med Uni Wien zwei Standorte für das Aufnahmeverfahren mieten: Das Austria Center und die Messe Wien. 4.000 haben sich am Freitag dazu entschlossen tatsächlich beim "Eignungstest für das Medizinstudium" in Wien anzutreten. Die Mehrheit absolviert den Test im Austria Center.

300 Euro für den Vorbereitungskurs

Annalena und Lisa haben beide einen Vorbereitungskurs für den EMS-Test gemacht und über 300 Euro dafür bezahlt. "Ich will wissen, was mich da erwartet", erklärt Annalena. Vizerektor Rudolf Mallinger rät den Bewerbern allerdings von den Vorbereitungskursen ab. "Man braucht kein Geld für einen Kurs auszugeben. Vorbereiten sollte man sich aber schon", sagt er zu derStandard.at. Dazu würde es ausreichen sich das Buch mit einem Beispieltest um 12 Euro zu kaufen. Erfahrungsgemäß reichen zwanzig Stunden Vorbereitung aus, meint Mallinger. 

In der Warteschlange stehen die Bewerber um 8:30 bereits in der prallen Sonne. "Ich glaube es wird heiß", sagt einer von ihnen auf die Frage, was er von der Prüfung erwartet. "Ich befürchte eher, dass es durch die Klima-Anlage sehr kalt wird", sagt ein Mädchen neben ihm. 

Die Tore des Austria Centers öffnen sich. Die Masse bewegt sich allerdings nur langsam voran. Alle müssen durch die Sicherheitsschleusen gehen und einige haben noch unerlaubtes Gepäck dabei. Der Test hätte um neun beginnen sollen, doch um diese Uhrzeit sind viele noch nicht einmal bis in das Gebäude vorgedrungen.
Im großen Prüfungsaal, in dem 3.000 Bewerber Platz finden, hat es vielleicht 18 Grad. Es ist kurz vor halb zehn. Die meisten haben schon ihren zugewiesenen Sessel gefunden und sich brav hingesetzt. Beginnen kann die Prüfung aber immer noch nicht: Es sind noch nicht alle da. Eine Aufsichtsperson beruhigt die potentiellen Medizinstudenten: "Uns ist bewusst, dass es noch zu kalt ist, wir werden uns bemühen, eine angenehme Temperatur einzustellen", sagt er durch die Lautsprecher.

Nüsse für die Konzentration

Vor Sandra liegen fein säuberlich aufgereiht drei Textmarker, zwei angespitzte Bleistifte, ein Müsliriegel und eine Uhr. Auch sie hat einen Vorbereitungskurs besucht, ist aber unzufrieden mit der angebotenen Qualität: "Im Endeffekt hab ich mir Bücher gekauft und mich alleine vorbereitet. Das waren die 300 Euro nicht wert", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. Eine andere Bewerberin isst hektisch Nüsse, wohl um die Konzentration zu steigern.

Auch die Aufsichtspersonen haben sich bereits in Stellung gebracht. "Auf 250 Anwärter kommen acht Aufsichtspersonen. Schummeln ist hier kaum machbar. Einzige Möglichkeit ist das Abschreiben vom Nachbar und der hat einen anderen Prüfungsbogen", erklärt Matthäus Grasl, einer der Aufpasser.

2.000 Bewerber sind nicht gekommen

Der Kostenaufwand für die Betreuung der über 6.000 Studienplatzanwärter in Wien liegt bei 300.000 Euro. Deshalb überlegt Vizerektor Rudolf Mallinger für die Bewerbung Geld zu verlangen. "Mir geht es gar nicht so sehr um die Kosten, sondern mehr um die Ernsthaftigkeit des Aufnahmeverfahrens", erklärt er vor einer Gruppen von Journalisten. Wenn jeder Bewerber 80 Euro zahlen würde, könnte man die Kosten abdecken, sagt Mallinger. "Aber dieser Schritt ist politisch nicht gewollt",fügt der Vizerektor hinzu und macht damit klar, dass sobald keine Anmeldegebühr bezahlt werden muss.
Am Freitag hätte man sich die Miete der Messe sparen können, da 2.000 Bewerber nicht gekommen sind und so alle Anwärter im Austria Center Platz gehabt hätten.

