Die Viertelfinalspiele waren großes Theater. Jugendliche Helden, alternde Diven und tragische Verlierer gaben dem Fußball das Staunen zurück.
Wien - Die südafrikanische WM begann, wie jedes andere große Turnier, mit Matschkern. Noch während der ersten Gruppenrunde jammerten viele sich ein: Die Spiele seien geprägt von defensiver Vorsicht; die taktisch ausgeklügelten Teams hielten einander bis zum Gähnen in Schach; Tore würden nur aus jenem Zufall heraus fallen, der die Summe kleiner Fehler wäre.
Nun, da das Turnier in seine finale Woche geht, weiß man ums Gegenteil. Die südafrikanische WM wird dem Weltfußball eine neue Form des Offensivspektakels zurückgeben, das sich oft in einem formidablen Hin und Her manifestiert, praktisch immer mit unerwarteten Wendungen aufwarten kann und die Fähigkeit hat, die Zuschauer in eine unglaubliche Geschichte hineinkippen zu lassen. Eine neue Ansehnlichkeit ist das, die das Zeug hat, jederzeit zum großen Theater zu werden.
Großes Theater lebt im Grunde - Thomas Bernhard, der Hutschenschleuderer der Bühne, wusste klarerweise darum - von der Unbeantwortbarkeit des Fragenpaars: "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?"
Assoziatives Chaos
Wer die Viertelfinalspiele gesehen hat, wird genau vor diese beiden Fragen gestellt worden sein. Die Antwortversuche sind freilich bloß Bilder, die in einem assoziativen Chaos die Theatergeschichte durch den Kopf schickt.
Selbst die unansehnlichste der vier Partien, die erste, hatte hohen dramatischen Gehalt. Immerhin duellierten sich mit Brasilien und Holland zwei echte Rampensäue. Nur, in diesem Match taten sie kaum mehr, als von den alten Zeiten zu erzählen. Das klang so traurig wie die Perle von Helmut Qualtinger und Carl Merz. Auch in diesem Dialog mit dem Titel "Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben" wird der eingeredete Glanz des Vergangenen auf den Prüfstein der Tristesse gestellt, die sich heute, beim Abschminken, auftut.
Deutschland vs. Argentinien wäre auch ohne Diego Maradona ein nervenzerfetzendes Schauspiel gewesen. So aber war es, als würde König Lear vom Quälgeist Puck durch den Sommernachtstraum gejagt und nach und nach in seine Einzelteile zerlegt. Eine praktisch ohne retardierende Momente auskommende Revue mit surrealistischen Videoeinspielungen von Lionel Messi. Der ist - weil gutes Theater immer von den Verlierern, nur das schlechte von den Winnern lebt - die Hauptrolle des Stücks. Er gemeinsam mit Maradona genügt, die Geschichte des expressionistischen Theaters zu rekapitulieren.
Beinahe zu outriert, geradezu opernhaft, verlief das Stück Uruguay vs. Ghana, in dem Asamoah Gyan zum Helden eines ganzen Jahrzehnts hätte werden können. So aber wurde er zum Don Quijote und damit zu einem Teil der Literaturgeschichte, die man sich noch viel, viel länger wird erzählen können. Das wird als Bild die Zeitgenossengeneration überdauern: das Scheitern des Deus ex machina im Angesicht des sicheren Triumphs.
Retardierendes Moment
Apropos: Auch das letzte Stück hatte das grandiose Finale. Mehr Theater als zwei Zug-Gegenzug-Elfer sind kaum denkbar, wobei hier sogar das retardierende Moment nicht vergessen wurde, die Wiederholung des verwerteten spanischen Penaltys und dessen Ende in den Tormannhänden. Der spanische Sieg entsprang dann dem Getümmel des Schlussauftritts, in dem sich Scheitern und Nichtscheitern zu einer symbolistischen Szene klumpten, die den Kern des Fußballspiels in einer gültigen Momentaufnahme bannte: Stange, Abpraller, Tor.
Ellen- und also elendslange Analysen ließen sich anstellen über den jeweiligen Handlungsverlauf, dessen Ursachen und dessen mögliche Lehren. Und es ist zu hoffen, dass die Dramaturgen und Regisseure rund um den Erdball - also auch die hierzulande in ('tschuldigung Tschechien, das ist Qualtinger/Merz geschuldet) Teplitz-Schönau - das tun.
All diese Analysen beschreiben allerdings nur eine Hälfte des Geschehens. Sinn der Regietricks ist es ja, das Publikum - für das der ganze Aufwand getrieben wird - davon nichts merken zu lassen. Großes Theater oder gutes Kino zeichnet sich aus durchs unmittelbare Miterleben. Kein Mensch will die Blendeneinstellung des Kameramanns wissen, wenn Clint Eastwood den Zigarillostumpen vom linken in den rechten Mundwinkel schiebt.
Die WM-Viertelfinale haben, ein jedes für sich, eine grandiose Geschichte erzählt. Dass dies so durchgängig die Charakterisierung war, ist auffällig genug. Es macht Hoffnung auf die verbleibenden vier Showdowns.
Es ist aber auch ein Anlass, sich zu bedanken. Klar, Fußball ist immer Theater. Großes Theater aber ist er nur dann, wenn alle auch wirklich mitspielen wollen.
Im Fußball heißt das: Mut. Auch in Duxburg-Skomodau, wo schon eine Woche nach dem WM-Finale das Theater wieder seinen Spielbetrieb aufnimmt. (Wolfgang Weisgram, Der Standard Printausgabe 06.07.2010)