Das gibt es wahrscheinlich nur in Argentinien. Nach und trotz der großen Enttäuschung bei der WM wird Teamchef Maradona von Spielern und Fans bekniet zu bleiben. Auch Staatspräsidentin Kirchner appelliert
Buenos Aires - "Olé, olé, olé, olé, Diegoooo, Diegooooooo!" So und nicht anders beschloss Cristina Kirchner eine Rede bei einer öffentlichen Veranstaltung in San Miguel, einem Vorort von Buenos Aires. Worum es in der Rede der argentinischen Staatspräsidentin ursprünglich gehen sollte, konnte nachher niemand mehr sagen - jedenfalls ging es um Fußball und sonst gar nichts.
"Halte durch, Diego" , hatte Kirchner dem Teamchef indirekt zugerufen und damit offenkundig den Nerv der Zuhörer getroffen. Und sie berichtete davon, dass die Teamspieler ihre Einladung in den Präsidentenpalast abgelehnt haben. "Sie glauben, sie verdienten eine solche Auszeichnung nicht." Freilich erneuerte Kirchner, derzeit sozusagen die Mutter einer traurigen Nation, ihre Einladung ins sogenannte Rosa Haus. "Die Spieler liegen falsch, sie haben es verdient zu kommen, und deshalb werde ich warten, bis sie da sind." Und sie bot Maradona ihre uneingeschränkte Unterstützung an. "Denn kein Mensch hat uns auf dem Fußballplatz mehr Freude bereitet als Diego Armando Maradona."
Maradona selbst hatte - wie schon in Südafrika - auch am Montagabend in Buenos Aires festgestellt: "Meine Zeit ist vorüber, ich habe alles gegeben." Eine Zukunft ohne Maradona scheint für die Mehrheit der Argentinier aber offensichtlich kaum vorstellbar. Immerhin hat Maradona das entscheidende Wort noch nicht in den Mund genommen, und es ist davon auszugehen, dass ihn nicht nur Spieler, Fans und Präsidentin, sondern auch Angehörige zum Weitermachen überreden wollen, schließlich wirkte er in Südafrika vital wie seit Jahren nicht.
Die Verantwortlichen des argentinischen Verbands (AFA) halten sich bis dato bedeckt. Zu Wort meldete sich nur Luis Segura, Präsident von Maradonas früherem Klub Argentinos Juniors und enger Freund des AFA-Präsidenten Julio Grondona - er sagte, was ohnehin jeder weiß. "Ganz allein Maradona entscheidet, ob er weitermachen will."
Die taktisch desaströse Vorstellung beim 0:4 gegen Deutschland kann dem Teamchef anscheinend nichts anhaben. Auch Segura schlug vor, Maradona solle doch seinen Vertrag erfüllen. Die Vereinbarung gilt bis zur Copa America 2011, die von Argentinien veranstaltet wird. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte einen namentlich nicht genannten, "guten Freund" von Maradona mit den Worten: "Diego ist zu Hause bei seiner Familie und denkt nach. Ich kann nicht bestätigen, dass er bereits zurückgetreten ist. Es wird darüber diskutiert."
Maradonas ehemaliger Mitspieler und bisheriger Assistent Alejandro Mancuso versicherte unterdessen, Maradona werde nicht zurücktreten. "Wie ich Diego kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er zurücktritt, ohne den WM-Titel zu gewinnen." (sid, fri - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.7. 2010)