Selten hat eine große Oppositionspartei ihr Programm präziser, visionärer und gleichzeitig allumfassender dargestellt
"Mehr Wien." Möchte die Spitzenkandidatin der ÖVP, Christine Marek. Selten hat eine große Oppositionspartei ihr Programm präziser, visionärer und gleichzeitig allumfassender dargestellt. Mehr Wien. Da könnte man jetzt unter Zitierung von Josef Weinheber ("War net Wien, wann net durt, wo ka G'wirks is', ans wurdt") oder H. C. Artmann ("Wos an Weaner ollas ins Gmüat geht") lang vor sich hinfantasieren.
Böswilligerweise könnte man auch unterstellen, Marek möchte mehr vom eher fragwürdigen Häupl-Wien. Also rekordfrühpensionierte Gemeindebedienstete, Event-Krawall an allen Ecken und Enden - und eine schon deutlich sichtbare Aushöhlung der wirtschaftlichen Basis. Aber Marek und die ÖVP wollen offenbar im Unverbindlichen bleiben. Die Integrationsfrage (44 Prozent der Wohnbevölkerung und wohl 50 Prozent der Schulkinder haben "Migrationshintergrund") geht die ÖVP an, indem sie eine türkische Gemeinderätin nicht mehr aufstellt und dafür einen katholischen Kroaten nimmt.
Zum Verschwinden des Kleinhandels, sichtbar in ganzen Straßenzügen - Fehlanzeige. Gibt es einen detaillierten Wirtschaftsplan der ÖVP? Was muss in der vollkommen überteuerten Stadtverwaltung reformiert werden ? Und last, but not least - was ist das Konzept gegen den rabiaten Strache-Extremismus?
Mehr Wien? Dieses "Mehr" ist ein inhaltliches Nichts. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2010)