Ein Blick auf den Turnierverlauf macht Deutschland im Duell der EM-Finalisten zum klaren Favoriten
Die Furia Roja ist Europameister und steht im WM-Halbfinale. Spaniens Fußball scheint auf einem Höhenflug zu sein, denn so weit kam das Nationalteam beim Weltturnier noch nie. Von Anfang an bei den Buchmachern hoch im Kurs wäre der Erfolg der Iberer nur als logisch zu betrachten. Wirft man aber einen nüchternen Blick auf das Turnier, gibt es an einer kommenden Niederlage gegen Deutschland nichts zu rütteln.
„Tiqui-Taca“ heißt das Erfolgsrezept von 2008, und auch 2010 will man damit viel erreichen. Bloß, der Ball rennt nicht mehr so schnell wie vor zwei Jahren. Die Passmaschinerie ist ins Stocken gekommen. Trotzdem muss man den Spaniern bescheinigen, nicht ganz zu Unrecht unter den verbliebenen vier Teams im Titelkampf zu weilen. Und freilich hat Holland mit Uruguay am Papier einen leichteren Gegner als „Schland“.
Klasse kaum gezeigt
Spanien ist nicht schlecht, war gegen seine bisherigen Gegner aber auch nicht mehr als „gut genug“. Selbst in der einzigen Niederlage gegen mauernde Schweizer dominierte man am Feld klar. Honduras – der einzige Sieg mit mehr als einem Tor Differenz - war keine große Hürde und nur gegen aufstrebende Chilenen war beim 2:1 Im letzten Gruppenspiel ansatzweise die Klasse zu sehen, die eigentlich in der Mannschaft steckt.
Gegen Portugal reichte es zu einem 1:0, die iberischen Nachbarn waren aber nicht gerade in der Form ihres Lebens, der frischgebackene Vater Ronaldo wurde seinem Superstar-Image absolut nicht gerecht. Gegen Paraguay hätte das Unternehmen Weltmeisterschaft für Vincente Del Bosque und sein Team auch locker zu Ende sein können, die Abwehr präsentierte sich in diesem Spiel als durchaus knackbar. Es bleibt der fahle Nachgeschmack des ersten, vergebenen Elfmeters für Paraguay, eines zu Unrecht aberkannten Treffers der Südamerikaner und eines späten Villa-Goldtors.
Villa, der Robben Spaniens?
Apropos Villa. Der Barca-Neuling erzielte fünf der bisher sechs Tore Spaniens. Er hat sich als der Robben Spaniens präsentiert, erinnert ein wenig an Bayern in der Champions League. Wenn sonst nichts geht, steht er irgendwann doch in der Lücke und schlägt zu. Doch was wenn er einen schlechten Tag erwischt, oder – noch schlimmer – die gewarnten Deutschen ihn neutralisieren können? Wer haut das Runde dann ins Eckige?
Immerhin, der Ausfall von Torres ist verschmerzbar, denn der präsentierte sich bisher bestenfalls als solide und damit für einen Spieler seiner Klasse weit unter dem Möglichen.
Wenn vieles besser wäre
Die Erfolgsperspektive der roten Furie beruht somit auf „was wäre, wenn…“: Wenn David Villa nicht gebändigt werden kann. Wenn man doch wieder schnell nach vorne zu kombinieren vermag. Wenn der letzte Pass endlich gelingt. Wenn die Abwehr ihre Organisationsprobleme überwindet.
Jogi Löws Schützlinge liefen nach einer holprigen Vorrunde zu großer Form auf. Das Mutterland des Ledersports, England, und die Gauchos wurden nicht nur besiegt, sondern gedemütigt. Das Prinzip Hoffnung wird gegen diese Deutschen zu wenig sein. (Georg Pichler, derStandard.at, 05.07.2010)