Netzwerkanalyse

Die Spurenelemente der deutschen Herrlichkeit und das Herz in Spaniens ballesterischem Bergwerk

8. Juli 2010, 18:55

Die Analyse führt drastisch vor Augen, was passiert, wenn sich das spanische Team unbehelligt von aggressivem Pressing des Gegners entfalten kann: Die in den vorhergehenden Partien erst nach Anlaufschwierigkeiten zelebrierte Beziehungsdichte wurde gegen die Deutschen von Beginn an gepflegt. Allein in den ersten zehn Minuten brachten es die Iberer auf 118 intendierte Pässe - Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mal 56 auf dem Konto. Die komplexe Stabilität in den spanischen Beziehungen bildet die unabdingbare Grundlage für jene spielerische Dominanz, in der sich individuelles Vermögen mit kollektiven Aktionsmustern verzahnt. Durch die Nominierung von Pedro anstelle des latent unförmigen Torres vollzog sich das Spiel noch um einige Nuancen barcelonesker als zuvor. Im Herzen dieses ballesterischen Bergwerks schlägt eine nimmermüde Passfrequenzmaschine namens Xavi - sagenhafte 113 Impulse kamen allein von ihm, der den Begriff des Spielmachers mit jeder Partie aufs Neue selbstlos dekonstruiert.

Die deutsche Herrlichkeit der vergangenen Tage hingegen reduzierte sich an diesem Abend auf Spurenelemente. In taktische Planung und spielerische Umsetzung hatte sich eine am Ende vielleicht doch der mangelnden Erfahrung geschuldete Angst vor der eigenen Courage eingeschlichen. Gegen die dominanten Spanier war das deutsche Team nicht in der Lage, jene stupende Form der reaktiven Kontrolle zu entfalten, mit der es die schwerfälligen Favoriten England und Argentinien vom Platz gefegt hatte. Der kombinatorische Spielfluss zerfaserte diesmal ins Skizzenhafte. Für die neuerworbene dynamische Stabilität des Teams spricht jedoch das weitgehende Fehlen von Auflösungserscheinungen im Netzwerk. Im Zentrum hat sich in Schweinsteiger, Khedira und Özil eine aufstrebende Dreifaltigkeit etabliert, die vielleicht sogar Spanien beim nächsten Turnier in Bedrängnis bringen könnte. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. Juli 2010)

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Busquets-Xavi 23
1. Xavi-Iniesta 23
3. Capdevila-Iniesta 21
4. Xavi-Xabi Alonso 15
4. Xavi-Pedro 15
4. Pique-Pedro 15
4. Xavi-Busquets 15
8. Ramos-Pique 14
8. Xabi Alonso-Ramos 14
10. Iniesta-Capdevila 13
10. Iniesta-Xavi 13
10. Pedro-Xavi 13
10. Ramos-Xavi 13
14. Xabi Alonso-Xavi 12
14. Busquets-Xabi Alonso 12

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Xavi 220 (113/107)
2. Iniesta 157 ( 64/ 93)
3. Xabi Alonso 152 ( 77/ 75)
4. Pedro 138 ( 62/ 76)
5. Busquets 123 ( 70/ 53)
6. Ramos 114 ( 63/ 51)
7. Capdevila 113 ( 64/ 49)
7. Pique 113 ( 64/ 49)
9. Villa 71 ( 18/ 53)
10. Puyol 69 ( 40/ 29)
11. Casillas 28 ( 17/ 11)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Busquets 97,14 ( 68 von 70)
2. Ramos 95,24 ( 60 von 63)
3. Puyol 95,00 ( 38 von 40)
4. Xavi 94,69 (107 von 113)
5. Pique 89,06 ( 57 von 64)
6. Xabi Alonso 87,01 ( 67 von 77)
7. Iniesta 85,94 ( 55 von 64)
8. Pedro 85,48 ( 53 von 62)

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Lahm-Schweinsteiger 14
1. Lahm-Mertesacker 14
1. Lahm-Trochowski 14
4. Mertesacker-Friedrich 13
4. Trochowski-Lahm 13
6. Friedrich-Khedira 12
6. Mertesacker-Schweinsteiger 12
8. Schweinsteiger-Trochowski 11
8. Trochowski-Schweinsteiger 11
8. Schweinsteiger-Özil 11
11. Özil-Podolski 10
12. Lahm-Klose 9
12. Khedira-Özil 9
12. Khedira-Schweinsteiger 9

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Schweinsteiger 143 (72/71)
2. Lahm 127 (76/51)
3. Özil 102 (46/56)
4. Khedira 100 (49/51)
5. Mertesacker 99 (55/44)
6. Podolski 79 (33/46)
7. Trochowski 77 (36/41)
8. Friedrich 75 (44/31)
9. Klose 62 (12/50)
10. Jansen 61 (34/27)
11. Boateng 51 (26/25)
12. Neuer 46 (31/15)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Klose 100,00 (12 von 12)
2. Mertesacker 92,73 (51 von 55)
3. Khedira 91,84 (45 von 49)
4. Friedrich 90,91 (40 von 44)
5. Lahm 81,58 (62 von 76)
6. Schweinsteiger 80,28 (57 von 71)
7. Trochowski 77,78 (28 von 36)
8. Boateng 76,92 (20 von 26)

Die Analytiker 

FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei der WM 2006 und der EURO 2008 im Einsatz, beobachtet exklusiv für den Standard die österreichischen Länderspiele und seit 11. Juni bis zum Finale auch die WM in Südafrika.

Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Harald Katzmair.

Link: www.fas.at

Der Ansatz 

Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen angekommener und abgegebener Pässe.

