derStandard.at-Interview

"Bin auch ein Lobbyist"

Michaela Kampl, 8. Juli 2010, 06:56
  • Artikelbild
    foto: apa-foto: herbert pfarrhofer

    "Ich lasse mir von keinem Lobbyisten die Hand führen. Ich höre ihnen zu, aber ich lasse mir von ihnen keine Zeit stehlen."

    OTHMAR KARAS (52) sitzt seit 1999 für die ÖVP im Europäischen Parlament. Dort ist er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Währung und im Sonderausschuss zur Wirtschafts-, Finanz- und Sozialkrise. Vor seiner Aufgabe im EU-Parlament war Karas ÖVP-Nationalratsabgeordneter.

Politiker sollen Verantwortung für ihr Tun übernehmen und sich nicht hinter dem angeblichen Einfluss der Lobbyisten verstecken, sagt der ÖVP-EU-Abgeordnete Karas

Othmar Karas hat den Aufruf einiger EU-Parlamentarier gegen den Einfluss der Lobbyisten der Finanzbranche nicht unterschrieben. "Ich halte den Brief für ein Armutszeugnis, für ein Zeichen der Schwäche der Politik", sagte Karas im Gespräch mit derStandard.at. Es liege immer noch an den Parlamentariern, wie sie im Parlament abstimmen, argumentiert der ÖVP-EU-Abgeordnete. Und diese Entscheidung würden sie allen treffen. Sie sollten ihre Verantwortung als Vertreter ihrer Wähler wahrnehmen und sich nicht über Lobbyisten beschweren.

*****

derStandard.at: Sie sagten, Sie wollen sich nicht hinter Lobbyisten verstecken, denn am Ende entscheiden immer noch die Parlamentarier. Gibt es für Sie das Problem Lobbying nicht?

Karas: Lobbying gehört geregelt, um Transparenz zu erzeugen. Was im Europäischen Parlament der Fall ist.

derStandard.at: Dort ist die Registrierung allerdings freiwillig.

Karas: Jeder der registriert ist, bekommt ein Namensschild, mit dem er das Parlament betreten darf. Die anderen dürfen nur hinein, wenn es ein Abgeordneter erlaubt. Den Aufruf hab ich nicht unterschrieben, weil ich auch ein Lobbyist bin.

derStandard.at: Inwiefern sind Sie Lobbyist?

Karas: Insofern als dass ich für das, was ich für richtig halte, lobbyiere. Dafür versuche ich Mehrheiten zu finden und Akteure zu beeinflussen. Die stärksten Lobbyisten sind die Mitgliedsstaaten, die einzelnen Nationen, weil sie auch im Rat Gesetzgeber sind. Bei der Frage des Lobbyismus geht es vielmehr um das Selbstverständnis der Parlamentarier. Was mir im Moment auffällt ist, dass immer weniger Politiker Verantwortung für ihr Tun übernehmen und immer öfter die Schuld bei anderen suchen. Und sich so aus der Verantwortung stehlen.

Das haben wir beim G-20 Gipfel erlebt: Wenn man sich nicht einigt, verschiebt man den Zeitpunkt der Lösung und man erklärt, dass jeder tun und lassen kann was er will. Ich halte es für ganz wichtig, dass wir wieder zu dem stehen, was wir tun.

derStandard.at: Dem würden sicher die meisten Parlamentarier zustimmen. Diejenigen, die diesen Aufruf unterschrieben haben, sagen, dass die Lobbyisten aus der Finanzbranche derzeit besonders aktiv sind, wenn es um Entscheidungen zur Regelung des Finanzmarktes geht. Die Parlamentarier wünschen sich in diesem Bereich mehr Expertise von zum Beispiel NGOs.

Karas: Derzeit steht der Finanzmarkt auf der Agenda der EU. Wir regeln den Finanzmarkt. Wir beaufsichtigen die Banken. Wir registrieren die Produkte. Es ist logisch, dass bei den Themen, die wir derzeit haben, die Finanzwirtschaft der Hauptbetroffenen dieses notwendigen Reformprozesses sind.

derStandard.at: Sie sind Akteure. Betroffen sind wir alle.

Karas: Und was ist ein Politiker? Ein Abgeordneter ist ja eigentlich der Sprecher der Zivilgesellschaft. Es liegt an mir, mit wem ich mich treffe. Es liegt an mir, welche zusätzlichen Initiativen ich setze. Ich fühle mich von niemandem erdrückt. Ich lasse mir von keinem Lobbyisten die Hand führen. Ich höre ihnen zu, aber ich lasse mir von ihnen keine Zeit stehlen. Jemand der zu mir kommen will, um einen Kaffee zu trinken, der nicht weiß was er will und keinen Beitrag leistet, der wird kein zweites Mal einen Termin bekommen. Aber ich bin jedem gegenüber offen. Weil ich entscheide.

