Man soll das Turnier nicht vor dem Finale loben. Aber es sieht so aus, als hätten die Bedenkenträger wieder einmal zu schwarz gemalt
Johannesburg - Terroranschläge waren befürchtet worden, Rassenunruhen, Mord und Totschlag und ein überforderter Polizeiapparat. Die WM-Realität in Südafrika, laut Statistiken das gefährlichste Land der Welt, sah anders aus. Nur vereinzelte Überfälle auf Touristen und Journalisten sowie Auseinandersetzungen zwischen Stadion-Ordnern und Polizeikräften in Kapstadt und Durban trübten das Bild.
"Mit Blick auf die Befürchtungen, die vor der WM zum Teil nicht ganz unbegründet die Runde gemacht haben, muss man nun auch einmal sagen: Hut ab!" , sagte Hendrik Große Lefert, der Einsatzleiter der deutschen Polizei in Südafrika. "Im Hinblick auf die Sicherheitslage und auf die Zusammenarbeit vor Ort sind wir positiv überrascht worden."
Zahlen zu WM-relevanten Straftaten wurden bis dato nicht veröffentlicht, Südafrikas Parlament muss derartige Statistiken erst freigeben. Die bei der WM 2006 in Deutschland dokumentierten Vorfälle - 7000 Straftaten, 875 verletzte Personen, darunter 250 Polizisten, und 9000 polizeiliche Festnahmen - dürfte Südafrika weit unterboten haben. Der Hauptgrund: Anders als 2006 in Deutschland traten Hooligans gar nicht in Erscheinung. Selbst beim Risikospiel zwischen Deutschland und England (4:1) im Achtelfinale in Bloemfontein blieb es weitgehend ruhig.
Abschreckend dürften die rigorosen Strafen der eigens zur WM eingerichteten 56 Schnellgerichte gewirkt haben. Ein Dieb wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er einem Touristen das Handy gestohlen hatte. Ein Nigerianer bekam wegen illegalen Besitzes von WM-Tickets drei Jahre.
Ein tragischer Unfall hatte das Gastgeberland allerdings schwer erschüttert. Zenani Mandela, die 13-jährige Urenkelin von Südafrikas Ex-Präsident Nelson Mandela, war auf dem Rückweg vom WM-Eröffnungskonzert in Soweto von ihrem betrunkenen Chauffeur in den Tod gefahren worden. Mandela hatte daraufhin seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier abgesagt. Bedenken, dass auf den zum Teil katastrophalen Straßen Südafrikas zahlreiche WM-Touristen sterben könnten, erwiesen sich jedoch als falsch.
41.000 Polizisten hat Südafrika in den WM-Spielorten zusätzlich aufgeboten. Dass die staatlichen und von der Fifa subventionierten Anstrengungen nach der WM zurückgefahren werden, ist die größte Sorge der Bevölkerung. Zumal es in einigen Townships kräftig rumort. Truppen in Ramaphosa und Du Moon sind in Alarmbereitschaft, weil es bereits zu rassistischen Übergriffen gegen Ausländer, vor allem aus Simbabwe und Malawi, gekommen ist. "Wenn die Fans gehen, müsst ihr auch weg" , lautet die Parole. (krud, sid - DER STANDARD PRINTAUSGABE 8.7. 2010)