"Ethnisierung" im Wiener Wahlkampf

6. Juli 2010, 19:10

Kompliziert, nicht? Jedenfalls kann keine Partei in Wien auf die Migranten verzichten, wenn sie ihre Sinne beisammen hat

Fast sieht es so aus, als entwickle sich der Wahlkampf der Wiener Parteien auch entlang alter ethnisch-historischer Linien (bzw. alter Feindseligkeiten). Strache wütet gegen Muslime, deren zahlenmäßig größte Gruppe die Türken und die Bosnier sind. Dafür umwirbt er geradezu feurig die Serben, die eine eigene serbisch-orthodoxe Kirche haben und ihren Nationalmythos aus der (verlorenen) Schlacht am Amselfeld (Kosovo) gegen die Türken im Hochmittelalter (mit darauffolgender jahrhundertelanger Besetzung) herleiten. Vor kurzem hat Strache mit einem serbischstämmigen nationalistischen Geschäftsmann eine "christlich-freiheitliche" Plattform gegründet.

Die ÖVP hatte bisher eine türkische Gemeinderätin, Sirvan Ekici, eine Vertreterin des west-orientierten, offenen, nicht besonders religiösen türkischen Bürgertums. Nun war sie in Gefahr ihren Listenplatz zu verlieren, weil die Wiener ÖVP den Schwimmstar Dinko Jukic, den Bruder der bekannten Schwimmerin Mirna Jukic, aufstellen will. Kroatien war jahrhundertelang in der Monarchie katholisches "Bollwerk" gegen die Türken. In den 90er-Jahren wollten die Kroaten (wie alle anderen) aus dem serbisch dominierten Jugoslawien weg. Der nachfolgende blutige Krieg ging von Serbien aus. Tatsache ist aber auch, dass der kroatische "starke Mann" Franjo Tudjman kein humanitärer Demokrat war und die ÖVP (der damalige Außenminister Mock) bereit war, darüber hinwegzusehen. Die ÖVP macht sich besonders für einen EU-Beitritt Kroatiens stark.

Die SPÖ ist relativ stark unter den Wählern mit türkischem und ex-jugoslawischem Hintergrund, ebenso die Grünen. Die Grünen sind als einzige österreichische Partei für einen Beitritt der Türkei zur EU.

Wir reden hier von wahlberechtigten Eingebürgerten, bzw.deren wahlberechtigen Nachkommen. Die Zahl der wahlberechtigten Türken in Wien wird auf 100.000 geschätzt, die der Serben (und Montenegriner) noch um einiges höher (150-170.000). Auch die Bosnier, von denen nach dem Bosnienkrieg in den 90er-Jahren viele in Österreich geblieben sind (ca. 70.000) und die Kroaten sind ein beachtliches Potenzial.

Man kann bis zu einem gewissen Grad von einer "Ethnisierung" der österreichischen und Wiener Politik reden, wie es der Experte und Uni-Lektor Thomas Schmidinger tut. Gleichzeitig laufen die Wahlen für die "Islamische Glaubensgemeinschaft Österreichs", die als offizielle Vertretung der Muslime Österreichs (Staatsbürger und Nicht-Staatsbürger) gilt. Obwohl der bisherige Präsident Anas Shakfeh (ein Syrer) und der Integrationsbeauftragte Omar Al-Rawi (SPÖ-Gemeinderat mit irakischem Hintergrund) in der Öffentlichkeit recht bekannt sind, gibt es Kritiker, die diese arabische Dominanz der Glaubensgemeinschaft als nichtrepräsentativ bezeichnen. Nicht ohne Grund: Die Mehrheit der 500.000 Muslime in Österreich sind Türken, und die wollen mit der Glaubensgemeinschaft wenig zu tun haben. Die größte türkische Gruppe, ATIB, hat enge Bindungen an die türkische Regierung, die beiden anderen gehören zu den Fundamentalisten (Milli Görüs) bzw. zu den Nationalisten.

Kompliziert, nicht? Jedenfalls kann keine Partei in Wien auf die Migranten verzichten, wenn sie ihre Sinne beisammen hat. Aber es sieht so aus, als wären manchen Parteien manche Migranten lieber als andere. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
1 2
Seria
43

Primitive Völker haben nun mal angst vor anderen Völkern, die ihnen vielleicht ihren Lebensraum weg nehmen. Sein Revier verteidigt auch das Wild im Wald.
Mit Bildung könnte man dem Problem schon beikommen, aber wer würde dann DIE Politiker wählen?

