Christian Wulff, der Seitenscheitel der Nation

5. Juli 2010, 18:55

Das Deutscheste, das die Welt je gesehen hat, residiert jetzt im Schloss Bellevue - von Philipp Mosetter

Warum der Einzug des Kandidaten aus Merkels Kinderzimmer in den Berliner Präsidentenpalast das Image des Fußballweltmeisterlandes in spe um mindestens fünfeinhalb Jahrzehnte zurückwirft.

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Die Bundesversammlung hat gewählt, Deutschland hat einen neuen Bundespräsidenten. Umstände und Hintergründe werden ausführlich und, wie es scheint, mit Genuss interpretiert und analysiert, das Ergebnis, und vor allem das Prozedere drumrum, wird mit den unterschiedlichsten Superlativen versehen - nur die Verwunderung der Akteure verwundert. Denn zwei Dinge waren schon vor der Wahl vollkommen klar: Erstens, der Regierungskandidat wird gewählt werden und zweitens das wird natürlich kein Durchmarsch werden.

Dass die "Wunschkoalitionäre" sich darüber jetzt so erstaunt geben, ist die eigentliche politische Dimension an dieser Wahl. Denn gewusst haben hätten sie es können. Immerhin war die Zustimmung für Joachim Gauck keine Erfindung der Medien, sondern schlicht Ausdruck einer Sehnsucht nach Persönlichkeiten mit einem eigenem Standpunkt. Aber genau das, dass da einer war, der nicht schon im Vorhinein gehorcht, der sich außerhalb der parteipolitischen Arithmetik bewegt, stürzte sie in eine solche Hilflosigkeit, dass ihnen jetzt nur noch die große Verwunderung bleibt. Es ist ja ohnehin bezeichnend, dass der Strukturgehorsam beschönigend mit "der kennt sich aus im Politikbetrieb" umschrieben wird, während man eine gewisse (wenn vielleicht auch nur gefühlte) Eigenständigkeit als schlicht politikfremd diffamiert. - Übersetzt heißt das Wundern also nichts anderes als: "Ich dachte, Du würdest auch gehorchen - Du hast mich enttäuscht."

Jetzt sitzen sie also alle im Kinderzimmer von Merkel, Westerwelle und Seehofer, und führen das tragikomische Schauspiel der Gekränkten und Beleidigten auf. Und das macht sie klein und lächerlich. Und je lächerlicher, desto wütender werden sie. Eine Abwärtsspirale, und selbst gestandene Politiker, die durchaus was zu bieten hatten, lassen sich klaglos mit in den Strudel ziehen.

Jedenfalls haben wir jetzt einen neuen Bundespräsidenten Wulff. Einen solchen Präsidenten hatten wir schon lange nicht mehr. Wenn wir überhaupt jemals einen solchen hatten. Christian Wulff ist dermaßen deutsch, dass man es kaum glauben kann. Aber es ist wahr. Das Deutscheste, das die Welt je gesehen hat, residiert jetzt im Schloss Bellevue. Sauber und nett, gut erzogen und bescheiden, selbstverständlich seitengescheitelt und brav, er sorgt sich um seine kranke Mutter, ist nicht intellektuell aber etwas gebildet, verklemmt natürlich und bieder, im geordneten Rahmen vielleicht sogar ein bisschen mutig. Die Ideale der 50er-Jahre wurden in Christian Wulff ohne jegliche Beschädigung über die Zeit gerettet.

Dabei haben wir gedacht, wir wären schon viel weiter. Unsere deutsche Nationalmannschaft spielt inzwischen einen Fußball, dass auch dem weniger fußballaffinen Laien das Herz aufgeht (manche sprechen ja schon von "brasilianischem Fußball in deutschen Trikots" - was vielleicht übertrieben sein mag, aber allein auf den Gedanken zu kommen ist schon was!). Wir haben eine Lena Mayer-Landrut, die so locker und unbedarft mit den Medien und ihrem Erfolg umgeht, dass sogar die routinierten Briten vor Neid erblassen. Wir haben sogar einen Papst, der selbst den Polen noch die katholische Lehre beibiegen könnte. Wir haben uns also in alle Richtungen weiterentwickelt - dachte man. Und jetzt das.

PS: Ob Wulff ein guter Präsident sein wird, können wir noch nicht sagen. Geben wir seiner Frau die ersten 100 Tage, dann werden wir sehen, wie sie sein Amt auszuüben gedenkt. (Philipp Mosetter/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2010)

Philipp Mosetter (Jg. 1956), Autor und Kabarettist, lebt in Frankfurt.

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    1 2
    MondXicht
    00

    Kann mal jemand diesem da Journalisten beibringen, er hätte beim Verfassen von Jerry Cotton Romanen bleiben sollen?

    stefan81
    02

    was ist so schlecht daran wenn ein deutscher präsident der prototyp eines deutschen ist? das ist doch gut so. oder meint der autor der neue präsident wäre zu wenig links und freigeistig?

    Klaus Tremmel
    01
    Warum schreiben Sie diesen Artikel im österreichischen Standard, Herr Mosetter?

    Weil wir hier in Österreich, im Gegensatz zu Deutschland, einen so innovativen, unkonventionellen und mutigen Bundespräsidenten gewählt haben?

    Oder hat Ihren mäßig witzigen Artikel keine ordentliche Zeitung in D. angenommen?

