Denkmäler in Ruhe lassen

5. Juli 2010, 19:22

Es gibt gute Gründe, die Denkmalwürdigkeit des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger zu hinterfragen

Was soll man mit Denkmälern machen, die politisch nicht mehr in die Zeit passen? Abreißen? Verändern? Mit Erklärungen versehen? Die Frage stellt sich derzeit rund um das Wiener Lueger-Denkmal, über dessen Schicksal eine Arbeitsgruppe mit dem Wiener Magistrat verhandelt. Karl Lueger war ein bedeutender Wiener Bürgermeister und gleichzeitig der Mann, der die Methode des Stimmenfangs mittels Antisemitismus erfunden hat. Es gibt gute Gründe, seine Denkmalwürdigkeit zu hinterfragen. Trotzdem finde ich: Denkmäler soll man in Ruhe lassen.

Denkmäler sind Zeugen ihrer Zeit. Sie sagen aus, welche Personen und welche Taten man zur Zeit ihrer Errichtung für bewundernswert erachtet hat. Nicht immer deckt sich das mit unserer heutigen Einschätzung. Wir haben ein schönes Denkmal für Karl Renner, der den Anschluss an Deutschland l938 befürwortet hat (der stählerne Renner-Kopf von Alfred Hrdlicka am Ring), aber keines für Bruno Kreisky. Der große Prinz Eugen hat sein Reiterstandbild auf dem Heldenplatz, sein Gegenüber, der Erzherzog Karl, verdankt seine gleichermaßen prominente Darstellung aber wohl eher Gründen der Symmetrie. Die Fahne, die der Sieger von Aspern, seinen Truppen voranstürmend, in Händen hält, hat er nie getragen. Das hätt ich schwaches Mandl nie können, sagte er dazu später.

Wien hat übrigens bemerkenswert wenige Denkmäler für Feldherren und Schlachtenlenker, dafür wimmelt es, vor allem im Stadtpark, nur so von Künstlern und Musikern, von Mozart bis Robert Stolz. Denkmäler für berühmte Frauen? In Wien fällt mir neben dem Maria-Theresien-Denkmal nur eine Büste der Schauspielerin Hansi Niese neben dem Volkstheater ein. Die Muttergottesfigur auf der Mariensäule Am Hof kann man da wohl nicht mitzählen.

Unerwünschte und peinlich gewordene Denkmäler ist man anderswo auf unterschiedliche Weise losgeworden. Die Prager haben ihr gigantisches Stalindenkmal einfach in die Luft gesprengt. Die meisten Leninstatuen wurden in den einstigen Ostblockländern still entsorgt, in Moskau stehen noch einige. Dafür konnten nach der Wende einige bei der kommunistischen Machtergreifung weggeräumte, aber nicht kaputtgemachte Monumente praktischerweise aus den Depots wieder hervorgeholt und aufgestellt werden, so ein Masaryk in Zlin in Mähren und eine Sisi in Budapest. In einer der asiatischen Ex-Sowjetrepubliken machte kürzlich jemand den Vorschlag, Denkmäler künftig so anzufertigen, dass man den Kopf je nach Bedarf auswechseln kann. Berühmte Männer sähen schließlich sowieso alle gleich aus.

In der Debatte rund um das Lueger-Denkmal wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Ein junger Künstler reichte den Vorschlag ein, die Lueger-Figur schräg zu stellen. Das symbolisiere die "Schieflage" dieses Politikers. Eine originelle Idee für einen Studentenwettbewerb, praktisch ausgeführt wohl aber doch eher albern. Außerdem würde sie kein Mensch verstehen. Und eine Zusatztafel? Etwa "aber er war ein Antisemit"? Geht vermutlich auch nicht. Es hilft nichts, wir werden wohl mit dem antisemitischen steinernen Bürgermeister leben müssen. Ja, es ist peinlich. Aber die Vergangenheit ist eben manchmal peinlich. Wie übrigens gelegentlich auch die Gegenwart. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 7. Juli 2010)

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Warum nicht der Kaiserin ein Denkmal die damals 18. Jhdt. die Schule für alle eingeführt hat? (Soweit ich weiß hat es sogar von Kant begrüßt)?

hätte kein problem damit, denkmäler wie

lueger, renner, che guevara und das russendenkmal schleifen zu lassen und durch andere zu ersetzen, zb bertha von suttner (wenn es die nicht schon gibt), karl V, .. die liste ist beliebig erweiterbar

warum gerade Karl V.?

ein Engel war der ja auch nicht gerade!
"lernen Sie Geschichte", hat Kreisky einmal gesagt!

Aber ein sehr bedeutender Herrscher

und die Kriege wurden ihm doch von seinen liebsten Feinden, den Franzosen aufgezwungen. Die hetzten ihm ja sogar die Türken auf den Hals um sich ein paar einträgliche Gebiete unter den Nagel reissen zu können.

dass karl V.

nur wegen franz I. kriege geführt hat, ist schon eine etwas enge sicht! luther hat er überhaupt nicht kapiert und hätte seine tante nicht alle kurfürsten bestochen, wäre er wahrscheinlich gar nicht kaiser geworden, so war das eben damals! diese zeit verklärt zu sehen, ist einfach nur naiv!
warum sollte er in wien ein denkmal bekommen?

