EU-Parlament will unbezahlte Praktika abschaffen

6. Juli 2010, 13:58
  • Die Resolution im Wortlaut.

Mindestzuwendung, Sozialleistungen und Befristung sowie Job- oder Ausbildungsgarantie gefordert

Das Europaparlament will der Ausbeutung von Jugendlichen durch kostenlose Praktika einen Riegel vorschieben. In einer Resolution spricht sich die Straßburger Volksvertretung für die Schaffung einer Europäischen Qualitätscharta mit Mindestanforderungen für Praktika aus, darunter auch eine "Mindestzuwendung basierend auf den Lebenshaltungskosten am Praktikumsort". Verfasst wurde der Bericht von der jüngsten EU-Abgeordneten, der 26-jährigen dänischen Grünen Emilie Turunen. 

Praktikum als Teil der Ausbildung

Praktikanten sollen zudem einen Versicherungsschutz und Sozialleistungen erhalten. Praktika sollen Teil der Ausbildung sein "und keine realen Arbeitsplätze ersetzen", heißt es in der Resolution weiter. Daher sollten sie zeitlich begrenzt sein, die Tätigkeit und die zu erwerbenden Qualifikationen sollen klar ersichtlich sein. Die EU-Institutionen sollen diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangehen und künftig allen ihren Praktikanten eine Mindestzuwendung zahlen sowie Sozialleistungen gewähren. Derzeit gibt es nämlich auch in der EU zwar befristete, aber unbezahlte Praktika. 

Schaffung einer "Europäischen Jugendgarantie"

Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von 21,4 Prozent in den EU-Staaten fordern die Europaparlamentarier die Schaffung einer "Europäischen Jugendgarantie", die allen Jugendlichen nach höchstens vier Monaten Arbeitslosigkeit entweder einen Job, eine Lehrstelle, eine Zusatzausbildung oder eine Kombination aus Arbeitsplatz und Ausbildung garantiert. Lobend hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang "die positiven Erfahrungen" mit dem dualen Berufsausbildungssystem "in Ländern wie Deutschland, Österreich und Dänemark". Die anderen EU-Staaten sollten ebenfalls Lehrstellenprogramme starten. 

Junge Menschen seien schwerer von Wirtschaftskrisen betroffen, weil sie die letzten sind, die angestellt wurden, "und in vielen Fällen auch die ersten, die gekündigt werden", sagte Turunen. Die Zahl der Praktika nehme zu, während jene der Jobs sinke. "Das ist ein guter Hinweis dafür, dass Praktika in der Tat echte Jobs ersetzen. Und nicht nur ein paar Jobs, sondern Millionen", kritisierte die dänische Grüne. Die führe dazu, dass viele Jugendliche "zwischen dem Arbeitsmarkt und dem Studentenleben gefangen und durch nichts abgesichert" sind. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2
sovereignty
00
8.12.2010, 11:30
Es fängt bei den Praktika an ...

... und geht mit den postgradualen Ausbildungen weiter!

Im Laufe meines Psychologiestudiums habe ich ein Pflichtpraktikum und weitere 3 freiwillige Praktika gemacht, alle unbezahlt ... und das Schlimme ist, dass man sich als Mitglied der Generation Praktikum auch noch damit abfindet oder es fast schon normal findet. Im Endeffekt ist es aber Ausbeutung, denn wenn ich neben dem Studium einen Teilzeit- oder gar Vollzeit-Job in Form eines Praktikums mache, wo man (idealerweise) sowohl für qualifizierte Arbeiten als auch für typische Kopier-/Sekretariats-/Aktenordnen-und-Co-Tätigkeiten eingespannt wird, und nichts dafür bekommt, ist das einfach nur billiger Ersatz für diejenigen, die nach dem Studium dann deswegen keinen Job bekommen.

sovereignty
00
8.12.2010, 11:39

Es stimmt zwar, dass man dabei etwas lernt (zumindest im Idealfall), aber eine gewisse Arbeitsentschädigung muss sein.

Noch extremer ist die Situation bei manchen postgradualen Ausbildungen ... in meinem Bereich etwa die Ausbildung zum Klinischen- und Gesundheitspsychologen ...
1480 Stunden "praktische Erfahrung", in der Mann eigentlich bereits vollqualifizierte Aufgaben übernimmt (oder übernehmen sollte), sprich nicht nur "erfährt", sondern de facto schon vollwertig arbeitet.

sovereignty
00
8.12.2010, 11:44

Nicht nur, dass diese Tätigkeit dann in den meisten Fällen (außer in löblichen Ausnahmefällen) unbezahlt ist. So kostet die Ausbildung auch nicht wenig und danach sieht man sich einer prekären Arbeitssituation gegenüber, da man meist gleich nach der Ausbildung von einem neuen Auszubildenden ersetzt wird.

Darüber hinaus gibt es noch immer keine Möglichkeit eine klinisch-psychologische Behandlung mit der Krankenkassa (teil-)zu verrechnen, im Unterschied zur Psychotherapie ... auch eine (noch teurere) Option für Psychologen, die in den Gesundheitsbereich streben - im Unterschied zu Deutschland braucht man allerdings nicht Psychologie dafür vorher studieren, da hierzulande ja praktisch jeder eine Psychotherapie-Ausbildung machen kann

sovereignty
00
8.12.2010, 11:48

... Womit ein Psychologie-Studium eigentlich auch noch bestraft wird ... verkehrte Welt ...

