"Wir sind unsympathisch geworden"

4. August 2010, 16:44
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Das verkümmerte Selbstbewusstsein Italiens: Ein Viertel schämt sich für die Staatsbürgerschaft

Fußball, was sonst? Gibt es ein idealeres Stimmungsbarometer zum Ausloten der Volksseele, der nationalen Frustrationen und Überheblichkeiten, der tiefsitzenden Vorurteile?

"Italien ist unsympathisch geworden", grämt sich die Tageszeitung La Stampa. "Im allgemeinen betrachtete uns die Welt mit einer gewissen Leichtigkeit, ein bisschen Humor und einigen Vorurteilen, aber auch mit weit verbreiteter Sympathie. Wir sind das Land der Immerschlauen, das mit jenen nicht Schritt halten kann , deren Erfolge auf Ausdauer, Arbeit, Ehrlichkeit, Mut und Phantasie beruhen - Eigenschaften, auf die auch wir früher stolz waren."

"Ich fühle mich nicht als Italiener, aber leider oder Gott sei Dank bin ich einer", hatte der früh verstorbene Liedermacher Giorgio Gaber gespottet. Acht Jahre nach seinem Tod plagt das Dilemma die Italiener mehr denn je: leider oder Gott sei Dank? Ein Viertel der Italiener schämt sich seiner Staatsbürgerschaft, und die Zahl derer, die auf ihre Nationalität stolz sind, nimmt besonders im Norden rapide ab, wo Lega-Bürgermeister die Nationalhymne als Kakophonie empfinden.

In einem Leitartikel des Corriere della Sera beneidet der Autor und Journalist Gian Antonio Stella Deutschland um seine junge, multinationale Elf, die Ausdruck eines neuen Identitätsgefühls sei. Die Bewunderung für die Deutschen kann auf eine lange Traditionen zurückblicken. Getrübt wird sie freilich durch das ebenso langlebige Vorurteil: "Deutsche lieben Italiener, aber respektieren sie nicht. Italiener respektieren Deutsche, aber lieben sie nicht."

Prägen Stereotypen über den jeweils anderen die Vorstellungen vom Gegenüber so, dass sie den Blick auf die Realität verbauen? Diese Frage bewegte das Goethe-Institut dazu, zwei prominente Journalisten im Zug von Berlin nach Palermo reisen zu lassen. Die Eindrücke, die der Italiener Beppe Severgnini und der Deutsche Mark Spörrle dabei sammelten, kann man in dem aufschlussreichen Blog Wie ich fast zum Italiener wurde nachlesen.

Grundsätzlich gilt: Italiener bewundern, was aus dem Norden kommt. Seit Jahren sehnen sie sich vergeblich nach einem effizienten Staat. Dagegen gleicht die Italien nach Überzeugung von Sozialforschern einer "ewigen Baustelle, auf der streitbare Möchtegern-Architekten über den Fortgang der Arbeiten uneins sind - weil sie kein Interesse an der Schließung der Baustelle haben."

Die Italiener sind nach Ansicht des Soziologen Giuseppe De Rita ein Volk mit leeren Batterien, das resigniert und mit wachsender Skepsis in die Zukunft und nach Europa blickt: "Ein Volk, in dem jeder schlecht über den anderen redet."

Das Österreich-Bild der Italiener deckt sich weitgehend mit dem der offiziellen Fremdenverkehrswerbung: Wälder Berge, Skipisten, Walzer und "Sakkertorte". Häufige Frage: "Wie kommt man zu einer Karte für das Wiener Neujahrskonzert?"

Auch negative Klischees können mitunter nützlich sein. Etwa als der Journalist Spörrle in sizilianischen Regionalzügen bildhübsche Schaffnerinnen und Toilettenpapier mit Schmetterlingsmuster entdeckte: Seine Begeisterung kannte keine Grenzen. Die ließ sich auch durch das Geständnis nicht dämpfen, die Bahnverwaltung habe einschlägige Vorarbeit geleistet. "Die irrwitzige Mutmaßung", er sei "nur Teil einer wunderbaren italienischen Inszenierung gewesen", konnte Spörrle kaum irritieren. Das Toilettenpapier will er bei seiner Rückkehr nach Hamburg einrahmen. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2010)

Teil 2 der STANDARD-Serie "Selbst- und Fremdbilder der Europäer".

 

Teil 1: Frankreich: Die Fridas und das kleine Faible für die French Lovers

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