Der Grat zwischen echtem Selbstvertrauen und Arroganz aus Unsicherheit ist schmal. Thomas Müller ist ein wunderbares Beispiel
Jetzt muss ich auch einmal etwas über Fußball schreiben, weil ich am Wochenende im Cape Town Stadium Zeuge einer bizarren Vorführung geworden war. Absurdes Theater in Real Time mit illusionistischen Zügen und am Ende ist Diego Maradona kleiner als der Maulwurf aus der 30 Jahre alten Zeichentrickserie. Deutschland mit einem Start wie bei einem 100 Meter-Sprint, eine Bayern-Kombination: Bastian Schweinsteigers Freistoßflanke auf Thomas Müller, einmal zustimmend mit dem Kopf genickt, 1:0, dritte Minute, danach war Argentinien nur mehr erbärmlich. Ok, zu Beginn der zweiten Hälfte herrschte kurz Winterwetterleuchten für Lionel Messi & Companeros, aber der zierliche Magier kam kaum dazu, den Zauberstab auszupacken, irgendwann ist er nur mehr desperat an der Seitenlinie auf- und abspaziert.
Ähnlich wie Cristiano Ronaldo vier Tage zuvor an gleicher Stelle im Achtelfinale gegen Spanien. Der Portugiese wurde damals sogar ausgepfiffen, nachdem er bei einer seiner Foul-Einforderungen einfach sekundenlang am Rasen sitzen geblieben war und herumgefuchtelt hatte. Derartig demonstrativ theatralisches Getue ist einfach zu überheblich, besonders bei den paar schmalbrüstigen Sprints, Schüssen und Schwalben. Es ist schon wahr, dass CR7 & Messi von den Verteidigern sehr hart genommen werden, manchmal aber auch nur an die Leine, wie Spanien respektive Deutschland bewiesen haben.
Aber Messi hat wenigstens diesen peinlichen, zuhause vor dem Spiegel mit Gel auf den Fingerkuppen einstudierten Hinfaller-, Verender- und Wiederaufersteher-Habitus viel weniger ausgeprägt. Dennoch blieben beide bei dieser WM blass, als Antwort auf Gegenwehr und Kampfgeist hatten sie meist nur Frust drauf. Messi reiste ohne Goal ab. Wer auf diese Weise, große Titel gewinnen will, sollte sich einen wie Thomas Müller genau ansehen. Welche Wege der für ein Tor geht, nachdem er selbst den Ball erkämpft hat, und in welchem Tempo, welche Übersicht, Ballsicherheit und Abschlussqualität da mit 20 schon vorhanden sind. Vier Tore, vier Assists, eins davon gegen Argentinien aus einer Sit Up-Position heraus. Was am meisten begeistert: Das Selbstvertrauen, das in fast keinem Moment jener Unsicherheit weicht, die einen zum B-Movie-Anwärtertum verleitet.
Gerade im Profifußball ist der Grat zwischen dem erfrischenden Bewusstsein, etwas zu können und im richtigen Moment abrufen zu können, und dem arroganten Glauben, sowieso der Beste zu sein, wenn nur die Anderen g´scheit mitmachen, so schmal, dass man sich mit den Füßen wie beim Tip-Top-Auslosspiel hinstellen muss. Messi & CR7 haben geglaubt, sie bräuchten das Skript für ihren Bühnenauftritt nur beim Eingang abzuholen und dem Stück eine egoistische Note zu geben. Spaniens Fernando Torres ist auch so einer und wird deswegen im Semifinale gegen Deutschland wohl zuschauen.
Ganz fix nicht dabei im Semi ist Thomas Müller wegen zweier gelber Karten. Schade, denn der Aufsteiger des Turniers hat seinen Part im Schauspiel „Teamgeist in Der Mannschaft" sehr gut auswendig gelernt und durfte deswegen nach dem Argentinien-„Schlachtfest" (Zitat: Jörg Pfützner) auch etwas „von viel Kreativität im Spiel nach vorne" erzählen - und ich habe genickt, wie er beim Kopfball zum 1:0. Clever und smart dieser Bursche, und im Finale ist er dann so richtig ausgerastet - das ist körperlich gemeint und nicht wie beim letzten Endspiel, wo Zinedine Zidane auch ausgerastet war, aber halt anders, arroganter.