94 Prozent der Befragten leiden seit Beginn der Therapie unter körperlichen oder seelischen Nebenwirkungen
Wien - Vor dem Hintergrund des Welt-AIDS-Kongresses, der heuer erstmals in Wien stattfindet, präsentiert die Österreichische Gesellschaft für Niedergelassene Ärzte für HIV Patienten (ÖGNÄ) zum ersten Mal eine Umfrage, in der konkrete Zahlen zum Thema "Lebensqualität und HIV" erhoben werden konnten. Die größten Beeinträchtigungen durch die HIV-Infektion liegen laut der Umfrage im Bereich des körperlichen Wohlbefindens. Viele Patienten haben Angst vor den Langzeitwirkungen der Medikamente sowie davor, andere mit der Krankheit anzustecken und vor dem Bekanntwerden ihres HIV-Status. "Fast jeder Patient - konkret 94 Prozent der Befragten - leidet seit Beginn der Therapie unter körperlichen oder seelischen Nebenwirkungen", resümiert Olaf Kapella, freier Sozialwissenschaftler und Projektleiter der Studie.
Eingeschränkte Lebensqualität
Bei Fragen zur Lebensqualität wurden am häufigsten Angst vor Nebenwirkungen genannt, gefolgt von den Ängsten andere mit HIV zu infizieren und vor dem Bekanntwerden der eigenen HIV-Infektion. Die am weitesten verbreiteten Nebenwirkungen sind Müdigkeit und Energiemangel, Probleme mit der Verdauung, Depressionen und Stimmungsschwankungen, Ängste und sexuelle Störungen.
Der Zeitpunkt des Therapiebeginns sei in den meisten Fällen vom Zustand des Immunsystems (Anzahl der CD4-Zellen) abhängig. Der Therapieerfolg werde mittels Messung der Viruskonzentration im Blut (Viruslast) kontrolliert. Man starte heute eine HIV-Therapie spätestens dann, wenn die CD4-Zellen die Zahl von 350 unterschreiten. Das Therapieziel ist eine nicht messbare Viruskonzentration im Blut. Bei mehr als 95 Prozent der infizierten Patienten verläuft die Therapie erfolgreich, das heißt die Viruskonzentration befindet sich unter der Nachweisgrenze.
In der Zwischenzeit stehen mehr als 25 zugelassene Medikamente zur Behandlung einer HIV-Infektion zur Verfügung. "Seit ich 1981 den ersten AIDS-Patienten in Österreich betreut habe, hat sich die Behandlung der HIV-Infektion dramatisch verbessert. Die Lebenserwartung der Patienten ist deutlich gestiegen, sie gleicht heute nahezu jener Nicht-HIV-Infizierter. Konkret vereinfachen neue Kombinationspräparate, eine geringere Tablettenanzahl und eine verbesserte Galenik die Medikamenteneinnahme. Es hat sich aber nicht zuletzt aufgrund der uns vorliegenden Umfrageergebnisse gezeigt, dass auf therapeutischer Ebene der Bedarf an nebenwirkungsarmen Therapien weiter gegeben ist", erklärt Judith Hutterer, Präsidentin der ÖGNÄ.
Vertrauen durch den Arzt
Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient spielt - laut Umfrage - eine enorm wichtige Rolle im Leben der Betroffenen: 78 Prozent fühlen sich durch den Partner und 72 Prozent durch den behandelnden Arzt sehr gut unterstützt; die Freunde stehen mit 51 Prozent auf Platz drei beim Support. Der Großteil der Befragten empfinde es als unterstützend, wenn die Familienangehörigen, Partner und Freunde über die Krankheit informiert sind.
Die Conclusio der ÖGNÄ-Ärzte: "Ich möchte einen Appell an meine Kollegen, an alle Ärzte richten. Die Studie hat klar ergeben, dass wir zukünftig noch mehr auf die individuellen Bedürfnisse unserer Patienten eingehen müssen. Außerdem sollten wir uns unserer Verantwortung klar bewusst sein: Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient spielt - laut Umfrage - eine enorm wichtige Rolle im Leben der Betroffenen", so Horst Schalk, Generalsekretär der ÖGNÄ. (red)