Fussball-Theater

Komödie? Tragödie? Fußball!

5. Juli 2010, 18:24
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    foto: ap/blackwell

    Tragischer Held Ghanas: Asamoah Gyan

Die Viertelfinalspiele waren großes Theater. Jugendliche Helden, alt­ern­de Diven und tragische Verlierer gaben dem Fußball das Staunen zurück.

Wien - Die südafrikanische WM begann, wie jedes andere große Turnier, mit Matschkern. Noch während der ersten Gruppenrunde jammerten viele sich ein: Die Spiele seien geprägt von defensiver Vorsicht; die taktisch ausgeklügelten Teams hielten einander bis zum Gähnen in Schach; Tore würden nur aus jenem Zufall heraus fallen, der die Summe kleiner Fehler wäre.

Nun, da das Turnier in seine finale Woche geht, weiß man ums Gegenteil. Die südafrikanische WM wird dem Weltfußball eine neue Form des Offensivspektakels zurückgeben, das sich oft in einem formidablen Hin und Her manifestiert, praktisch immer mit unerwarteten Wendungen aufwarten kann und die Fähigkeit hat, die Zuschauer in eine unglaubliche Geschichte hineinkippen zu lassen. Eine neue Ansehnlichkeit ist das, die das Zeug hat, jederzeit zum großen Theater zu werden.

Großes Theater lebt im Grunde - Thomas Bernhard, der Hutschenschleuderer der Bühne, wusste klarerweise darum - von der Unbeantwortbarkeit des Fragenpaars: "Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?"

Assoziatives Chaos

Wer die Viertelfinalspiele gesehen hat, wird genau vor diese beiden Fragen gestellt worden sein. Die Antwortversuche sind freilich bloß Bilder, die in einem assoziativen Chaos die Theatergeschichte durch den Kopf schickt.

Selbst die unansehnlichste der vier Partien, die erste, hatte hohen dramatischen Gehalt. Immerhin duellierten sich mit Brasilien und Holland zwei echte Rampensäue. Nur, in diesem Match taten sie kaum mehr, als von den alten Zeiten zu erzählen. Das klang so traurig wie die Perle von Helmut Qualtinger und Carl Merz. Auch in diesem Dialog mit dem Titel "Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben" wird der eingeredete Glanz des Vergangenen auf den Prüfstein der Tristesse gestellt, die sich heute, beim Abschminken, auftut.

Deutschland vs. Argentinien wäre auch ohne Diego Maradona ein nervenzerfetzendes Schauspiel gewesen. So aber war es, als würde König Lear vom Quälgeist Puck durch den Sommernachtstraum gejagt und nach und nach in seine Einzelteile zerlegt. Eine praktisch ohne retardierende Momente auskommende Revue mit surrealistischen Videoeinspielungen von Lionel Messi. Der ist - weil gutes Theater immer von den Verlierern, nur das schlechte von den Winnern lebt - die Hauptrolle des Stücks. Er gemeinsam mit Maradona genügt, die Geschichte des expressionistischen Theaters zu rekapitulieren.

Beinahe zu outriert, geradezu opernhaft, verlief das Stück Uruguay vs. Ghana, in dem Asamoah Gyan zum Helden eines ganzen Jahrzehnts hätte werden können. So aber wurde er zum Don Quijote und damit zu einem Teil der Literaturgeschichte, die man sich noch viel, viel länger wird erzählen können. Das wird als Bild die Zeitgenossengeneration überdauern: das Scheitern des Deus ex machina im Angesicht des sicheren Triumphs.

Retardierendes Moment

Apropos: Auch das letzte Stück hatte das grandiose Finale. Mehr Theater als zwei Zug-Gegenzug-Elfer sind kaum denkbar, wobei hier sogar das retardierende Moment nicht vergessen wurde, die Wiederholung des verwerteten spanischen Penaltys und dessen Ende in den Tormannhänden. Der spanische Sieg entsprang dann dem Getümmel des Schlussauftritts, in dem sich Scheitern und Nichtscheitern zu einer symbolistischen Szene klumpten, die den Kern des Fußballspiels in einer gültigen Momentaufnahme bannte: Stange, Abpraller, Tor.