Die Fragebögen werden gegen zehn Uhr, eine Stunde später als geplant, von Mitarbeitern der Uni ausgeteilt. Die erste Testphase dauert vier Stunden, nach einer Stunde Mittagspause geht es noch einmal drei Stunden lang weiter. Nachdem die Bewerber die Bögen um ca. 18 Uhr abgegeben haben werden sie zurück in die Schweiz geschickt. Dort wertet sie ein Computer aus und bis Anfang August wissen 780 der Prüflinge, dass sie einen der begehrten Studienplätze ergattern konnten. (Lisa Aigner und Julia Hold, derStandard.at, 9.7.2010)

Info:

Über 10.500 haben sich für die 1.500 Medizinstudienplätze in Wien, Innsbruck und Graz beworben. Tatsächlich angetreten sind in Wien rund 2.900 und in Graz 1.300 und in Innsbruck 1.900 Bewerber (Zahlen gerundet). Zwei Drittel der Bewerber in Tirol kommen aus Deutschland. Für das Medizin-Studium gibt es derzeit noch eine Quote: 75 Prozent der Plätze müssen Österreichern zur Verfügung stehen, 20 Prozent sind für EU-Bürger (meist Deutsche) reserviert und 5 Prozent der Plätze bekommen Angehörige aus Drittstaaten.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 278
1 2 3 4 5 6 7
de Molay
00
11.7.2010, 16:16

Grundsätzliches: 1. Bei dem Aufnahmeverfahren geht es im die Selektion von Kandidaten die das Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit abschließen werden.
2. Es geht nicht darum möglichst gute zukünftige Mediziner zu identifizieren - was ja bei dem Spektrum: Zytochrom-p-irgentwas-Forscher und Hausarzt in Hintertupfing gar nicht möglich ist. Danke

Seria
50
11.7.2010, 15:46

Studiengebühren einführen und gute Studenten, bzw Schüler mit guten Maturanoten und arme, wenn sie gute Noten haben, von den Gebühren befreien

richard145
 
00
12.7.2010, 03:40
aha

und wie vergleicht man dann die noten der htl, hak, hbla usw. ?

Hannes Serafin
01
10.7.2010, 20:11
wegen Sandra:

was ist das mit mädchen und neonstiften?
kann mir das jemand erklären?

Round'n'round it goes
02
11.7.2010, 11:49

In Pastellfarben kann man Textmarker nun mal nicht kaufen... Und sie helfen, einen Text zu strukturieren und Wichtiges hervorzuheben, um es nachher nicht zu vergessen.Was ist so schlimm daran? Außerdem: Dürfen Jungs nicht auch Textmarker verwenden? Ich kenne viele, die das tun. Eigentlich verwenden alle Studierenden, die mir bekannt sind, Textmarker.

Und ich kann's echt nicht glauben, dass ich 450 Zeichen über Textmarker schreiben kann....

Schrumpfschlauch
20
11.7.2010, 19:08
Und dabei haben Sie die Glitzerstifte völlig ausgelassen

Entfesselter Prometheus
00
10.7.2010, 14:51
Was bin ich froh

dass ich meine Studien abgeschlossen habe und solche Schikanen nicht durchmachen musste. Dabei liegt mein Studentendasein nur wenige Jahre zurueck. Wie schnell sich etwas aendern kann...

Constantini raus - Irgendwer rein
03
10.7.2010, 13:53
Ich hab mir...

das 2 mal angetan. Beide male knapp daneben gelegen, um wenige Punkte.
Was pervers ist, denn viele der Fragen muss man raten. Es geht sich zeitmäßig bei niemanden völlig aus.
Beim auswendig lernen hatte ich 19 von 20 richtig, trotzdem war ichs nicht gut genug für dieses Studium.

C’est la vie
gott sei dank steh ich da drüber. ist ohnehin nur die 1 hürde. freunde von mir die das bereits studieren klagen über wartejahre weil es nicht genug plätze gibt damit alle aufsteigen können, protektionskinder usw.

alles in allem: respekt wer das durchzieht. diese studienbedingungen sind eine frechheit.
der standard sollte mal berichten wo es ärztemangel in Ö gibt.damit die öffentlichkeit endlich überreisst das 1050 studienplätze viel zu wenig sind.

gustav gans42
10
13.7.2010, 13:45

Ihrer Grammatik nach sind Sie der Schneckerl, oder?

Eulen Heulen
01
11.7.2010, 08:47

ich denke es wird mit absicht so gehalten, damit es ja keine ärzteüberfluss gibt, was sich dann natürlich auf's gehalt bemerkbar machen würde.

Parsley, Sage, Rosemary and Thyme
73
10.7.2010, 09:00
die meisten ärzte sind lediglich am eigenen wohlergehen interessiert

am finanziellen wohlergehen. schließlich muss es schon ein bmw cabrio sein welches am golf course wartet.

ich habe aber auch einige wenige sehr engagierte erlebt, die am patienten interessiert waren.

Naschgul
00
13.7.2010, 13:31

Golf ist schon längst kein Sport mehr, der einer finanziellen Elite vorbehalten ist, aber Hauptsache, Vorurteile und Verallgemeinerungen dreschen.

ein arzt
10
11.7.2010, 08:10
.........sind Sie der Simon und Garfunkel Fan....