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22 Postings
stj911.org physics911.net
00

>>"Xavi - sagenhafte 113 Impulse kamen allein von ihm,
>>der den Begriff des Spielmachers mit jeder Partie aufs
>> Neue selbstlos dekonstruiert.

Dekonstruiert. Nettes Wort. Hier leider genau verkehrt.

Gaviota
01
11.7.2010, 02:44

Demonstriert? Definiert?

stj911.org physics911.net
00
11.7.2010, 08:23

Beide sehr gut. Autor deklassiert.

Valporella
00

Laut Fifa Spielbericht war das Ballbesitzverhältnis nahezu ausgeglichen - ist bei denen da ein Fehler passiert?

MiNeum71
 
61

Ich habe mir heute dieses Spiel noch einmal angesehen, die Spanier waren bei weitem nicht so überlegen, wie der Eindruck nach dem Spiel es vermuten ließ.

Die Spanier hatten die ersten beiden Chancen, die Deutschen die Chancen drei und vier (inkl der nicht gegebenen Elfmeter). In der zweiten halbzeit hatten die Soanier zwar in dne ersten 25 Min. mehr Ballbesitz, allerdings auch wesentlich weiter weg vom gegnerischen Tor, als dies bei den Deutschen in der letzten 20 Min. der Fall war. Auch bei den größten nicht verwerteten Chancen war das Ergenbis 1:1.

tomcat13
00
ich sehe ehrlich

keinen großen Unterschied in der Netzwerkanalyse der Deutschen zum Spiel gegen Argentinien oder der Spanier zum Spiel gegen die Schweiz.

Den Unterschied macht eigentlich nur, dass Spanien aus weniger Chancen (im Vergleich zum Spiel gegen die Schweiz) ein Tor gemacht hat und die wenigen Torschüsse der Deutschen durch einen großartigen Casillas pariert wurden.

MiNeum71
 
11

Diesen Unterschied sehen Sie auch nicht in dieser Graphik, sondern nur in Kombination mit der tatsächlichen taktischen Aufstellung.

Argentinien spielte eine Mischung aus 4-2-2-2 und 4-3-1-2, wobei in keiner Variante a) eine vertikale Zentralität auszumachen war, sowie b) die vier Mannschaftsteile einander nahe standen.

Dieses Problem hatten die Spanier im ersten Spiel, in dem a) Busquets/Alonso bzw. Iniesta/Xavi/Silva zu linear nebeneinander standen, sowie b) zwischen den beiden Achsen und dem Stürmer Villa die leeren Räume zu groß waren.

http://de.fifa.com/ - MatchCast zu allen Spielen

Ausgeflippter Lodenfreak
00

Welchen Schuss musste Casillas abwehren?

fuersti
00

den von Kroos

2010sdafrika
10
WM verarbeiten, EM bearbeiten!

Die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft lastet immer noch schwer, aber Jogi Löw kann auf sich als Bundestrainer und auf seine Jungs stolz sein! Für weitere Infos zu Südafrika und zur WM siehe das Südafrika-Portal: http://2010sdafrika.wordpress.com/

a grünes stricherl
 
00
pst .. es gibt auch noch andere mannschaften

Karl Gesellmann
10
gibts sowas ..

auch von spanien - schweiz? ;-D durban ist für spanien das dt. cordoba bzw unser landskrona! hi hi

MiNeum71
 
00

Siehe Spielfeld bzw. Statistik auf

http://de.fifa.com/live/comp... index.html

>>Machine Gun Kelly<<
00
gibts sowas von deutschland vs.serbien?

Bernoulli
00

auf die Schnelle hab' ich nur das gefunden:

http://de.fifa.com/worldcup/... eport.html

g.

>>Machine Gun Kelly<<
00
DANKE

Alfred Neumann23
03
...will auch ...

wieder ein österreich sehen das wieder gewinnen kann .. auf gehts jungs...trainierts und spielts gscheit diesmal gibts ka ausred mehr... beisst's eine

a grünes stricherl
 
00
mein vertrauen in den österreichischen fussball hält sich in engen überschaubaren grenzen

Aknostiker
00
Die nächste EM ist bereits in 2 Jahrte Nach soviel....

Anschauungsmateial, gerade für uns Österrreich. erwarte icn nun von Österreich, dass es emdlich schafft und an der EM betekiligt und gewinnt.Wenn ich mir das geballte Wissen bedenke, welches in den Posts zum Ausdruck kommt. Endlich die Mesis, Basteigers von dieser Welt. auch durch systematsische Schulung auch für unsere Mannschaften. Dann gibt keine Ausreden mehr.

MiNeum71
 
04

Liebes FAS.research-team,

bitte gehen Sie auf fifa.com, da sehen Sie die taktische Aufstellung (jeweil in 15min-Intervallen; das ist insoferne von Bedeutung, als für die ANalyse eines Netzwerkes die Position der Akteure von entscheidender Bedeutung ist, und diese Graphik gibt diese Konstellationen nicht wieder.

Das sehen Sie auch bei den Beziehungen Busquets/Alonso bzw. Khedira/Schweinsteiger, die nicht - wie dargestellt - horizontal nebeneinander, sondern vertikal hintereinander gespielt haben.

Das mag für Sie von geringer bedeutung sein, aber für die Stzabiliserung einer Mannschaft ist dies wichtig, zumal bisher keine Mannschaft ohne eine funktionieren vertikale Achse ein großes Turnier (WM, WM, CL) gewinnen konnte.

Helge Remsgard Remsgard
06

immer wieder interessant. der autor aber sollte vielleicht mal einen roman schreiben zwecks abbau epischen drucks :)

stj911.org physics911.net
00
11.7.2010, 07:52

köstlich, danke!

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