Nach Wahlsieg

Bronek Komorowski will alle Polen umarmen

5. Juli 2010, 18:46

Nach dem knappen Wahlsieg muss der neue Präsident Komorowski die gespaltene Gesellschaft versöhnen

52,6 Prozent für den Rechtsliberalen Bronislaw Komorowski - 47,4 Prozent für den Rechtskonservativen Jaroslaw Kaczyñski. Es war ein knapper Wahlsieg. Polens neuer Präsident muss nun die gespaltene Gesellschaft versöhnen.

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"Der nächste Präsident Polens wird Bronislaw Komorowski!", verkündete ein Reporter am Sonntagabend nach Schließung der Wahllokale. Doch im Wahlkampfzentrum Komorowskis brandete kein frenetischer Jubel auf. Der Held des Tages lächelte zwar, nahm Blumen und Küsschen entgegen, machte aber eher den Eindruck, als wollte er sagen: "Aha." Auch der Parteivorsitzende der liberalkonservativen Bürgerplattform, Donald Tusk, wirkte unruhig und gestresst. Von Freude keine Spur. Das hatte seinen Grund. Denn die Prognosen nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen waren blamabel falsch. So wollte sich Komorowski am Abend nicht gleich zum Wahlsieger erklären. Fast schon tröstend sagte er seinen Wahlhelfern: "Heute machen wir eine kleine Champagnerflasche auf und morgen dann eine große."

Kaczyñski zog vorbei

Tatsächlich übernahm Komorowskis Rivale Jaroslaw Kaczyñski von der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" kurz nach Mitternacht vorübergehend die Führung. Als die Wahlkommission 51,5 Prozent der Stimmen ausgezählt hatte, zog Kaczyñski an Komorowski vorbei. Erst zwei Stunden später, als die Ergebnisse der großen Städte eintrafen, kehrte sich das Verhältnis wieder um. Schon einmal - 1995 - hatte es in Polen ein ähnlich knappes Kopf-an-Kopf-Rennen gegeben. Damals feierten alle noch in der Wahlnacht Lech Walesa, den Führer der Freiheits- und Gewerkschaftsbewegung Solidarnoœć, als Sieger und künftigen Präsidenten. Und am nächsten Morgen hatte dann Aleksander Kwaœniewski, der damalige Parteivorsitzende der Postkommunisten, das Rennen gemacht.

Gestern in der Früh, am Montag war aber klar: Komorowski hatte mit knapp 53 Prozent der Stimmen tatsächlich gewonnen. Kaczyñski kam auf gut 47 Prozent der Stimmen. Auch diesmal ging es um die Stimmen der Linken. Wen würden die Wähler von Grzegorz Napieralski, dem Vorsitzende des Bündnisses der demokratischen Linken, in der Stichwahl unterstützen? Im ersten Wahlgang, als noch zehn Kandidaten gegeneinander antraten, hatte Napieralski mit 14 Prozent der Stimmen einen respektablen und völlig unerwarteten dritten Platz erreicht. Seine Wähler waren die Königsmacher am Sonntag. Obwohl der Vorsitzende der Linken beide konservative Kandidaten als unwählbar bezeichnete, hatten Ex-Präsident Aleksander Kwaœniewski und Polens früherer Premier und Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz, beides prominente Linke, für den letztlich siegreichen Komorowski geworben. Die Mehrheit der Linken sympathisierte denn auch eher mit dem Liberalkonservativen und verhinderte so die Wahl des Euroskeptikers Kaczyñski.

Komorowskis Aufgabe wird es nun sein, die polnische Gesellschaft wieder mit sich zu versöhnen. "Eintracht baut auf" war sein Wahlmotto. Er kündigte nun an, die "Gräben zwischen den politischen Parteien zu überbrücken". Der äußerst knappe Ausgang der Wahlen hat die Polarisierung der polnischen Gesellschaft aber erneut bestätigt. Der Politologe Jaroslaw Flis von der Jagiellonen-Universität in Krakau bezeichnet die Spaltung als die schlechtmöglichste: "Die einen halten sich für moralisch überlegen - das sind die Kaczyñski-Anhänger, die anderen halten sich für intellektuell überlegen - das sind die Komorowski-Anhänger."

Konsolidierung der Partei

Jaroslaw Kaczyñski feierte seine Niederlage wie einen Erfolg. Gutgelaunt gratulierte er Komorowski zum Sieg. "Verlieren und dennoch nicht aufgeben - das ist der wahre Sieg" , sagte der 61-Jährige. Schon vor den Wahlen wiesen einige Kommentatoren darauf hin, dass es Kaczyñski gar nicht darum gehen könne, Nachfolger seines Bruders auf dem Präsidentensessel Polens zu werden. Es ging ihm um die Konsolidierung der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (Pis), die vor dem Absturz der Präsidentenmaschine kurz vor dem Auseinanderfallen stand.

Für die Regierung wird das Regieren nun leichter. Denn der frühere Präsident Lech Kaczyñski hatte mehrfach vom Vetorecht des Präsidenten gegen Parlamentsbeschlüsse Gebrauch gemacht. Tusk: "Wenn sich dieses Ergebnis bestätigt, wird das einer der glücklichsten Tage meines Lebens sein", sagte er. Die Wahlbeteiligung lag bei 55,3 Prozent. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2010)

Kommentar posten
15 Postings
Wladimir Burdajewicz
 
00
was ist mit dem Standard passiert???...