    Laandaks
    00
    Wo ist, wer ist der/die Unbekannte, zuständig für die Entscheidung, ob eine Kommentar sichtbar wird oder nicht..?

    ...

    Ich frage das deshalb, weil ich gestern den ersten Kommentar schrieb, der bis heute nicht erschienen ist.

    Dabei halte ich mich immer an die Netiquette, gebrauche keine Schimpfwörter, keine Kraftausdrücke - aber ich kritisiere immer wieder, das gebe ich schon zu.

    Und bei diesem nach meinem Dafürhalten entsetzlich schwachen und wenig witzigen Beitrag fragte ich u.a., ob der Standard um so was ansucht oder ob es ihm angeboten wird. Offensichtlich Grund genug, das nicht zu bringen.

    Ob das jetzt kommt, weiß ich nicht. Ich halte aber fest, daß da jemand schrieb, der die Lachnummer der Nation sein könnte und "Deutschtum" vom Lahm-und-Lena-Level aus mißt...

    Caveant censores...

    Queen of Sheba
     
    00
    Und was, wenn er ein Wulff im Schafspelz ist ?

    Platon der Ältere
    03
    Wenn objektiv keine bösartigen Titulierungen möglich sind, ........

    dann werden krampfhaft und mit der heißen Nadel gestrickt, ablehnende und pseudo-negative Ersatzausdrücke konstruiert.

    Derwin Weilguny
    01
    Mir hätte auch dieser neoliberale Priester Gauck ganz gut gefallen.

    a klana indiana
    02
    ad titel...

    das ist aber doch eindeutig der helmut schmidt!!!!

    standardabweichung
    10

    gauck der präsident der herzen

    gladio
    11

    Eher Präsident der BILD-Zeitung.

    Fritz Meyer
    01
    Der Meister der Sekundärtugenden


    Ein wahrhaft würdiger Vertreter der Regierung Merkel.

    widiwutsch
    04
    Wie ausnehmend humorvoll.

    In der konkreten Situation gab es zwei Kandidaten, die beide gut für das Amt in Frage gekommen wären und einer davon ist es geworden. Tragisch.
    Das nächste Mal dürfen wir nicht vergessen, Bushido aufzustellen, da freut sich das Ausland ganz sicher über fortschrittliche Deutsche.

    Kontrahent1
    03
    Ich versteh das Gesudere auch nicht.

    Wulff hatte gutes Ansehen in Niedersachsen, war bundesweit sogar als Kohl-Nachfolger gehandelt worden. Jeder fand ihn nett und für VW hat er sich ganz schön ins Zeug gelegt. Dazu sieht er gut aus und hat angenehme Umgangsformen. Bieder - als geschiedener mit Patchworkfamilie - sicher nicht. Das ein zweiter, gleichwertiger Kandidat zur Verfügung war ist ja nicht gerade ein Armutszeugnis.

    das poppende lottchen
    03
    wenn man sich die meisten

    von parlamenten u. dgl. gewählte staatsoberhäupter anschaut, sind das in der regel nicht besonders aufregende oder spannende typen. sondern meist parteifunktionäre.
    siehe die beispiele von ungarn, italien usw.
    es kommt nur selten vor, dass so spannende typen wie pertini oder peres in diese ämter gewählt werden.
    meistens weiß man im ausland ohnehin nicht, wer jeweils staatspräsident ist oder war - oder kann mir jemand auswendig die letzten präsidenten ungarns aufzählen?
    man kann schon froh sein, wenn sie sich nicht in skandalen verzetteln wie leone oder katsav.
    ich bin glücklich, dass wir in österreich eine volkswahl haben. die beste alternative wäre ein rotationssystem nach schweizer art. aber sicher nicht die packelei von parteien.

    Günther Schmid
    14
    Prinzipielle Zustimmung...

    nur den Papst in die Liste zu nehmen zerstört den Kommentar. Ist Wulff in den 50ern beheimhatet, so steht der Papst wohl rund um 1200 a.d...

    a grünes stricherl
     
    02
    allerdings stellt sich die frage wer von den beiden origineller gekleidet ist ..

    Die Ente Lippens
    22
    Haha. Also besser waere wohl Guildo Horn oder Dieter Bohlen, die sind etwas anders.

    Serieusitaet in der Politik ist natuerlich fad und "uncool". Trottelkommentar.

    Schnurz Homunculus
    11
    Haben Sie von einem Frankfurter Kabarettisten etwas anderes erwartet?

    Bête Noire
    30

    Vielen Dank für diesen guten Kommentar!

    tramezzino
    00

    das ist satire !

    schafmeister
    24

    Ein perfider Kommentar. Wulff ist sicher ein besserer Nehmer als Köhler.

    Fritz Meyer
    02
    Mit "Nehmer" meinen Sie sicherlich...


    dass der auch mal ein zweites Glas Wein trinken kann, ohne gleich umzufallen?

    In politischer Hinsicht ist er bisher nämlich noch gar nicht durch einen eigenen Willen aufgefallen. Ein Roboter mit dem Parteiprogramm der CDU programmiert, würde genauso agieren.

    Kontrahent1
    00
    In Hannover

    ist er recht positiv aufgefallen. Das ist im nördlichen Deutschland.

    Fritz Meyer
    00
    Wo ist er denn positiv aufgefallen?


    Bei der Presse dort? Dem CDU-Landesverband? Den CDU-Wählern?

    Kontrahent1
    01
    Er war seit Albrecht

    der beliebteste Ministerpräsident dort.

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