Ellen- und also elendslange Analysen ließen sich anstellen über den jeweiligen Handlungsverlauf, dessen Ursachen und dessen mögliche Lehren. Und es ist zu hoffen, dass die Dramaturgen und Regisseure rund um den Erdball - also auch die hierzulande in ('tschuldigung Tschechien, das ist Qualtinger/Merz geschuldet) Teplitz-Schönau - das tun.

All diese Analysen beschreiben allerdings nur eine Hälfte des Geschehens. Sinn der Regietricks ist es ja, das Publikum - für das der ganze Aufwand getrieben wird - davon nichts merken zu lassen. Großes Theater oder gutes Kino zeichnet sich aus durchs unmittelbare Miterleben. Kein Mensch will die Blendeneinstellung des Kameramanns wissen, wenn Clint Eastwood den Zigarillostumpen vom linken in den rechten Mundwinkel schiebt.

Die WM-Viertelfinale haben, ein jedes für sich, eine grandiose Geschichte erzählt. Dass dies so durchgängig die Charakterisierung war, ist auffällig genug. Es macht Hoffnung auf die verbleibenden vier Showdowns.

Es ist aber auch ein Anlass, sich zu bedanken. Klar, Fußball ist immer Theater. Großes Theater aber ist er nur dann, wenn alle auch wirklich mitspielen wollen.

Im Fußball heißt das: Mut. Auch in Duxburg-Skomodau, wo schon eine Woche nach dem WM-Finale das Theater wieder seinen Spielbetrieb aufnimmt. (Wolfgang Weisgram, Der Standard Printausgabe 06.07.2010)

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Posting 1 bis 25 von 47
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peter schmidt
 
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im übrigen werden interessanterweise nur 75 %

aller elfmeter verwertet. das ist doch weniger als ich mir gefühlsmäßig gedacht habe.

wobei wahrscheinlich ein völlig unsportlicher mensch nach 1 tag schusstraining auch dieselbe quote selbst gegen einen sehr guten torhüter reinbringt.

epinho
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die dramatik entschädigt nicht für einen monat faden fussball. die spannenden spiele kann man an einer hand abzählen. hin und hergeschibe und dann fällt irgendwie ein tor.es gibt nur eine mannschaft die heraussticht: danke deutschland für wenigstens ein paar gute spiele.

Platon der Ältere
10
Der Ausdruck "Fuußball-Theater" ist Leuten vorbehalten,...

..derem eigene Nationalmannschaft zu blöd ist überhaupt teilnehmen zu dürfen.

peter schmidt
 
01
wahnsinn ebenfalls danke

der typ ist recht authentisch sendet offenbar direkt aus dem bunker:)

Ziemlich leichter Stessa
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UNFASSBAR!!!

bernhard wolff
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wahnsinn,danke!

Herbert Chaos
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Spielerisch lässt die WM, Jabulani sei dank, doch sehr zu wünschen übrig. Dramaturgisch war es ein Wahnsinn was sich da abgespielt hat.

BerndDasBrot
 
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Ich wage zu behaupten dass die besten 3 Clubmannschaften gegen die besten 3 Nationalteams keine Chance hätten.

gratis trinken
00

in der finalpartie deutschland vs. holland spielt fast der fc bayern kader

peter schmidt
 
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kann ich mir nicht vorstellen.

es gibt doch klubmannschaften die setzen sich zusammen aus den leistungsträgern der achtelfinal teilnehmer. und im allgemeeinen inen sind auch die trainer die (noch ) größeren granaten bei den spitzenmannschaften der CL.

parfen semjonowitsch rogoshin
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nun ja, eine wm ist halt eine wm...