Ich halte den Brief für ein Armutszeugnis, für ein Zeichen der Schwäche der Politik. Wenn es Probleme zu lösen gibt, dann sind diese Probleme zu lösen, aber keine Briefe zu schreiben. Das ist eine Scheinaktivität. Wir haben als Politiker die Macht, die Dinge zu ändern. Wie zum Beispiel in den Expertengruppen der Kommission. Eine davon ist die GEBI (Group of Experts in Banking Issues). (Diese Gruppe soll die Kommission bei der Bankenregulierung beraten. Von 40 Mitgliedern sind nur drei unabhängige Experten. Anm.) Jeder konnte sich für diese Gruppe bewerben. Es hat sich nur ein Parlamentarier beworben. (Karas selbst hat sich beworben und wurde auch als Beobachter aufgenommen. Anm.)

derStandard.at: In dieser Expertengruppe sind Sie Beobachter, kein Mitglied. Sind nur die Beobachterposten ausgeschrieben worden, oder alle anderen auch?

Karas: Alle konnten sich bewerben. Das wurde öffentlich ausgeschrieben. Jeder konnte sich bewerben. Aber warum habe ich mich beworben? Ich bin zwar Gesetzgeber, der Letztentscheid liegt bei mir, aber als einer der im EU-Parlament Verantwortlichen bei der Eigenkapitalregelung, bei Eurostat will ich wissen, was die dort machen. Ich will das kontrollieren und mich einbringen. Ich will wissen, in welchem Prozess das abläuft. Die Letztentscheidung habe zwar ich, aber ich finde, dass es wichtig ist, diesen Prozess zu beobachten und zu begleiten.

derStandard.at: Und wer entscheidet, wer als Mitglied oder Beobachter zugelassen wird?

Karas: Die Kommission entscheidet. Das ist auch logisch. Ich entscheide ja auch wer mich berät.

derStandard.at: Dieses Gremium, in dem überwiegend Vertreter der Banken sitzen, soll die Kommission bei der Regulierung der Banken beraten. Das Interesse der Banken an einer Regulierung dürfte enden wollend sein.

Karas: Das wird immer angenommen, aber sie entscheiden dort ja überhaupt nichts. Sie geben ihre Meinung zu dem, was zu geschehen hat.

derStandard.at: Aber ist das nicht auch eine mächtige Position, wenn man Einfluss darauf hat, wie eventuelle Regulierungsvorschläge aussehen?

Karas: Gesetzgeber ist das Europäische Parlament. Das Parlament könnte selber eine Expertengruppe zusammenstellen. Ich halte es daher nicht für gerechtfertigt, Betroffenen, die sich engagieren und einbringen, die Schuld zu geben. Das ist eine Selbstaufgabe der Politik.

Da muss man einmal darüber reden, ob es nicht im EU-Parlament zusätzliche Mitarbeiter für die Berichterstatter der Ausschüsse des Parlaments geben soll. Die Infrastruktur, die wir als Politiker haben, sollte uns die gleichen Beteiligungschancen geben, wie sie auch Minister und der Rat haben.

Es geht mir darum, welches Selbstverständnis hat ein Mandatar, welche Infrastruktur hat ein Mandatar. Wie gehe ich mit meiner Verantwortung um? Und ich appelliere an alle, die Dinge die sie ärgern, ändern zu wollen - aber nicht Schuld zuzuweisen. Politiker haben vor Problemen nicht zu flüchten. (mka, derStandard.at, 7.7.2010)

Zur Nachlese:

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 83
1 2 3
Nirvanacharly
 
00
12.9.2010, 08:52
ich bin auch ein lobbyist!

nur habe ich das problem das mich keiner bezahlt, geschweige denn, von mir GELOBT zu werden will, aber das haben die schwarzen hinterbänkler so an sich.

khaleb
00
zuviel getrunken ?

EIn EU-Parlamentarier ist Entscheidungsträger und somit Ziel von Lobbyisten.

Kid "Kongo" Powers
00
11.8.2010, 14:14

kann man den Karas nicht endlich abschalten??

ÖVP und Banken sind eine Seuche !
00
10.8.2010, 21:22
na und ?

er hat halt nicht unterschrieben, dafür auf knien die hände geküßt - altes mafia paten ritual
und ich glaub freimaurer handeln im verborgenen nur mit handschlag, nicht mit unterschrift.

pepitant
01
16.7.2010, 13:36
hinter dem angeblichen Einfluss der Lobbyisten

Alles nur angeblich, Herr Karas.
Feste Trotteln, die diese Lobbyisten hoch bezahlen, für einen angeblichen Einfluss.

wero2
01
15.7.2010, 01:01
ich - oh - entscheide - als wähler

hirn einschalten ist angesagt.

bei uns in bagdad
00
14.7.2010, 11:51
carpe diem

obwohl mein politisches weltbild sich nicht mit dem des eu parlamentariers karas deckt kann ich seinen ausführungen nur zustimmen.
weiter so, schlau machen, klar und eindeutig stellung beziehen, weniger briefe schreiben und mehr entscheidungen im sinne der zivilgesellschaft treffen.