Igor Gassner
00
Nun die Ängste sind meist berechtigt

wenn man eine ganze Reihe von Kriegen vorallem aber den II WK Revue passieren läßt

antistaberl1
24

Das haben wir davon, daß in einigen Generationen nur mehr Muslime in Wien am Ruder sein werden. Unsere armen Kinder unserer Kindeskinder......

Sarah L.
 
02
womit überzeugend vorgeführt wird,

dass ethnische zugehörigkeit keine politische kategorie ist.

Ingrid Goeschl1
22

Letzten Endes hängt die Sicht der Dinge (nach der Wahl) aber doch davon ab, ob man der Ansicht ist, dass seit ??? Generationen in Österreich Geborene die besseren Menschen sind (FPÖ) oder ob man akzeptieren kann, dass die Menschen aus den Ländern, in die man auf Urlaub fährt, gleichwertige Mitmenschen sind.

Dass man Leute aus Ländern, die noch vor kurzem Krieg mit ethnischen Säuberungen hatten (Serbien) auch noch zum Rassismus aufwiegelt, ist jedenfalls nicht untypisch für die Effen.

Die Welt wird jedenfalls kleiner und kein Land kann sich abschotten, ob es den Effen nun passt oder nicht.

afrayspeed
02

die grünen sind stark bei wählern mit türkischem bzw. ex-jugoslawischem hintergrund?
gibt es dafür belege?

Sire de Vienne
13
wahrscheinlich haben die MigrantInnen das grüne Wahlprogramm nicht gelesen...

.. oder nicht verstanden! Da steht etwas von Relgionsfreiheit, Frauen, Kinder- Lesben- und Schwulen- sowie Transgenderrechten!

Vielelciht sollten die anderen Parteien das grüne Manifest mal ins Türkische und andere orientalische Sprachen übersetzen und verteilen?!?

Truhe
 
20

Doch recht geschwätziger Artikel...
Wie wärs mit etwas Inhalt ab und an.

klausenpown
04

Wow, was für Zahlen.

Herr Rauscher spricht also erstmal von ca. 360000 Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund. Ich würde sagen es sind sicher nochmal 100000 aus Ländern, die Herr Rauscher jetzt nicht explizit anführt. Weitere 70-100 Tausend sind wohl noch nicht Wahlberechtigt (Kinder). Zusätzlich leben laut orf.at ca. 310000 Ausländer ohne Staatsbürgerschaft in Wien.

http://oesterreich.orf.at/wien/stor... es/109717/

Das wären summa summarum ca. 840000 Menschen mit direktem Migrationshintergrund in Wien, mehr als die Hälfte der Einwohner. Hat sich der Herr Rauscher da nicht vielleicht doch etwas verschätzt?

Igor Gassner
12
Guten Morgen

Chris_SM
012
Das stimmt im Prinzip schon

Rau hat nur vergessen, dass diese Ethnisierung auch dazu führte, dass der Wiener Gemeinderat das israelische Vorgehen gegen die türkisch geführten Blockadebrecher verurteilte. Und dies, obwohl der Gemeinderat sonst nie um internationale Belange kümmert. Tendenziell antisemitisch eingestellte Türken sind eine zahlenmäßig nicht vernachlässigbare Wählergruppe, Juden hingegen schon...

archimed
45
locker bleiben...

es lebt ein mensch hier in österreich, ist wahlberechtigt, aktiv und oder passiv, egal woher er ursprünglich kommt oder künftig geht!

und warum dieses unnütze getue von wegen neoösterreicher und bürgern aus anderen staaten, etnischen und religiösen minderheiten, die zur wahl gehen werden und vielleicht ganz anders wählen als vorher meinungsbefragt?

vielleicht wählen ja gerade diese neoösterreicher und vielleicht mit migrationshintergrund mit hirn und verstand und fallen nicht auf die halbseidenen versprechungen der altparteien hinein?

schau ma mal...

anders and
 
21
ich teile Ihre Hoffnung nicht!

Nur wenige Migranten werden die Grünen wählen,
dafür umso mehr die von Grund auf verlogene Uraltpartei Straches.

a grünes stricherl
 
00
da migranten völlig normale menschen sind

und sich eben null von österreichern unterscheiden .. die ja auch nur die summer der vorigen einwanderungswellen sind ..

