"Ein Ende ist nicht in Sicht"

8. Juli 2010, 17:12
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    foto: ascot elite

Christian Povedas Gang-Doku "La vida loca - Die Todesgang"

Es ist immer der gleiche Verlauf: Eben noch hat man einer Alltagsszene beigewohnt, dann wird ausgeblendet. Ins Schwarz tönen Schussgeräusche, "Bang, Bang". Später sieht man einen Körper auf dem Boden liegen. Nach Freigabe durch die Gerichtsmedizin halten die "Homies", Angehörige und Freunde, Totenwache. Am nächsten Tag ist die Bestattung. Irgendjemand bricht immer laut klagend am offenen Grab zusammen.

Der französische Filmemacher Christian Poveda hat für "La vida loca" (deutscher Titelzusatz: "Die Todesgang") Momentaufnahmen aus dem Alltag von männlichen und weiblichen Mitgliedern der Mara 18 in San Salvador gesammelt - einer jener weitverzweigten Gangs, die auf lateinamerikanischem Boden angeblich mindestens 70.000 Mitglieder zählen und einander erbittert bekriegen. Der Film ist quasi ein dokumentarischer Verwandter von "Sin nombre", der derzeit in den österreichischen Kinos läuft.

"La vida loca" entzieht dem Leben als Gangster allerdings noch das letzte Quäntchen Glamour: Er begleitet zum Beispiel junge Männer und Frauen, die sich in einer Bäckerei, einem Resozialisierungsprojekt, engagieren. Darunter Jeaneth, die auf eine Prothese wartet - sie hat bei einer Schießerei ein Auge verloren, das Projektil steckt noch im Kopf. Vor allem wird "La vida loca" von Begräbnissen strukturiert. Manche der Szenen dazwischen wirken bald wie Reminiszenzen an Tote.

"La vida loca" erlangte traurige Berühmtheit, weil Poveda selbst im September 2009 erschossen wurde und angenommen wird, dass Gangmitglieder für seine Ermordung verantwortlich sind. Auf der DVD ist als Extra eine frühere Arbeit zu sehen, eine Miniatur aus Fotoporträts und kurzen Statements von Mitgliedern der "18" und der Mara Salvatrucha. "La vida loca", ein wildes Leben - deshalb habe er sich einer Gang angeschlossen, sagt einer. Wie kurz dieses Leben ist, davon erzählt der gleichnamige Film. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 9.7.2010)

 

Erschienen bei Ascot Elite (Region 2)

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