Rainer Sarkasmus
00
14.7.2010, 10:46
mich würde interessieren,

wer in dieser GEBI drin ist. Heißt "nur 3 unabhängige Experten", dass 37 Ackermanns drin sitzen?

marty fink
10
11.7.2010, 23:41
Er hat zwar recht, aber aufgrund seines JAs zum Swift - Abkommen kann der Herr Karas schlicht und einfach

sch.... gehen!

Wyle E. Koyote
00
jo eh

nur für die amis. danke für das ja zum swift-abkommen!

Christian Apl
Christian Apl
03
Jo eh

mia san eh olle Lobbyisten. Jede/r will/muss Einfluss nehmen. Die einen werden halt bezahlt dafür, ein paar andere dafür gewählt und alle, weil beim Souverän die Letztverantwortung liegt. Da das allerdings schon wesentliche Unterschiede sind, würde ich dabei bleiben, die Bezeichnung "Lobbyisten" nur für die zu verwenden, die ihre Einflußnahme monetär abgegolten bekommen.

Jo eh...
12

Wahre Worte von Karas, einem der für einen Spitzenposten in der ÖVP schon immer zu klug, zu menschlich, zu eigenständig und zu ehrlich war. Kein Lobbyist dieser Welt hat von sich aus einen Einfluss. Den hat er IMMER erst dann wenn ein bestechlicher Politiker ihm diesen gibt. Insofern: Politiker, Eigenverantwortung übernehmen. Leider in weiten Teilen Europas ein Fremdwort, da will man immer allen anderen die Schuld an allem möglichen und unmöglichen geben.

GevatterTod
01
is eh kloar - Gamsbartkommunisten etc..

und die Gschicht mit der Pension fuer eine Rueckgratverletzung vergiess ma eam ah net

slow motion
54
Karas scheint nicht verstehen zu wollen oder zu können, was Lobbyismus ist.

Salz Burger
06

Ich vermute, er weiß sehr genau, was Lobbying ist. Und ich finde, er hat völlig recht.

pepitant
00
16.7.2010, 13:46
Ich vermute, er weiß sehr genau,

was Lobbying ist, aber uns versucht er einen Bären aufzubinden. Wie ich überrascht feststellen kann, scheint sogar das zu funktionieren. Scheint deshalb, weil ich davon ausgehen muss, dass niemand so unbedarft sein kann, das nicht zu sehen und dementsprechend Ihren Beitrag als VP-Abschwächungsmasche - man könnts ja auch so sehen - interpretiere. Nein, man könnts eben nicht auch so sehen.
Auf jeden Fall sind mit den medial verschiedentlich erwähnten zigtausenden Lobbyisten in Brüssel keine unbezahlten gemeint gewesen.

Salz Burger
00
16.7.2010, 16:27

Ich würde mir wünschen, wir alle würden besser über Lobbying aufgeklärt. Zum Beispiel über die Arbeit von Lobbyisten, wie sie abläuft, was sie tun, was sie verdienen. Und das aus verschiedenen Bereichen, vom Umwelt-Lobbyisten bis zur Pharma-Industrie.
Gratis muss da niemand arbeiten.

fmdj
00
21.7.2010, 18:00

ein film dazu kommt im herbst 2011 ins kino :)
70% der finanzierung steht schon, daumen halten, dass der rest auch bald da ist. dann wird ab diesen herbst gedreht.

masterjo
21

soweit würd ich nicht gehen, das kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.
eher vorstellen kann ich mir, dass karas den begriff einfach verwässert und auf einmal sind alle lobbyisten und das kann man ja alles so gar nicht regeln und blabla
grauslich ist das

Kuschterrier
01

derStandard.at: Inwiefern sind Sie Lobbyist?

Karas: Insofern als dass ich für das, was ich für richtig halte, lobbyiere.

Ist das die hohe Politik?
Was genau hält er denn für richtig und auch wichtig?
Ich sehe da nichts ausser eine Polit-Vuvuzela

Abartig
30
früher nannte man so etwas Diktator,

wenn einer vertritt, was er selbst für richtig hält.

Sinnvoller Weise sollte er die Sache der Österreicher und derren Interessen vertreten.

B JK
01
22.7.2010, 14:44

das sollte er definitiv nicht tun, damit würde er seiner Aufgabe als "EU"-Mandatar widersprechen. Er sollte die Interessen aller Europäerinnen und Europäer vertreten. Ich hoffe, dass es genau das ist was er für wichtig hält. "Wie" er es macht, ist was er für richtig hält.

skip it
00
14.7.2010, 12:41
sie san der perfekte ignorant...

...braunwaehler, stimmt's?

Alkolix
10
seit wann

ist das eu parlament gesetzgeber?

B JK
00
22.7.2010, 14:46

seit dem 1. Dezember 2009. Seit dem In Kraft treten des Lissabonvertrages ist der EP gemeinsam mit dem Rat Gesetzgeber (Art. 14 Abs. 1 Satz 1 EUV).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 83
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.