.. habe ich wenig hoffnung dass sich durch die passive oder aktive wahlteilnahme oder nichtteilnahme von migranten auch nur irgendetwas ändern kann.

michael haim
 
167
an banalität nicht zu überbieten

der Artikel ist in seiner oberflächlichkeit und trivialität kaum zu überbieten. von einer einfachen "analyse" des jugoslawien kriegs (so nach dem Motto " die serben sind allein schuld "), ohne die katastrophalen signale Genschers und Mocks zu thematisieren, die die sezession begünstigt haben! der artikel strotzt insgesamt nur so von banalen statements wie Jedenfalls kann keine Partei in Wien auf die Migranten verzichten, wenn sie ihre Sinne beisammen hat. Aber es sieht so aus, als wären manchen Parteien manche Migranten lieber als andere . no na, ich brich nieder, das ist eine analyse, bumm, und für so was bekommt rauscher geld? nicht schlecht , der mann hat offensichtlich humor und kennt keinen genierer.

- rau -
116
an uninformiertheit nicht zu überbieten

Kroatien hatte längst die Unabhängigkeit beschlossen, Slowenien schon vorher, als Mock und Genscher für die Anerkennung durch die EU warben. Die EU anerkannte Kroatien erst, als Serbien schon einmarschiert war und mehrere Städte verwüstet hatte.
Jugoslawien war nicht zu halten, weil die Devisenverdienenden Teilstaaten Kroatien und Slowenien nicht den serbisch dominierten Unterdrückungsapparat (Armee und Sonderpolizei) der pseudokommunistischen, in Wirklichkeit ultra-nationalistischen Führung (Milosevic) finanzieren wollten.

Hans Müller1
 
43
heute Geschichtsprofessor, morgen Wirtschaftsexperte

und übermorgen Einsichten in die Ursachen der Pädophilie - Rau weiß alles, immer

Ingrid Goeschl1
07

Er weiß tatsächlich viel.

Und wenn Sie seine Meinung in einer Sache nicht teilen, dann kann man ja Gegenargumente bringen, so laufen Diskussionen eben, wenn sie interessant sein sollen.

Karlgaard
222

Seit Rauscher die Migration als größtes Problem in Wien bezeichnet hat und türkischsprachigen Jugendliche den Integrationswillen absprach (noch nie was von Zweisprachigkeit gehört), hat er seine Glaubwürdigkeit hinsichtlich dieses Themas verloren. Den Migrationsexperten spielen und kleinbürgerlichen Reflexen nachgeben, geht halt leider nicht zusammen.

Igor Gassner
02
Also ich kenne Türken

die können weder Deutsch noch Türkisch das ist das eigentliche Problem der Migration dass man kulturlose orientierungslose Menschen schafft die sich dann übder den Islam radikalisieren weil ihnen nichts anderes bleibt.

Ausgeflippter Lodenfreak
113

Darf ein Migrationsexperten keine Probleme ansprechen? Genau die Einstellung, dass Migration auf jeden Fall super und immer eine Bereicherung ist und dass nur "die Gesellschaft" schuld an den Problemen ist und dass jeder der etwas anderes sagt nur ein Rechter oder Kleinbürger ist, hat zur heutigen Situation (starke Rechte und tiefe Gräben zwischen Teilen der autochtonen Bevölkerung und den Zuwanderern) geführt.

Ban Jelacic
45
... umwirbt er (Strache) geradezu feurig die Serben, die eine eigene serbisch-orthodoxe Kirche haben ...

Was so eine Freundin mit dem Namen Batanic' so alles bewirkt :-/

anders and
 
03
sind Sie naiv!!

Erst wurden die Serben als interessante Wählergruppe identifiziert, erst viel später wurde geturtelt.
Glauben Sie wirklich Strache interessiert an den SerbInnen irgendetwas anderes als deren Wählerstimme?

beyaz peynir
32
Fragé an den seriösen Journalisten

Zitat
Die Mehrheit der 500.000 Muslime in Österreich sind Türken, und die wollen mit der Glaubensgemeinschaft wenig zu tun haben.

Woher wissen Sie, ob diese Leute etwas mit der IGGHIÖ zu tun haben wollen? Mit wievielen der 500.000 haben Sie gesprochen?

a grünes stricherl
 
05
es ist wahrlich kein geheimnis dass der grossteil der österreichischen muslime definitiv wenig bis nichts mit der von ihnen zitierten truppe zu tun haben will ...

die können doch nichtmal mitgliederzahlen angeben.

aber zum glück gibts parallel auch organisierte liberale muslime .. und aleviten(ja den nun folgenden text kennen wir schon) und eine grosse menge an muslime die nur "taufschein(sic)" muslime sind .. wie die meisten christen in österreich auch .. und darüber hinaus eben die mehrheit der muslime in ö .. die ganz einfach keine organisation für sich sprechen lassen wollen.

ps. grüsse aus der wirklichkeit.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.