Herr Löw hat auf alte Pullis zu setzen
Prinzipien sind dazu da, im Fall des Falles über Bord geworfen zu werden. Deshalb sucht Joachim "Ich bin eigentlich nicht vom Aberglauben getrieben" Löw gar keine Ausrede für seinen blauen Pullover, auch wenn er ein bisserl abzuwiegeln versucht. "Es sind" , schiebt er die Aberglaubensschuld auf seinen Trainerstab, "Stimmen in meinem Umfeld lautgeworden, dass ich den Pullover wieder anziehen soll. Ich darf ihn nicht einmal mehr waschen und werde ihn wohl wieder tragen."
Die Spanier fürchten sich klarerweise. Coach Vicente del Bosque hat mit seiner Krawatte da kaum etwas entgegenzusetzen. Löws blauer Pullover ist ja nicht einfach nur ein Pullover. Sondern ein Investment. Kostet, liest man, 299 Euro. Unter Freunden. Ist aber aus Kaschmir.
Immer, wenn Löw diesen Strickfetisch getragen hat - Australien, England, Argentinien -, erzielten die Deutschen vier Tore. Und damit ja nichts schiefgeht, trägt auch Löws Assistent Hans Flick so einen. Im Windschatten von Löws Voodoo-Outing bekennen auch die Spieler ihre Diesbezüglichkeiten. Miroslav Klose etwa betritt "immer zuerst mit dem rechten Fuß den Platz, meistens schieße ich dann ein Tor" . Lukas Podolski lässt sich von seiner Freundin "vor jedem Turnier einen Glücksbringer" mitgeben. Bastian Schweinsteiger braucht "weiße Schuhe" .
Nur Kapitän Philipp Lahm beschränkt sich aufs Kreisstehen vorm Spielbeginn, "das gibt nochmal einen Ruck" . Weil's eh schon wurscht ist und ein Glückspullover sowieso nicht zu toppen ist, gesteht Löw gleich auch sein bisheriges Beschwörungsritual: Kurz vor dem Spiel zieht er rasch noch eine durch. Dem Vernehmen nach eine Marlboro. Gold. Das schon. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.7. 2010)