Ex-Verteidigungsminister Herbert Scheibner verlangt, die Wehrpflicht auszusetzen - das wäre effizienter, sagen Experten
Wien - Jahr für Jahr zieht das Bundesheer rund 25.000 junge Wehrpflichtige zum Dienst ein - aus dieser Basis werden einige für eine längere Verpflichtung geworben und zudem ein paar Frauen, die sich zu Kadersoldatinnen berufen fühlen, rekrutiert. Das sei völlig ineffizient, sagen Experten.
Mit 3500 bis 5000 Freiwilligen, die jedes Jahr angeworben und auf drei Jahre Dienst verpflichtet werden müssten, könnte das Bundesheer gleich effizient sein und alle Aufgaben im In- und Ausland abdecken, erfuhr der Standard.
Mittelfristig wäre ein Berufsheer auch deutlich billiger, auch wenn niemand eine konkrete Berechnung wagen will. Nur so viel steht fest: Jeder Grundwehrdiener kostet derzeit rund 14.000 Euro an Ausrüstungs-, Unterbringungs- und vor allem Ausbildungskosten. Ein beachtlicher Teil des Systems Bundesheer ist ausschließlich mit seiner eigenen Erhaltung - der ständigen Beschäftigung mit Wehrpflichtigen - beschäftigt.
Derzeit werden aber an allen Enden Sparmöglichkeiten gesucht. Im Standard-Interview hatte Verteidigungsminister Norbert Darabos kürzlich angekündigt, dass man beachtliche Teile des Heeres - etwa Panzer und Panzerhaubitzen - einmotten könnte. Dies aber würde nach Einschätzung von Experten in der ersten Phase keine Verbilligung bringen.
"Um einen Panzer fachgerecht einzumotten, muss man entsprechende Hallen adaptieren, sämtliche Flüssigkeiten auslassen und durch andere, zur Konservierung geeignete, ersetzen. Auch Rohr und Kampfraum benötigen eine spezielle Behandlung, nämlich mit trockener Luft" , sagt ein Offizier. Ähnliche Anlaufkosten brächte wohl auch eine Umstellung von einem Wehrpflichtigenheer auf ein aus Freiwilligen zusammengesetztes Berufsheer. Das räumt auch Ex-Verteidigungsminister Herbert Scheibner ein - als Wehrsprecher des BZÖ fordert er ein Aussetzen der Wehrpflicht und eine Verjüngung der Truppe durch Freiwillige. Es gibt nämlich Truppenteile, deren Kader im Schnitt 36 Jahre alt ist - wobei der Altersschnitt rasch steigt. Für Einsätze sind derartig überalterte Truppen kaum geeignet.
Keine Dauerarbeitsplätze
Die Blutauffrischung durch junge Freiwillige, die jeweils nur auf drei Jahre dienen sollten, wäre dringend notwendig. Durch die seit Jahren angespannte Budgetsituation können aber nicht einmal jene Freiwilligen aufgenommen werden, die sich derzeit für eine Karriere beim Heer interessieren. Was jetzt - und noch mehr in einem künftigen Berufsheer - gelten muss: Die Freiwilligen bekämen keinen Dauerarbeitsplatz, nach drei Jahren müsste der Großteil in einen Zivilberuf wechseln.
Das aber hat schon bisher kaum geklappt. Wer beim Heer länger dient, schielt häufig auf eine Dauerstellung beim Arbeitgeber Staat - und weil dieser allzu oft nachgibt, kommt es zu der angesprochenen Überalterung.
Ähnlich war die Situation in Belgien, das bereits in den Neunzigerjahren auf ein Berufsheer umgestellt hat - dabei aber einen Großteil seiner alten Berufssoldaten behalten hat. Die Kosten für das Berufsheer sind dort steil angestiegen. Einsparungen gibt es erst, wenn die bestehenden Strukturen abgebaut worden sind. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2010)