Spaniens Luxuskicker erfreuten gegen überforderte Deutsche nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst - Hymnen auf Puyol
Durban - Nimmermüde ließ Spaniens Mittelfeld-Traumpaar Xavi und Andres Iniesta den Ball durch die eigenen Reihen gehen. 'Tiqui-Taca', 'Taca-Tiqui'. Deutschlands Jungstars liefen hinterdrein. Gnadenlos wirbelte der iberische Brummkreisel den Traum vom vierten Stern durcheinander. Die Deutschen standen neben sich, die Europameister nach einem hochverdienten 1:0 (0:0) im WM-Finale. Sogar der so zurückhaltende spanische Teamchef Vicente Del Bosques geriet nach der Vorstellung seiner Mannschaft ins Schwärmen: 'Wir streben nach dem besten Fußball: Den Ball
erobern, den Ball kontrollieren, möglichst 90 Minuten lang. Meine
Spieler haben diesen Job in beeindruckender Art und Weise
erledigt."
"Wir haben großartig gespielt"
"Das war ein Triumph des schönen Fußballs. Wir haben großartig gespielt und die Partie jederzeit kontrolliert', sagte Iniesta und zeigte sich vom matten Auftreten der zuvor in aller Welt gefeierten deutschen Mittelfeldreihe überrascht: "Es war nicht zu erwarten, dass sie sich so defensiv präsentieren werden. Sie hatten regelrecht Angst davor, uns zu viel Platz zu lassen. Das hat uns sehr geholfen."
Waren Schweinsteiger und Özil gegen England (4:1) sowie gegen Argentinien (4:0) noch Herz, Seele, Lunge und Hirn des deutschen Spiels, waren sie gegen die Spanier schlichtweg überfordert. Offensiv ohne Ideen, aber immer wieder mit langen, hohen Pässen in die Spitze. Zuweilen schien der Ball schon in der Luft nach Hilfe zu rufen. Defensiv einfach zu langsam - mit den Füßen und auch geistig.
"Im Mittelfeld nicht kompakt genug"
"In einem Spiel gegen die beste Mannschaft der Welt muss man taktisch gut stehen. Das haben wir nicht gemacht. Wir waren im Mittelfeld einfach nicht kompakt genug", klagte Schweinsteiger, der zwar kämpfte, aber nur wenig Unterstützung von seinen Nebenleuten erhielt. Özil war nur ein Schatten seiner selbst, Sami Khedira nicht mal das. Piotr Trochowski ersetzte den gesperrten Thomas Müller allenfalls physisch und Lukas Podolski schien das Trikot des 1. FC Köln zu tragen.
Xavi und Iniesta konnten perfekt aufeinander abgestimmt den Rhythmus vorgeben. Die auch in der Spieleröffnung starken Abräumer Xabi Alonso und Sergio Busquets hielten ihnen den Rücken frei. Am Flügel glänzte auch noch der überraschend für Fernando Torres in die Startelf gerückte Pedro. Spanien zauberte, Deutschland zauderte. Carles Puyol köpfte die Seleccion schließlich zum Sieg (73.).
Stummer Held
Doch ausgerechnet der umjubelte Schütze des goldenen Tores zum
1:0 schüttelte nach dem Schlusspfiff
schnell alle Gratulanten ab,
befreite sich aus einer riesigen Jubel-Traube und verschwand ein
paar Schulterklopfer später mit entschlossenem Blick in den
Katakomben des Moses-Mabhida-Stadions. Die Botschaft des Leitwolfes
war eindeutig: Das war noch nicht das Ende.
"Nach allem, was er für die Nationalelf geleistet hat, hat Carles
dieses Tor besonders verdient", sagte Verteidiger-Kollege Joan
Capdevila. Und Spaniens Medien überschlugen sich am Donnerstag in
Lobeshymnen für einen der wenigen Fußball-Arbeiter im
technisch versierten Star-Ensemble. "'El tiburon' (der
Hai) hat seinen Platz in der
Geschichte des spanischen Fußballs
sicher", würdigte das Fachblatt "Marca" den Innenverteidiger.
Puyol verkörpert wie kein
anderer in der Seleccion den
unermüdlichen und unbeugsamen Rackerer. Diese
Eigenschaften ebneten dem schon als Nachwuchs-Spieler technisch
limitierten Katalanen den Weg von seinem Heimatverein Pobla de Segur
in Barcelonas berühmte Jugendakademie La Masia. "Ich habe noch nie jemand mit so einem Ehrgeiz
gesehen", begründete der damalige Schulleiter Oriol Tort seine Aufnahme.
Seit 15 Jahren spielt Puyol nun für
den katalanischen Kult-Klub. Von
einem der am schlechtesten bezahlten Profis stieg er längst in die
Liga der Großverdiener auf. Und obwohl der Verteidiger mit der
zotteligen Wuschelfrisur bereits 32 Jahre alt ist, verlängerte der
Verein seinen Vertrag bis 2013.
Xavi rechnet mit dem Pokal
"Wir haben das Spiel fast über 90 Minuten kontrolliert. Jetzt werden wir das Finale genießen und den Pokal mit nach Hause nehmen", meinte Xavi. Auch Iniesta blickte optimistisch auf das Endspiel am kommenden Sonntag in Johannesburg gegen die Niederlande: "Da rufen wir unsere letzten Reserven ab, um uns unseren ganz großen Traum zu erfüllen."
Für die Deutschen endete die WM hingegen wie schon die EM vor zwei Jahren mit einem chirurgischen Eingriff à la espagnol . Schon im Finale der EURO hatte Xavi als Passgeber für das entscheidende 1:0 von Fernando Torres geglänzt. Auch am Mittwoch war es der Spielmacher des FC Barcelona, der den Ball millimetergenau auf Puyols Schädel zirkelte. "Ich bin ein Fußballromatiker. Ich liebe das schöne und offensive Spiel. Wenn man auf diese Art und Weise gewinnt, ist die Freude am Ende umso größer", sagte der Regisseur. Für Sonntag steht ein weiteres Happy End in seinem Drehbuch. (sid/APA/red)