10.500 potenzielle Medizin-StudentInnen rangeln um 1.500 Plätze - derStandard.at war im Austria Center
Annalena und Lisa sitzen am Boden vor der Garderobe. Sie warten bis eine der Warteschlangen ein wenig kürzer ist, um ihre Taschen und Jacken abzugeben. "Ich bin überraschend ruhig", sagt Lisa und ihre Freundin lacht zustimmend. In die von der Universität ausgeteilten transparenten Plastiksackerln haben sie Äpfel, Bananen und Nüsse gepackt. Diese Jause dürfen sie in den Prüfungssaal im Austria Center Vienna mitnehmen. Der Rest muss draußen bleiben.
Vor dem Austria Center hat sich eine Warteschlange bis zur U-Bahnstation Kaisermühlen gebildet. Eine junge Frau hat ihren Hund mit, den sie aber später noch abgeben will. Insgesamt 6.000 junge Leute haben sich für einen der 780 Studienplätze für Medizin in Wien beworben. Wegen der hohen Anzahl der Bewerber musste die Med Uni Wien zwei Standorte für das Aufnahmeverfahren mieten: Das Austria Center und die Messe Wien. 4.000 haben sich am Freitag dazu entschlossen tatsächlich beim "Eignungstest für das Medizinstudium" in Wien anzutreten. Die Mehrheit absolviert den Test im Austria Center.
300 Euro für den Vorbereitungskurs
Annalena und Lisa haben beide einen Vorbereitungskurs für den EMS-Test gemacht und über 300 Euro dafür bezahlt. "Ich will wissen, was mich da erwartet", erklärt Annalena. Vizerektor Rudolf Mallinger rät den Bewerbern allerdings von den Vorbereitungskursen ab. "Man braucht kein Geld für einen Kurs auszugeben. Vorbereiten sollte man sich aber schon", sagt er zu derStandard.at. Dazu würde es ausreichen sich das Buch mit einem Beispieltest um 12 Euro zu kaufen. Erfahrungsgemäß reichen zwanzig Stunden Vorbereitung aus, meint Mallinger.
In der Warteschlange stehen die Bewerber um 8:30 bereits in der prallen Sonne. "Ich glaube es wird heiß", sagt einer von ihnen auf die Frage, was er von der Prüfung erwartet. "Ich befürchte eher, dass es durch die Klima-Anlage sehr kalt wird", sagt ein Mädchen neben ihm.
Die Tore des Austria Centers öffnen sich. Die Masse bewegt sich allerdings nur langsam voran. Alle müssen durch die Sicherheitsschleusen gehen und einige haben noch unerlaubtes Gepäck dabei. Der Test hätte um neun beginnen sollen, doch um diese Uhrzeit sind viele noch nicht einmal bis in das Gebäude vorgedrungen.
Im großen Prüfungsaal, in dem 3.000 Bewerber Platz finden, hat es vielleicht 18 Grad. Es ist kurz vor halb zehn. Die meisten haben schon ihren zugewiesenen Sessel gefunden und sich brav hingesetzt. Beginnen kann die Prüfung aber immer noch nicht: Es sind noch nicht alle da. Eine Aufsichtsperson beruhigt die potentiellen Medizinstudenten: "Uns ist bewusst, dass es noch zu kalt ist, wir werden uns bemühen, eine angenehme Temperatur einzustellen", sagt er durch die Lautsprecher.
Nüsse für die Konzentration
Vor Sandra liegen fein säuberlich aufgereiht drei Textmarker, zwei angespitzte Bleistifte, ein Müsliriegel und eine Uhr. Auch sie hat einen Vorbereitungskurs besucht, ist aber unzufrieden mit der angebotenen Qualität: "Im Endeffekt hab ich mir Bücher gekauft und mich alleine vorbereitet. Das waren die 300 Euro nicht wert", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. Eine andere Bewerberin isst hektisch Nüsse, wohl um die Konzentration zu steigern.
Auch die Aufsichtspersonen haben sich bereits in Stellung gebracht. "Auf 250 Anwärter kommen acht Aufsichtspersonen. Schummeln ist hier kaum machbar. Einzige Möglichkeit ist das Abschreiben vom Nachbar und der hat einen anderen Prüfungsbogen", erklärt Matthäus Grasl, einer der Aufpasser.
2.000 Bewerber sind nicht gekommen
Der Kostenaufwand für die Betreuung der über 6.000 Studienplatzanwärter in Wien liegt bei 300.000 Euro. Deshalb überlegt Vizerektor Rudolf Mallinger für die Bewerbung Geld zu verlangen. "Mir geht es gar nicht so sehr um die Kosten, sondern mehr um die Ernsthaftigkeit des Aufnahmeverfahrens", erklärt er vor einer Gruppen von Journalisten. Wenn jeder Bewerber 80 Euro zahlen würde, könnte man die Kosten abdecken, sagt Mallinger. "Aber dieser Schritt ist politisch nicht gewollt",fügt der Vizerektor hinzu und macht damit klar, dass sobald keine Anmeldegebühr bezahlt werden muss.
Am Freitag hätte man sich die Miete der Messe sparen können, da 2.000 Bewerber nicht gekommen sind und so alle Anwärter im Austria Center Platz gehabt hätten.
Die Fragebögen werden gegen zehn Uhr, eine Stunde später als geplant, von Mitarbeitern der Uni ausgeteilt. Die erste Testphase dauert vier Stunden, nach einer Stunde Mittagspause geht es noch einmal drei Stunden lang weiter. Nachdem die Bewerber die Bögen um ca. 18 Uhr abgegeben haben werden sie zurück in die Schweiz geschickt. Dort wertet sie ein Computer aus und bis Anfang August wissen 780 der Prüflinge, dass sie einen der begehrten Studienplätze ergattern konnten. (Lisa Aigner und Julia Hold, derStandard.at, 9.7.2010)
Info:
Über 10.500 haben sich für die 1.500 Medizinstudienplätze in Wien, Innsbruck und Graz beworben. Tatsächlich angetreten sind in Wien rund 2.900 und in Graz 1.300 und in Innsbruck 1.900 Bewerber (Zahlen gerundet). Zwei Drittel der Bewerber in Tirol kommen aus Deutschland. Für das Medizin-Studium gibt es derzeit noch eine Quote: 75 Prozent der Plätze müssen Österreichern zur Verfügung stehen, 20 Prozent sind für EU-Bürger (meist Deutsche) reserviert und 5 Prozent der Plätze bekommen Angehörige aus Drittstaaten.