Deutschlands Teamchef lobt Bezwinger Spanien und sieht den Europameister bereits als Weltmeister
Wie groß ist die Enttäuschung, nachdem der Traum vom vierten Stern geplatzt ist?
Joachim Löw: Nach einem verlorenen Halbfinale ist natürlich sehr groß. Das habe ich auch bei der Mannschaft gespürt. Das geht natürlich im ersten Moment an die Moral, weil wir anerkennen mussten, dass Spanien einen Tick besser war. Aber wir sind nicht demoralisiert. Wir haben ein gutes Turnier gespielt und werden noch besser werden.
Woran hat es gelegen, dass Ihre Mannschaft nach den starken Vorstellungen gegen England und Argentinien gegen Spanien derart unterlegen war?
Löw: Man muss fairerweise feststellen, dass Spanien sehr stark gespielt und auch verdient gewonnen hat. Ein großes Kompliment an diese Mannschaft, die seit 2008 auf einem sehr hohen Niveau spielt und die wichtigen Spiele nicht verloren hat. Da sind halt viele Spieler von Real Madrid und vom FC Barcelona dabei, was sich qualitativ bemerkbar macht. Sie haben uns die Grenzen aufgezeigt. Manche von uns konnten die Hemmungen nie richtig abbauen. Aber wir spielen in dieser Besetzung erst seit einigen Wochen zusammen. Den Unterschied hat man in einigen Situationen gemerkt.
Wo lagen die Schwachpunkte?
Löw: Wenn wir im Mittelfeld mal den Ball erkämpft haben, haben wir ihn zu schnell wieder verloren. Die Spanier lassen den Ball so laufen, dass man häufig hinterherrennt. Wir kamen nicht zu den nötigen Ballgewinnen und haben viel Kraft gebraucht. Zudem haben uns der Mut und die Überzeugung gefehlt, Eigenschaften, die uns gegen England und Argentinien ausgezeichnet haben. Warum das so war, kann ich noch nicht erklären.
Ist Spanien für Sie jetzt auch der Favorit im Finale?
Löw: Ich bin mir sicher, dass Spanien das Finale gewinnt. Diese Mannschaft ist so stark, so kompakt, so ballsicher und hat in Xavi und Iniesta überragende Spieler in ihren Reihen.
Hat der Ausfall des gesperrten Thomas Müller sehr geschmerzt?
Löw: Thomas Müller hat zuletzt überragend gespielt, er war torgefährlich und unberechenbar. Er hätte uns gegen Spanien sehr gut getan.
Deutschland bestreitet wie schon 2006 wieder das undankbare Spiel um Platz drei. Wie können Sie Ihre Spieler bis Samstag für das Match gegen Uruguay motivieren?
Löw: Wir müssen sicherlich zunächst die Enttäuschung verarbeiten, die Spieler aufrichten und werden uns dann mit aller Ernsthaftigkeit gut auf dieses Spiel vorbereiten. Denn wir wollen alle bei der WM einen guten Abschluss, da wir trotz der Halbfinal-Niederlage ein sehr gutes Turnier gespielt haben. Deshalb bin ich auch stolz auf meine Mannschaft.
Zum ganz großen Wurf hat es nicht gereicht. Was trauen Sie dem Team in Zukunft zu?
Löw: Die Mannschaft ist noch in der Entwicklung, die gerade erst angefangen hat und noch lange nicht zu Ende ist. Der überwiegende Teil dieser Mannschaft bildet auch die Nationalmannschaft der Zukunft, egal unter welchem Bundestrainer. (sid)
Bilanz:
Joachim Löw musste am Mittwoch in seinem 55. Spiel als deutscher Bundestrainer die neunte Niederlage hinnehmen. Demgegenüber stehen 38 Siege sowie acht Unentschieden zu Buche. Die Tordifferenz beläuft sich auf 132:39. Löw hatte nach der WM 2006 in Deutschland die Nachfolge von Jürgen Klinsmann angetreten.