...aber abgesehen vom drumherum, dem hype, diesem leben im ausnahmezustand hält ihre theorie mmn nicht stand:
wenn ich zb die endphase der heurigen champions league hernehme: ein unglaublich dichtes, aufeinanderprallen der intelligentesten fussballphilosophien, perfekt umgesetzt, nein gelebt von den besten spielern und den klügsten strategen auf der bank-ein rad greift ins andere, der star glänzt im gefüge, jeder weiss was der andere tut.

und bei der wm?
da ist sowas bislang nur von den piefke zu sehen, und bei allem respekt, ich wünsche mir einen fussball in dem die innovationen und grossen momente von den lionels, andres und meinetwegen cristianos kommen,und nicht von den miroslavs und lukas, die normal nur zuschauen dürfen...

The Vinci
01
genau umgekehrt :)

Vor ein paar Jahren hätte ich ihnen noch recht gegeben, aber mittlerweile gibt es weltweit noch 10-15 Clubmannschaften, die zur absoluten Weltspitze gehören und die auf jeder Position mit absoluter Weltklasse besetzt sind. Hinzu kommt, dass die Clubmannschaften 10 Monate im Jahr am Zusammenspiel und der Taktik feilen, während die Nationalteams nur sehr wenig Zeit dafür aufwenden können.
M.M.n. hätten Barcelona, die Bayern, Inter und Chelsea jede Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft im Normalfall geschlagen.

roma753
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seh ich auch so

(²³^§&``?%=!!!!)
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Was war die

Schiedsrichter fehlentscheidung dieser WM?

Gargravarr
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Das Abseitstor von Tevez gegen Mexiko zum 1:0.

andré melun
01
2:0 von Fabiano, Brasilien-Elfenbeinküste

Dass ein Torschütze in einer Aktion zweimal Hands spielen darf, ist wahrscheinlich einzigartig - zumindest bei einer WM.

Herbert Chaos
01

Das Wembley Tor 2.0.

Cordylus Cataphractus Violaceus
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Das "Theater" Fußball-WM kann ja gar nicht schlecht sein. Sehen wir ein gegenseitiges gemauere, lebt das Spiel von der Spannung, schießt eine Mannschaft die andere 4-0 weg, haben wir schöne Tore gesehen. De Facto ist die WM ein Selbsläufer.

Die "Tragödie" an dem ganzen ist aber, dass ein Konzern (nichts anderes ist die FIFA) alles in Händen hält und unterdrückt und mit etwas Geld macht, das sie eigentlich nur negativ beeinflusst (Beschneidung der Menschenrechte im Stadion, keine Linie für die Schiris, keine modernen Hilfsmittel für Schiris, ein komisch flatternder Ball).

Wobei Tragödie das falsche Wort ist. Ein Schauspiel ist das eigentlich nicht, da so etwas wie Menschenrechtsverletzungen uns alle etwas angehen.

Hairy Tongue
01

is eh immer das gleiche: die 1. vorrundenspiele kann man sich durchwegs sparen, die 2. sind schon besser, weils für einzelne teams schon ums "überleben" geht, die 3. runde zeigt zum teil schon eine gewisse k.o.-qualität - und ab dem achtelfinale regiert die spannung, schlicht und einfach wegen des k.o.-systems.

(²³^§&``?%=!!!!)
00
2006

Wars umgekehrt

Nach den vorrundenspielen war die Luft raus
und die 0:0 Elferspiele begannen.

übrigens1
00
Guter Fussball!!

Auch wenn es viele Poster anders sehen,circa seit der 3. Vorrunde gibt es wirklich sehenswerten Fussball.

Davor wars zum Verzweifeln.

Die Achtelfinali waren bis auf Japan-Paraguay gut bzw. interessant, die Viertelfinali auch.
Brasilien-Holland inklusive, da verstehe ich den Autor nicht ganz.

Ich kann mich an keine bessere WM/EM erinnern.
EM 1976 war vielleicht besser, das weiss ich aber nur vom Hörensagen.

Berücksichtigen sollte man aber, dass viele Mannschaften nicht das Niveau der Topclubs wie Barcelona, Chelsea .. haben. Aber die spielen auch nicht immer für die Galerie.

Herbert Chaos
10

92, 94, 96, 98, 2000, 2006 und 2008 waren besser.

Meine Erinnerung reicht aber nur bis 90...

Gargravarr
01

was genau war 94 soviel besser?

Herbert Chaos
00

Die vielen Tore.

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