Ausfuhren bei bis zu 90 Prozent des Vorkrisenniveaus - Flexible Wechselkurse und volkswirtschaftliche Größe vorteilhaft bei Krisenbewältigung
Wien - Die schleppende Wirtschaftserholung in Mittel- und Osteuropa (CEE) habe die Form eines "spiegelverkehrten Wurzelzeichens" und werde mittelfristig das halbe Vorkrisenniveau erreichen, so das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in seiner Sommerprognose am Donnerstag. Vorteile hätten Länder mit flexiblen Wechselkursen und einem größeren Industriesektor, weil der Aufschwung vor allem von den Exporten getragen werde, die bereits zwischen 80 und 90 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht haben. Eine Entspannung am Arbeitsmarkt erwarten die Wirtschaftsforscher erst ab dem kommenden Jahr.
WIIW-Experte Mario Holzner betonte, dass vor allem Länder mit einem Industrieanteil von einem Viertel und mehr am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sowie große Länder die Nase vorn hätten. Durch Abwertungen konnten sich einzelne Länder wie etwa die Ukraine Vorteile bei den Lohnstückkosten sichern. Dort liegen diese in der Industrie bei knapp über 60 Prozent des Niveaus von 2008. Im Gegensatz dazu hätten Staaten mit fixen Wechselkursen die Krise mit Arbeitsplätzen bezahlt, darunter etwa die Slowakei, deren Arbeitslosenrate 2009 um 2,5 Prozentpunkte auf 12 Prozent anstieg. Daher raten die WIIW-Ökonomen den Euro-Kandidaten, sich mit der Einführung der Gemeinschaftswährung Zeit zu lassen.
Türkei als Eldorado für Auslandsinvestitionen
Als Wirtschaftsmotoren der Region mit überdurchschnittlichem BIP-Wachstum dürften sich heuer die Türkei (6,3 Prozent), Russland (4 Prozent) und die Ukraine (3,8 Prozent) entwicklen, während Lettland (-3,5 Prozent), Litauen und Kroatien (je -1,5 Prozent) noch immer in der Rezession stecken. In der Türkei gehe etwa das BIP-Wachstum vor allem auf einen hohen Anstieg der Inlandsnachfrage zurück, ergänzte WIIW-Ökonom Josef Pöschl. Derzeit werde die Türkei als El-Dorado für Auslandsinvestitionen gesehen.
Im ersten Quartal gab es "chinesische Wachstumszahlen": Das BIP legte um 11,7 Prozent im Jahresvergleich zu, dennoch habe man nicht das Vorjahresniveau erreicht, weil es im Vorjahr ein Minus von 14,7 Prozent gegeben hatte. Der Staat schraube derzeit die Investitionen wieder zurück, dennoch hielten die privaten Investitionen an. Die Industrieproduktion legte im ersten Quartal um 17 Prozent zu. Gleichzeitig ging die Arbeitslosigkeit um 1,5 Prozentpunkte auf 14,5 Prozent zurück, während die Beschäftigung um 7 Prozent zulegte.
Arbeitslosigkeit auf dem Höhepunkt
Nach Einschätzung der WIIW-Ökonomen wird in der Region heuer der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit erreicht. Die zehn neuen EU-Staaten dürften eine durchschnittliche Arbeitslosenrate von 10,8 Prozent aufweisen, 2009 war diese noch bei 8,5 Prozent. Im kommenden Jahr soll es einen leichten Rückgang auf 10 Prozent geben, während 2012 eine größere Entlastung erwartet werde (8,6 Prozent). Die größten Zuwächse bei der Arbeitslosigkeit hatte im Vorjahr das Baltikum und die Slowakei, so WIIW-Experte Vasily Astrov.
Auch die Inlandsnachfrage dürfte sich nach Einschätzung des WIIW ab dem kommenden Jahr erholen. Im vergangen Jahr hatten nur Polen und die Türkei steigende Konsumausgaben der Privathaushalte, während vor allem die baltischen Staaten in einzelnen Quartalen einen deutlichen Einbruch bis zu fast 30 Prozent erlitten. Dazu hätten auch die Kreditverknappung bzw. -verteuerung in der Region beigetragen. Durch die Krise könnte fast ein Jahrzehnt im Aufholprozess zum EU-Durchschnitt verloren gehen, so Astrov.
Die steigenden Budgetdefizite führt Astrov vor allem auf sinkende Steuereinnahmen zurück. Deren Finanzierung werde vor dem Hintergrund der Griechenland-Krise teurer und schwieriger. Außerdem dürfte die bevorstehende Budgetkonsolidierung die Konjunktur zusätzlich dämpfen und die Kapitalflüsse in die Region verlangsamen.
Die zehn neuen EU-Mitgliedstaaten werden der WIIW-Prognose zufolge heuer um 1,2 Prozent wachsen und damit einen Vorsprung von 0,3 Prozentpunkte auf die EU-15 haben. 2011 soll sich dieser Vorsprung auf 1,1 Prozentpunkte erhöhen, weil die neuen Mitgliedstaaten ihr Wachstums auf 2,7 Prozent mehr als verdoppeln dürften. (APA)