Plakataktion von Stadt Wien, Wirtschaftskammer und Polizei: Geschäftsleute in Einkaufsstraßen sollen Kunden auffordern, Bettlern kein Geld zu geben
Wer in den nächsten Tagen auf einer der Wiener Einkaufsstraßen flaniert, dem könnte ein violettes Plakat in Schaufenstern ins Auge stechen. Auf diesem ruft die Stadt Wien, die Polizei und die Wirtschaftskammer Wien einkaufenden Kunden dazu auf, Bettlern, die vor den Geschäftslokalen um Almosen bitten, kein Geld zu geben. Denn "gut gemeinte Spenden vor Supermärkten und in Einkaufsstraßen können ungewollt das gewerbsmäßige Betteln fördern", heißt es im Wortlaut.
"Gut sichtbar" im Geschäft anbringen
Die Plakate rufen auf, das Geld lieber "anerkannten Hilfsorganisationen" zu spenden. Und argumentieren: Das gewerbsmäßige Betteln sei in Wien verboten. Je zwei Plakate wurden in den letzten Tagen an die UnternehmerInnen der Wiener Einkaufsstraßen versendet, mit der Empfehlung sie "gut sichtbar" im Geschäftslokal anzubringen.
"Eine zynische Frechheit", ärgert sich Hans Arsenovic, Landessprecher der Grünen Wirtschaft Wien. Kein Mensch, so Arsenovic, bettle aus Vergnügen, und nur ein Bruchteil gewerbsmäßig. Er vermutet hinter der Kampagne ein "Vorwahlgeplänkel" und sieht seine Meinung bestätigt, dass "die ÖVP immer mehr nach Rechts wandert" - und mit ihr die Wirtschaftskammer.
"Immer wieder Probleme"
In der Wirtschaftskammer Wien betont man, dass es sich bei der Kampagne um ein Projekt der Stadt Wien und der Polizei handle. "Wir wurden gefragt ob wir mitmachen, und wir haben ja gesagt". Warum man sich zum Mitmachen entschlossen habe? Aus Rückmeldungen von Gewerbetreibenden wisse man, dass es in Einkaufsstraßen "immer wieder Probleme" gegeben habe. Bei inhaltlichen Fragen zum Projekt verweist man auf die Stadt Wien.
Dort kann Rudolf Gerlich, Sprecher der Magistratsdirektion, an den Plakaten nichts Polarisierendes erkennen. Der Hintergrund der Aussendung sei, dass es seit Anfang Juni in Wien das Gesetz gegen gewerbsmäßiges Betteln gebe, dass man auf diese Weise "den Kunden und den Betrieben kundmachen" wolle. Auf die Kritik der Grünen will Gerlich nicht näher eingehen, nur soviel: "Natürlich bettelt nicht jeder in Wien gewerbsmäßig, aber man darf auch nicht die Augen vor denen verschließen, die das tun".
"Heute Bettler, morgen irgendeine ethnische
Gruppe"
Zahlen darüber, wieviele Unternehmer sich über Bettelei ärgern, gibt es nicht, ebensowenig wie Statistiken darüber, wie viele den Vorstoß von Kammer und Stadt Wien unterstützen. Einige Geschäftsinhaber wollen die Kampagne jedenfalls nicht unkommentiert lassen. "Heute sind es die Bettler, und morgen dann irgendeine ethnische
Gruppe", ärgert sich etwa Anna Jeller, Eigentümerin einer Buchhandlung in
Wien. Für sie ist es "unappetitlich", wenn eine Interessensvertretung
"gegen eine Menschengruppe mobil macht". Jeller meint, der Schuss könnte
auch nach hinten losgehen und den Geschäften schaden. "Ich persönlich
würde in kein Geschäft mehr einkaufen gehen, dass diese Plakette im
Fenster kleben hat", meint Jeller.
Der Unternehmer Walter Meissl, Inhaber eines Keramikladens, wandte sich in einem offenen Brief an die "Bettellobby Wien", die immer wieder gegen ein Bettelverbot mobilisiert. In dem Brief beschwert er sich über die Kampagne: "Ich finde es eine Ungeheuerlichkeit, mich zum Komplizen einer Hysterie
zu machen, die darauf abzielt, die Schwächsten dieser Gesellschaft zu
drangsalieren, um unter dem Deckmantel der Sauberkeit und Menschlichkeit
eigene Ängste und Frustrationen zu kaschieren." (Anita Zielina, derStandard.at, 8.7.2010)