Ich habe die Wahl zwischen höchst-qualifizierten Psychologischen Psychotherapeuten (wie in D), die sowohl eine Wissenschaftliche Bildung (Psychologie-Studium) als auch therapeutische Ausbildung haben oder zwischen Nur-Therapeuten? ... Und wie hat sich die österreichische Gesetzgebung entschieden? ... War ja klar! (Kann man nur auf ne EU-Richtlinie hoffen, die sich an D anlehnt)

War jetzt ein anderes Thema, aber soll zeigen, dass die prekäre Situation bei den Praktika anfängt und später weitergeht!

Der Wirtschaftsbereich hingegen erkennt langsam das Potenzial von Psychologen, aber unbezahlte Praktika gibt es dennoch häufig ...

silverfinger
10
19.8.2010, 14:11

da kann die EU gleich mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen praktikanten bezahlen - diese verdammte heuchlerei

sovereignty
00
8.12.2010, 11:20
Genau lesen hilft!

Das hat sie vor ... Nicht alles an der EU ist Heuchelei, hat schon auch seine guten Seiten!

silverfinger
00
10.12.2010, 08:15

ja WANN denn?

phaidros
11
13.7.2010, 15:07

eine resolution des EU-parlaments als .doc file? gehts noch unprofessioneller?

Veronika Lenz
00
10.7.2010, 20:59

na,wird endlich Zeit-sie sollen aber bei sich selber anfangen und die kostenlosen Praktika bei den Eu-Institutionen abschaffen

Sceptique
00

Und ich bin dafür, alle Jobs mit weniger als 50 Euro Stundenlohn abzuschaffen - kann's ja wohl echt nicht sein, der Staat ist mal wieder gefragt!

gekaufter poster
01

als ehemaliger praktikant kann ich nur sagen: man macht oft auch nur den deppfüralles. und ich finde, das argument, man lerne ja beim praktikum etwas (was stimmt), und dieses Gelernte ersetze die Vergütung, schwachsinnig. man lernt bei JEDEM job etwas. und Leistung muss BEZAHLT werden. alles andere ist lohnprellerei

AntiFa201
00

der "staat" wird von lobbyisten regiert. vom staat können sie nichts erwarten, ganz egal wen oder was sie wählen. es heisst fressen oder gefressen werden.

gekaufter poster
10

also ich weiß nicht woher sie kommen, aber bei mir in bayern regiere ich. (und die andern 9 mio. bürger)

AntiFa201
00

das war n witz oder? oder glauben sie wirtklich daran? wenn ja, dann werde ich nicht mit ihnen weiter diskutieren... die meisten menschen in deutschland fühlen sich ohnmächtig gegenüber der politik und sie fühlen sich vertreten? ja sie glauben sogar, dass sie mitregieren? darf ich fragen wie dieses regieren aussieht, wenn sie nicht gerade politiker sind?

gekaufter poster
01
11.7.2010, 19:26

naja, ich gebe zu, ich bin nur ein klitzekleiner regierungschef, da ich in keiner partei aktiv mitwirke. aber ich werde alle 4 jahre von verschiedenen verwaltungsebenen(bund,freistaat,kommune) nach meiner meinung gefragt. dadurch habe ich 1/9000000 mitsprachrecht (in bayern), von dem ich auch gebrauch mache.

Gobi Todic
01
Die ÖVP nennt das Traditionsgemäß

"Um Gottes Lohn"

standardabweichung
00

hoffnung für doris wollner

Jippie1
03
Sinnvolle Regelung

Es kann nicht sein, dass Unternehmen statt fixen Jobs vermehrt Praktikumsjobs anbieten. Seh ich auch an meiner Hochschule so, da trudeln auch regelmäßig Jobangebote rein, unter anderem auch Praktikumsangebote.

Praktikumsstellen, die ein halbes Jahr oder länger dauern, sind da keine Seltenheit.
Und dann werden diese Praktikumsstellen auch noch großartig beworben und der Praktikant soll dann quasi auch noch froh sein, dort arbeiten zu dürfen (auch wenn er kaum was bezahlt kriegt) und vielleicht bitten und betteln und auf eine Fixanstellung hoffen, die in den allermeisten Fällen nicht erfolgt.

Das Schlupfloch "Praktikum" muss gestopft werden. Mehr Fixangestellte und weniger Praktikanten muss das Ziel sein!

Gobi Todic
00
unbezahlte Praktika endlich abgeschafft :)

Endlich müssen die Praktikanten zahlen!

http://www.youtube.com/watch?v=c... tYn-bKgx8^

Kling ist sooo geil!

theres5
00
Befragung zum Thema Atypische Beschäftigung

Ich führe im Rahmen meiner Master Thesis eine Befragung zum Thema Atypische Beschäftigung durch (dazu zählen auch Praktikantenverträge).
Ich freue mich über Ihre Teilnahme und danke schon im voraus! :-)

https://www.soscisurvey.de/arbeitsmarkt/

left
02

Ausnahmsweise mal was Sinnvolles von der EU...

Nadann Weitweg
00

und noch dazu von den Spezialisten im Parlament

Und jedem seine eigene Busspur
02
Clinton hat seine Praktikantinnen

wenigstens in Naturalien entlohnt!

David Mungo
00
Gespaltene Meinung

Zuerst denke ich mir bei solchen Meldungen immer: Super, endlich Schluss mit der Ausbeutung.

Dann denke ich mir ab und zu aber auch: Soll doch jeder machen, was er will. Wenn jemand sein Heil in einem unbezahlten Praktikum sucht und bereit ist, sich unbezahlt ausbeuten und schikanieren zu lassen, soll er doch von mir aus.

Es überwiegt dann aber letztlich doch die erste Meinung.

Michael B
01
Zwischen "sein Heil suchen" und "im Studium zwingend vorgeschrieben"

ist noch immer ein klitzekleiner Unterschied....

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 73
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.