Ohne spielerischen Glanz zogen die Niederländer gegen Uruguay in ihr drittes WM-Finale. Mit dem neuen nüchternen Stil wollen sie nun dort gewinnen. Dafür spricht nicht nur Gary Lineker
Kapstadt - Bert van Marwijk ist wahrscheinlich jener niederländische Bondscoach mit dem geringsten Renommee. Aber das hat sich am Dienstagabend wohl geändert. Selbst in Holland kann man sich dem Reiz des Erfolges nicht entziehen. Und wenn der Weg dorthin ein traditionell deutscher sein muss, soll es auch recht sein. Bert van Marwijk sagt das so: "Ich mag den schönen Fußball. Aber ich mag auch gewinnen."
Und das tut er mit seiner Elftal in einem fort. Als einzig noch ungeschlagene Mannschaft stehen die Niederländer im Finale. In der zweiten Halbzeit, erzählt der Trainer zumindest, sei ihm erst so richtig das Historische des Moments durch den Kopf gegangen, der dritte Finaleinzug nach 1974 und 1978. "Das ist unglaublich, was wir erreicht haben."
Die Tapferen aus Uruguay haben wacker dagegengehalten, haben das 1:0 - ein bestechend präziser Fernschuss von Giovanni van Bronckhorst - durch einen ebensolchen von Diego Forlán ausgeglichen, das 3:1 durch Wesley Snejder und Arjen Robben in der 70. und 73. Minute beinahe noch gedreht. Aber die Schlussattacke kam zu spät, in der Nachspielzeit ging sich gerade noch der Anschluss aus. "Das war ein würdiges WM-Halbfinale", resümiert Oscar Tabarez, der Trainer, "ich bin stolz auf meine Spieler. Die Niederlage war verdient, der Gegner besser als wir. Aber wir sind weit gekommen, das lindert unsere Trauer etwas."
Das noble Statement des uruguayischen Trainers ist zugleich auch Hochachtung für das neue Holland, das sich rund ums bayrische Raubein Mark van Bommel formiert hat. Der formuliert denn auch die Quintessenz der Marwijk'schen Philosophie: "Heute war es nicht super, aber wir stehen im Finale."
Der zuletzt zum Bankerldrucker degradierte Rafael van der Vaart kam erst nach der Pause, um etwas offensive Geschmeidigkeit in die erstaunlich behäbige Spielanlage zu bringen. Das brachte immerhin die 3:1-Führung. Aber mit dem bloßen Verwalten haperte es dann etwas. Van der Vaart ist davon noch hörbar geschlaucht: "Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt wie in den letzten Minuten."
Solche Ängstlichkeit - also die Vorstellung, doch noch eine auf den Deckel kriegen zu können - hat van der Vaart wahrscheinlich von seinem Arbeitgeber, Real Madrid, ins Teamlager mitgenommen. Manche seiner Kollegen dort schwören nämlich, so was gar nicht zu kennen. Joris Mathijsen, der Verteidiger, sagt zum Beispiel: "Wir haben das Gefühl für Niederlagen verloren, glauben nicht mehr, dass wir verlieren können. Und mit diesem Gefühl wird man Weltmeister."
Dazu passt, dass viele nun, wenn über die Niederländer die Rede geht, die Fußballweisheit des alten englischen Stürmers Gary Lineker über die Deutschen adaptieren: "Am Ende gewinnen immer die Holländer."
Klar, dass man, wenn das so ist, Weltmeister wird. Denn wenn es so ist, wird die Zuversicht zur Gewissheit verhärtet. Wie bei van Bommel: "Wir müssen und werden jetzt auch Weltmeister werden." Oder bei Sneijder: "Nur noch ein Sieg - und wir sind am Ziel." Wer solche Sager von der Euphorie des Augenblicks isoliert, kann leicht auf Überheblichkeit tippen. Das Gegenteil aber dürfte der Fall sein. Selbst van der Vaart, der stets anfällig war für Ego-Mätzchen, stellt sich nun brav ins Team. Und wenn, trotz all des Unkens über die Unansehnlichkeit des holländischen Spiels, etwas für den ersten niederländischen WM-Titel spricht, dann wohl genau diese Teamgeschlossenheit, die Bert van Marwijk den Seinen eingetrichtert hat.
Auch und gerade dem van der Vaart, der nun fast gebetsmühlenartig sagt: "Wir verteidigen als Team und stürmen mit zehn Mann. Immer zusammen. Und wir wissen, dass wir immer Tore schießen." Das alles schürt des Bondscoachs Zuversicht enorm: "Wir sind im Finale! Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht, aber wir sind auf einem guten Weg." Die 40.000 auf dem Amsterdamer Museumsplein waren am Dienstag schon weiter. Unermüdlich skandierten sie: "Nederland Wereldkampioen!" (sid, wei, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 8. Juli 2010)