Obwohl abgezeichnet "Ich bin damit einverstanden, dass alle meine Postings abrufbar sind" wird der Wunsch des Users nicht befolgt?. Gibt`s da ein Problem?.

Andrew Jones
01
Der neue Präsident gibt einen seriösen Eindruck und schaut sehr sympatisch aus..

Bin gebürtiger Russe und gratuliere Ihnen zu Ihrem neuen Presidenten! Ich hoffe es wird bald vorbei sein mit Russophobie in Ihrem Land..

Sie sind eh sehr sympatische Menschen!

Def. Izit
02
52,6 % == knapper Wahlsieg (wenns in Polen passiert)

Bei uns ist so etwas ein ÜBERWÄLTIGENDER ERFOLG

Aber letzten Sonntag warns ja nur "Polaken".

Harald Ecke
 
00
wunder mich nicht - die EU rückt weiter und weiter nach rechts

frage an kenner: wie groß (klein?) ist in polen der unterschied zwischen rechtsliberal und rechtskonservativ? beten die einen die mutter gottes nicht an, oder was? geht es wirklich nur um den besseren draht zur rechtskonservativliberalen BRD? gratuliere jedenfalls zu der entscheidung. wirklich! ganz ehrlich!

Wladimir Burdajewicz
 
00
frage an kenner: wie groß (klein?) ist in polen der unterschied zwischen rechtsliberal und rechtskonservativ?

Eine gute Frage und ich kann zum Teil die Postings von Julia H bestätigen. PO rechts- liberal, gibt mehr Freiheiten der Wirtschaft und der Selbstverwaltung (zb den Gemeinden). PO-Politik ist mehr auf die Kompromisse und gute Nachbarschaft mit Deutschland und Russland orientiert. Die Polen wollen keine Streitigkeiten innerhalb der Regierungskoalition und die Macht "der starken Hand" (hinterhältige Methoden mit dem politischen Gegner umzugehen). Alles das was vom Gegenteil zur Politik der Bürgerplattform PO ist, ist dem PiS zu zuschreiben und zutrauen. Rechts- konservativ die Politik der Angst betreibt. Ausspielen gegeneinander mit scheußlichen Methoden (Observierung und Sammlung der Informationen über dem pol. Gegner) war das harmloseste.

Julia H
00

ach ja, und noch ein unterschied:

rechtskonservativ bedient sich einer sehr abscheulichen politischen Kultur, spricht staendig von einem polnisch-polnischen Krieg und schafft eine sehr spaltende und toxische Atmosphaere im Land. Und beweint das Fehlen eines blutigen Buergerkriegs zur Zeit der Transformation.

Julia H
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rechtsliberal - sozial recht konservativ aber ohne extremen wie homophobie oder radio maryja, oekonomisch liberal.

rechtskonservativ - sozial extrem konservativ, oekonomisch linkslinks (starker Staat etc.)

Derwin Weilguny
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Neoliberalismus rulez!

Ahenobarbus
13

Erstaunlich; auf der Karte scheinen die Wahlergebnisse der einzelnen Bezirke die Grenzen des dt. Kaiserreiches abzubilden. Zufall?

KeyOZ
00
Natürlich,

hat nichts mit dem Reich-Arm-Gefälle zu tun, das dt. Kaiserreich ist nach wie vor bestimmend. Deutsche Voll.... sinnlos.

Ahenobarbus
00

Wenn schon, dann bin ich ein österreichischer Voll....

Dass (offensichtlich nicht nur dieses) Wahlergebnis sich dermaßen deutlich an einer ca. 100 Jahre alten Grenzziehung "orientiert" ist schon eine erstaunliche Beobachtung. Dass dafür nicht der Kaiser verantwortlich ist, ist schon klar. Mich würden die längerfristigen "Transmissionsfaktoren" interessieren, die zu diesem Ergebnis führten.

Wladimir Burdajewicz
 
00
100 Jahre alten Grenzziehung "orientiert" ist schon eine erstaunliche Beobachtung.

Gott sei Dank ist das nur Zufall und die "Grenzziehung" und Assoziation mit den Polens Teilungen hat nichts zu tun. (Poznan war nie deutsch, obwohl bei der Teilung war preußisch, ähnlich war mit Gdansk). Die meisten Kaczynskis Wähler kommen aus den wenig "gebildeten", entwickelten Gebieten und vor allem aus den Dörfern. In den Städten klare Gewinner war Komorowski. Ein Beispiel aus meinem ehemaligen Bezirk. Alle Gemeinden rund herum um die Bezirksstadt hatten Kaczynski gewählt. Aber alleine der Großteil der Bezirksstadt (über 60 Tsd Einwohner) überstimmten die Bauer aus dem Umland und der Gewinner im Bezirk als ganzer, ist blau auf der Karte gezeichnet. Also für Komorowski.

Glasperlenspieler
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Hier die Karte vom Kaiserreich

mit den Wahlergebnissen von 2007 (Parlament):

http://strangemaps.files.wordpress.com/2008/12/p... =652&h=503

Ist also bei allen Wahlen so, nicht nur bei den Präsidentschaftswahlen. Hat damit zu tun, dass die PO den besseren Draht zu den Deutschen hat, während die PiS ständig nationalistisch auftritt und gegen die Deutschen wettert.

Wladimir Burdajewicz
 
01
Hm, wenn man konsequent betrachtet...

dann Galizien für den Kaczynski gestimmt hat. Wollen Sie das sagen?. Ich glaube nicht, dass das mit der Vergangenheit was zu tun hat.

raff1
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nein,

kein Zufall.

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