STANDARD-Gespräch

"Das Publikum beschimpft einen dort viel weniger"

05. Juli 2010 18:03

Geiger Gidon Kremer verstärkt wieder seine Präsenz bei dem von ihm gegründeten Kammermusikfest in Lockenhaus

Ein Gespräch über die Struktur des Festivals (ab 8. 7.) und die Sehnsucht nach ausgiebigen Pausen.

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Wien - Gidon Kremer ist an sich ein bedächtig formulierender, eigentlich eher ernster Zeitgenosse. Wenn es um Vermutungen bezüglich seines Rückzugs vom Kammermusikfestival in Lockenhaus geht, das er nun schon vor fast dreißig Jahren gegründet hat, wird er in Anlehnung an Mark Twain allerdings kurz drastisch ("Die Gerüchte über meinen Tod sind stark übertrieben!" ), es ist ihm ein dringendes Anliegen, Ruhe durch Klarheit herzustellen.

Nun denn: "Nicht nur, dass ich dieses Jahr vorhabe zu kommen, ich komme auch nächstes Jahr! Über die weitere Zukunft müssen wir nicht sprechen, da jeden Tag etwas passieren kann. In Lockenhaus habe ich mich immer wohlgefühlt, ich versuche halt, fallweise ein Sabbatical einzulegen. So gab es einmal vor vielen Jahren kein Festival. Voriges Jahr habe ich versucht, mir wieder eine Auszeit zu nehmen, da war ich in Lockenhaus nur auf Kurzbesuch. Das Festival ist aber eine Heimat geworden. Man kann sich dort künstlerisch austoben, und das Publikum beschimpft einen viel weniger."

Dass man den Weltgeiger aus Riga (Jahrgang 1947), diesen intensiven Risikomusiker, der niemals an der Oberfläche von Werken herumtänzelt, beschimpft, ist natürlich schwer vorstellbar. Das war wieder so eine drastische Formulierung.

Natürlich: In Lockenhaus, wo Workshopatmosphäre herrscht, wo öffentliche Proben stattfinden (Kremer: "Das stört mich nicht, solange es kein Kommen und Gehen gibt" ) und sich manches erst 24 Stunden vor dem Konzert konkretisiert, geht es um Offenheit - nicht nur bei den Musikern.

Auch Hörer werden mit anspruchsvollen Programmkontrasten zwischen Tradition und Moderne konfrontiert und somit irgendwie zur Flexibilität erzogen. Auch wird hier längst immerzu erwartet, dass die Routine des saisonalen Konzertalltags und die Voraussehbarkeit, die andere Festivals mitunter befällt, draußen bleiben. Das ist der zu erhaltende Lockenhaus-Sinn.

Dabei herrscht hier nicht Chaos, es gibt eine strikte, zu durchbrechende Planung: "Ich mache bis zu zwanzig Entwürfe, und dann wird es trotzdem anders. Ein Kollege reist nicht an, der andere reist früher ab, jemand will ein Werk nicht spielen, Noten lassen sich nicht finden. Dann stürzt man eben alles um. Noch ist mein Denken strukturiert genug, um in solchen Situationen effizient Entscheidungen zu treffen. Man darf sich nicht ablenken lassen von zu vielen Wünschen, sonst wird es ein amerikanischer Salat. Also ein Mix mit guten, aber zu vielen Einzelzutaten. Ich bin kein Diktator, ich versuche nur, ein guter Chef zu sein, in dem Sinne, dass ein Festival eine Handschrift erhält. Wenn viele mitsprechen, geht sie verloren." Zurück zum Begriff Sabbatical: "Seit der Gründung der Kremerata Baltica konnte ich mir ein solches gar nicht leisten. Ich würde das jedes zweite Jahr machen, aber ich habe auch die Verantwortung für 30 Leute. Und: Ein Orchester nicht auftreten zu lassen, wenn es auftreten kann, wäre falsch. Der Ausweg: Dass bedeutende Künstler mit der Kremerata spielen, ist mir eine Hilfe bezüglich meiner Pausen."

Mühsamer Kampf

Diese sahen wie folgt aus: "Ich reiste an den Nordpol, zur Südsee, versuche in Regionen zu fahren, die ich mit Konzerten nicht erreiche. Die Geige ist nie dabei. Es ist ein schönes Gefühl, zum Instrument wie zu einem alten Freund zurückzukommen, Neues zu erfahren. Meine Beziehung zur Geige ist intensiv. Das bedeutet aber nicht, dass ich mit dem Instrument nur Freudenstunden erlebe. Oft ist es ein mühsamer Kampf, das zu finden, was man auszudrücken will."

In der letzten Pause war er dann doch wieder sehr beschäftigt. Da befasste er sich mit einem witziges Projekt, das Being Gidon Kremer heißt und ins Theater an der Wien (20. September) kommt. In seiner nun dritten Version. "Das hat mich zwei Jahre inspiriert und belastet. Der Untertitel ist: The Rise and Fall Of A Classical Musician." Dabei hatte Kremer in einer Szene quasi auf Zuruf mit dem Anspielen berühmter Violinkonzerte zu reagieren. Das war dann Lockenhauser Spontaneität - stressig zum Slapstick verdichtet. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 06.07.2010)

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14.07.2010 23:32

Für sein Tango Ballet werd ich ihm für immer Dankbar sein!

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