Die Analyse führt drastisch vor Augen, was passiert, wenn sich das spanische Team unbehelligt von aggressivem Pressing des Gegners entfalten kann: Die in den vorhergehenden Partien erst nach Anlaufschwierigkeiten zelebrierte Beziehungsdichte wurde gegen die Deutschen von Beginn an gepflegt. Allein in den ersten zehn Minuten brachten es die Iberer auf 118 intendierte Pässe - Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mal 56 auf dem Konto. Die komplexe Stabilität in den spanischen Beziehungen bildet die unabdingbare Grundlage für jene spielerische Dominanz, in der sich individuelles Vermögen mit kollektiven Aktionsmustern verzahnt. Durch die Nominierung von Pedro anstelle des latent unförmigen Torres vollzog sich das Spiel noch um einige Nuancen barcelonesker als zuvor. Im Herzen dieses ballesterischen Bergwerks schlägt eine nimmermüde Passfrequenzmaschine namens Xavi - sagenhafte 113 Impulse kamen allein von ihm, der den Begriff des Spielmachers mit jeder Partie aufs Neue selbstlos dekonstruiert.
Die deutsche Herrlichkeit der vergangenen Tage hingegen reduzierte sich an diesem Abend auf Spurenelemente. In taktische Planung und spielerische Umsetzung hatte sich eine am Ende vielleicht doch der mangelnden Erfahrung geschuldete Angst vor der eigenen Courage eingeschlichen. Gegen die dominanten Spanier war das deutsche Team nicht in der Lage, jene stupende Form der reaktiven Kontrolle zu entfalten, mit der es die schwerfälligen Favoriten England und Argentinien vom Platz gefegt hatte. Der kombinatorische Spielfluss zerfaserte diesmal ins Skizzenhafte. Für die neuerworbene dynamische Stabilität des Teams spricht jedoch das weitgehende Fehlen von Auflösungserscheinungen im Netzwerk. Im Zentrum hat sich in Schweinsteiger, Khedira und Özil eine aufstrebende Dreifaltigkeit etabliert, die vielleicht sogar Spanien beim nächsten Turnier in Bedrängnis bringen könnte. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. Juli 2010)

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Busquets-Xavi 23
1. Xavi-Iniesta 23
3. Capdevila-Iniesta 21
4. Xavi-Xabi Alonso 15
4. Xavi-Pedro 15
4. Pique-Pedro 15
4. Xavi-Busquets 15
8. Ramos-Pique 14
8. Xabi Alonso-Ramos 14
10. Iniesta-Capdevila 13
10. Iniesta-Xavi 13
10. Pedro-Xavi 13
10. Ramos-Xavi 13
14. Xabi Alonso-Xavi 12
14. Busquets-Xabi Alonso 12
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Xavi 220 (113/107)
2. Iniesta 157 ( 64/ 93)
3. Xabi Alonso 152 ( 77/ 75)
4. Pedro 138 ( 62/ 76)
5. Busquets 123 ( 70/ 53)
6. Ramos 114 ( 63/ 51)
7. Capdevila 113 ( 64/ 49)
7. Pique 113 ( 64/ 49)
9. Villa 71 ( 18/ 53)
10. Puyol 69 ( 40/ 29)
11. Casillas 28 ( 17/ 11)
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT
1. Busquets 97,14 ( 68 von 70)
2. Ramos 95,24 ( 60 von 63)
3. Puyol 95,00 ( 38 von 40)
4. Xavi 94,69 (107 von 113)
5. Pique 89,06 ( 57 von 64)
6. Xabi Alonso 87,01 ( 67 von 77)
7. Iniesta 85,94 ( 55 von 64)
8. Pedro 85,48 ( 53 von 62)
DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Lahm-Schweinsteiger 14
1. Lahm-Mertesacker 14
1. Lahm-Trochowski 14
4. Mertesacker-Friedrich 13
4. Trochowski-Lahm 13
6. Friedrich-Khedira 12
6. Mertesacker-Schweinsteiger 12
8. Schweinsteiger-Trochowski 11
8. Trochowski-Schweinsteiger 11
8. Schweinsteiger-Özil 11
11. Özil-Podolski 10
12. Lahm-Klose 9
12. Khedira-Özil 9
12. Khedira-Schweinsteiger 9
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Schweinsteiger 143 (72/71)
2. Lahm 127 (76/51)
3. Özil 102 (46/56)
4. Khedira 100 (49/51)
5. Mertesacker 99 (55/44)
6. Podolski 79 (33/46)
7. Trochowski 77 (36/41)
8. Friedrich 75 (44/31)
9. Klose 62 (12/50)
10. Jansen 61 (34/27)
11. Boateng 51 (26/25)
12. Neuer 46 (31/15)
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT
1. Klose 100,00 (12 von 12)
2. Mertesacker 92,73 (51 von 55)
3. Khedira 91,84 (45 von 49)
4. Friedrich 90,91 (40 von 44)
5. Lahm 81,58 (62 von 76)
6. Schweinsteiger 80,28 (57 von 71)
7. Trochowski 77,78 (28 von 36)
8. Boateng 76,92 (20 von 26)
Die Analytiker
FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei der WM 2006 und der EURO 2008 im Einsatz, beobachtet exklusiv für den Standard die österreichischen Länderspiele und seit 11. Juni bis zum Finale auch die WM in Südafrika.
Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Harald Katzmair.
Link: www.fas.at
Der Ansatz
Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen angekommener und abgegebener Pässe.