Auch FranzI. versprach für seinen Wahlsieg

große Summen und verteilte schon Portraits politisch bestens verwertbarer Damen aber KarlV hatte eben mit den Fuggern im Rücken mehr zu bieten. (Bestechung der Kurfürsten war Teil der Wahl seit je her trotz des Schwurs 'nach aller Vernunft mit Gottes Hilfe, ohne alles Gedinge, Sold, Lohn oder Veheißung'.) Danach stachelte Franz die Türken gegen das Deutsche Reich an und verbündete sich (der allerchristlichste König !) mit dem Papst und Venedig. Bei Pavia schlug KarlV FranzI mit seinen Verbündeten und nahm ihn gefangen. Das Wort, das FranzI für seine Freilassung gab, brach er bald wieder und so gings immer weiter. Also KarlV war bestimmt nicht schuld an den Kriegen und daß er sich gegen Luther stellte, hatte nur allzu verständliche Gründe.

danke für die (in meinem fall aber unnötige) belehrung!

aber warum sollte karl V. wegen dieser von ihnen angeführten argumente in wien ein denkmal bekommen?

Tut mir leid, wollte nicht 'belehren'

sondern nur konkretisieren, warum ich Franz I für einen 'Stinkstiefel' halte, Karl V aber für einen großen Herrscher. Gut, Wien war für ihn nicht von Bedeutung, aber Che Guevara war auch nie hier;-)

bin auch nicht für ein che guevara denkmal in wien!

karl V. sehen sie, glaube ich, sehr verklärt, sein bruder ferdinand hat mE die damalige zeit viel besser erfasst.

Das scheint nur so

aufgrund unseres Disputs. Die Aufgabenstellung war für beide Brüder doch sehr unterschiedlich. Ferdinand hatte kein solch Riesenreich zu verwalten und wuchs langsamer in die Verantwortung. Dadurch hatte er natürlich mehr Durchblick und vom Temperament war er wohl auch viel toleranter anderen Ansichten gegenüber. Dann sollte es vielleicht doch lieber ein Ferdinand-Denkmal geben und Karl lassen wir in Spanien.

einverstanden!

Und wie wäre es...

wenn man an jeder evangelischen Kirche eine Zusatztafel anbrächte: Martin Luther, der größte Antisemit seiner Zeit, Vorläufer und geistiger Wegbereiter Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus!

Sehr gute Einschätzung, danke!

glänzender Kommentar!

Lueger war ein wichtiger Bürgermeister für die Wiener Stadtentwicklung und Antisemiten gab es damals wie Sand am Meer. Zu dieser Vergangenheit sollten wir stehen!

für diese art von sand am meer war lueger recht stark mitverantwortlich...
und ich finde, von eben dieser vergangenheit (die mir ohnedies sehr aktuell scheint) sollten "wir" uns endlich distanzieren, wenns auch nur eine "distanz" von 3,5 grad ist.

Vorzüglicher Kommentar!

Wie schön ist es, Denkmale zu entdecken und dadurch angeregt zu werden, etwas nachzulesen. Und wenn es eine kleine Sisi-Büste an der Promenade in Zandvoort ist, weil Hollandreisen der Kaiserin nicht gerade allgemein bekannt sind. Mich stören auch keine Stalin-Monumente aus der Zeit, allerdings ein Guevara der neu aufgestellt wird, ist schon etwas merkwürdig.

Was stört Sie an Che Guevara?

Auch ihn muß man im Kontext der damaligen Zeit sehen. Und da war er eben ein lateinamerikanischer Freiheitskämpfer, der gegen die korrupten, ausbeuterischen, völkermordenden damaligen Machthaber gekämpft hat.

Seine Denkmale auf Kuba

stören mich garnicht.- Betrachte ich sein Engagement aus heutiger Sicht, bin ich mit der Wahl der Mittel natürlich nicht einverstanden.

Er meint den neuen der voriges Jahr im Donaupark aufgestellt wurde. Das ist schon seltsam, wie es ein neues Dollfußdenkmal auch wäre.

besser wäre, menschen gleich gar keine denkmäler zu errichten. niemand ist besser als der andere, niemand verdient es, auf ein podest gehoben zu werden.
am schlimmsten ist die macht, die sich selbst zelebriert, anstatt still und leise ihre arbeit zu machen, für die sie von der öffentlichkeit bezahlt wird.
denkmäler regen nicht zum nach_denk_en an sondern dienen der verehrung zumeist nicht verehrungswürdiger gestalten.

natürlich ist keiner besser,

aber Gott hab manche besonders emporgehoben, auf dass sie den anderen als Beispiel dienen mögen.

Zustimmung!

unerwünscht und peinlich ...

... ist renner wahrscheinlich nur in der ansicht der 'politisch korrekten' elite, die ständige selbstgeiselung predigt.
tut mir leid - renner's ansichten zu einer religionsgruppe (wie eine religiöse tradition die definitionsgrundlage für 'volk' schafft, ist mir schleierhaft) sind mir völlig wurscht, seine leistungen als wiener bürgermeister nicht.
also lassen wir die statue wo sie ist - mit fehlern (auch grosser männer) muss man leben können. und sie liefert ja auch einen tollen grund für weitere, ritualisierte selbstgeiselung. glücklicherweise ist mitmachen freiwillig....

ich bin auch für die Beibehaltung der Rennerstatue,

so wie sie. Dass Renner Wiener Bürgermeister war ist mir leider nicht bekannt.

Die Luegerstatue kann man aber von mir aus sprengen...

800 km hinter dem steuer...

... können auch das namensgedächtnis verwirren. danke f.d. hinweis - mein positng war natürlich auf lueger gemünzt.
warum manche menschen glauben, forschrittliche ideen, politische korrektheit und sprengstoff bildeten ein untrennbares triumvirat ist mir ein rätsel.

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