.......schon damals in dern 67ern oder 68ern das Medizinstudium nicht geschafft hat?
Und es noch immer nicht zu einem Cabrio gebracht haben?
Und immer noch Federball und Minigolf spielen?

asinus21
 
12
10.7.2010, 11:29

Da kann ich aber ganz anderes berichten. Es gibt genug Ärzte, die sich um die Patienten sehr bemühen - auch in ihrer Freizeit nebenbei. Nur ein Pauschalurteil fällen ist a bissl mickrig.

Grizzlybear
00
10.7.2010, 08:53
Ich habe

mein Architekturstudium Ende der 80er-Jahre begonnen. Damals waren in der allerersten Vorlesung 800 (!) hoffnungsvolle, strebsame Menschen, alle ohne „Eignungstest? an der Uni, denen Folgendes gesagt wurde: „Von den hier Sitzenden werden nur 80 das Diplom erhalten, und von diesen 80 werden nur ca. 8 (!) Architekt werden. Also, strengt euch an!? Nach einem Jahr waren viele, sehr viele, auch ich, schon weg. Ich gehe davon aus, dass das heute auch noch so ist, und die 1500 Studienplätze für Medizin kommen mir gar nicht sooo viel vor. Wie viele sind von den Leuten nach einem Jahr noch übrig?

Fakelaki
10
10.7.2010, 08:46
Prüfungstaxen sind politisch nicht gewollt

Kurzum, die Sprößlinge aus meist gut situiertem Haus erhalten alles gratis, aber es ist nicht gratis. Bezahlen darf der Steuerzahler - über Steuern oder über Einsparungen anderswo. Und wer ist der politische Unwille? Dreimal darf geraten werden.

daBart
10
10.7.2010, 19:47

Das nur Menschen aus gut situiertem Hause studieren glaubst doch nicht wirklich? Studiengebühren treffen ohne zielgerichtete Förderung nur die Mittelschicht, weil die Armen bekommen den Betrag refundiert und die Reichen juckt der Betrag nicht ... die schicken ihre Kinder schon jetzt auf Privatunis.

yofrog
02
10.7.2010, 08:22

es bleibt einem die luft weg bei soviel bildungspower in unserem lande. vom kindergarten bis zur uni sind wir sowas von zukunftsorientiert. da kriegt man angst und bange, dass man als einzelner dem überhaupt hinterher kommt.

danke an unsere weisen regierungsparteien, welche sich diesen ausgezeichneten zustand auf die brust heften können!

dajonny
00
10.7.2010, 02:22

Und wieder mal ist der einzig dumme der Bub! Und was bitte ist eine Annalena?

beethovenfries
04
10.7.2010, 00:10

Mich interessiert eher weniger, ob Annalena und Lisa am Boden vor der Garderobe sitzen mussten, sondern WAS die dort gefragt werden? WIE werden meine zukünftigen Ärzte und Ärztinnen ausgewählt?

Mad_Max86
 
01
10.7.2010, 00:41
Freiherr v. Treitschke
22
Das ist eine löbliche Veranstaltung

Ein Testsieb für die angehenden Götter im weißen Kittel, jedoch hielte ich ein Pflichtpraktikum zu Beginn eines Arztstudiums für mindestens genauso aussagekräftig wie dieser theoretische Test, der mir stark nach einem modifizierten Intelligenztest aussieht und Intelligenz halte ich für diesen Beruf nicht gerade für wesentlich.

Genosse aus der Gosse
00
11.7.2010, 08:45

gratulation - das war vermutlich der dümmste kommentar den ich seit langem zu dieser thematik gelesen habe.

Fritz Meyer
01
10.7.2010, 13:35
Ihro Gnaden...

haben nicht die geringste Ahnung.

ein arzt
010
10.7.2010, 07:43
Pflichtpraktikum?

Wie stellen Sie sich eigentlich ein "Pflichtpraktikum" für angehende Mediziner/innen vor? Probeoperieren? Anamnesen erheben? Therapien durchführen? oder doch Windeln wechseln, Patienten waschen?
Füttern? Für diese "Verrichtungen" gehört eine solide Ausbildung absolviert. Versuchen Sie doch einmal, einen halbseitig gelähmten Menschen zu waschen, umzulagern, bei Schluckstörungen zu füttern..
Vielleicht sollte man auch fürs Posten einen Intelligenztest fordern, als Pflicht sozusagen!
Und noch zum Ausdruck " Götter in Weiß": gerade mit Intelligenz und Weitsicht Ihrer Art begnadete Poster lassen uns ja in dem von Ihnen kritisierten Klischee erscheinen, vernünftige Menschen sehen in ihrem Arzt, ihrer Ärztn schon längst Partner und nicht Vormund!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 278
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.