Das Deutscheste, das die Welt je gesehen hat, residiert jetzt im Schloss Bellevue - von Philipp Mosetter
Warum der Einzug des Kandidaten aus Merkels Kinderzimmer in den Berliner Präsidentenpalast das Image des Fußballweltmeisterlandes in spe um mindestens fünfeinhalb Jahrzehnte zurückwirft.
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Die Bundesversammlung hat gewählt, Deutschland hat einen neuen Bundespräsidenten. Umstände und Hintergründe werden ausführlich und, wie es scheint, mit Genuss interpretiert und analysiert, das Ergebnis, und vor allem das Prozedere drumrum, wird mit den unterschiedlichsten Superlativen versehen - nur die Verwunderung der Akteure verwundert. Denn zwei Dinge waren schon vor der Wahl vollkommen klar: Erstens, der Regierungskandidat wird gewählt werden und zweitens das wird natürlich kein Durchmarsch werden.
Dass die "Wunschkoalitionäre" sich darüber jetzt so erstaunt geben, ist die eigentliche politische Dimension an dieser Wahl. Denn gewusst haben hätten sie es können. Immerhin war die Zustimmung für Joachim Gauck keine Erfindung der Medien, sondern schlicht Ausdruck einer Sehnsucht nach Persönlichkeiten mit einem eigenem Standpunkt. Aber genau das, dass da einer war, der nicht schon im Vorhinein gehorcht, der sich außerhalb der parteipolitischen Arithmetik bewegt, stürzte sie in eine solche Hilflosigkeit, dass ihnen jetzt nur noch die große Verwunderung bleibt. Es ist ja ohnehin bezeichnend, dass der Strukturgehorsam beschönigend mit "der kennt sich aus im Politikbetrieb" umschrieben wird, während man eine gewisse (wenn vielleicht auch nur gefühlte) Eigenständigkeit als schlicht politikfremd diffamiert. - Übersetzt heißt das Wundern also nichts anderes als: "Ich dachte, Du würdest auch gehorchen - Du hast mich enttäuscht."
Jetzt sitzen sie also alle im Kinderzimmer von Merkel, Westerwelle und Seehofer, und führen das tragikomische Schauspiel der Gekränkten und Beleidigten auf. Und das macht sie klein und lächerlich. Und je lächerlicher, desto wütender werden sie. Eine Abwärtsspirale, und selbst gestandene Politiker, die durchaus was zu bieten hatten, lassen sich klaglos mit in den Strudel ziehen.
Jedenfalls haben wir jetzt einen neuen Bundespräsidenten Wulff. Einen solchen Präsidenten hatten wir schon lange nicht mehr. Wenn wir überhaupt jemals einen solchen hatten. Christian Wulff ist dermaßen deutsch, dass man es kaum glauben kann. Aber es ist wahr. Das Deutscheste, das die Welt je gesehen hat, residiert jetzt im Schloss Bellevue. Sauber und nett, gut erzogen und bescheiden, selbstverständlich seitengescheitelt und brav, er sorgt sich um seine kranke Mutter, ist nicht intellektuell aber etwas gebildet, verklemmt natürlich und bieder, im geordneten Rahmen vielleicht sogar ein bisschen mutig. Die Ideale der 50er-Jahre wurden in Christian Wulff ohne jegliche Beschädigung über die Zeit gerettet.
Dabei haben wir gedacht, wir wären schon viel weiter. Unsere deutsche Nationalmannschaft spielt inzwischen einen Fußball, dass auch dem weniger fußballaffinen Laien das Herz aufgeht (manche sprechen ja schon von "brasilianischem Fußball in deutschen Trikots" - was vielleicht übertrieben sein mag, aber allein auf den Gedanken zu kommen ist schon was!). Wir haben eine Lena Mayer-Landrut, die so locker und unbedarft mit den Medien und ihrem Erfolg umgeht, dass sogar die routinierten Briten vor Neid erblassen. Wir haben sogar einen Papst, der selbst den Polen noch die katholische Lehre beibiegen könnte. Wir haben uns also in alle Richtungen weiterentwickelt - dachte man. Und jetzt das.
PS: Ob Wulff ein guter Präsident sein wird, können wir noch nicht sagen. Geben wir seiner Frau die ersten 100 Tage, dann werden wir sehen, wie sie sein Amt auszuüben gedenkt. (Philipp Mosetter/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2010)
Philipp Mosetter (Jg. 1956), Autor und Kabarettist, lebt in Frankfurt.