Auch heuer findet eine Gedenkmesse zum Todestag in der Hauskapelle statt
Wien - Auch 2010 wird im Bundeskanzleramt anlässlich des Todestages von Engelbert Dollfuß des ehemaligen Bundeskanzlers und Begründers des austrofaschistischen Ständestaats mit einer Messe gedacht. Was früher zu wütenden Protesten der SPÖ geführt hat, wird auch heuer wieder unter einem sozialdemokratischen Bundeskanzler stattfinden.
"Skandalös" und "einer Demokratie unwürdig" nannte Norbert Darabos die Gedenkmesse.
Das war allerdings 2004, der Kanzler hieß Wolfgang Schüssel, und Darabos war Bundesgeschäftsführer der SPÖ. Die damalige Replik des schwarzen Bundeskanzleramtes: Die Gedenkmesse für Dollfuß habe seit den 60er Jahren auch unter SP-Kanzlern stattgefunden. Heute argumentiert der Sprecher des mittlerweile roten Bundeskanzlers praktisch wortident. "Die Messe wird seit Bruno Kreisky abgehalten, auch unter sozialdemokratischen Bundeskanzlern" , sagt Leo Szemeliker, Sprecher von SPÖ-Chef und Bundeskanzler Werner Faymann. Dem Kanzler sei die geschichtliche Bedeutung des Datums sehr wohl bewusst, der Streit mit den konservativen Kreisen in der Regierung stehe sich aber nicht dafür, eine Absage der Messe durchzusetzen. Außerdem: "Die Republik hat sicher wichtigere Sorgen."
So wird am Montag, den 26. Juli, im Kanzleramt wieder des Austrofaschisten Dollfuß gedacht. Das ist einen Tag nach dem regulären Todestag, der heuer auf einen Sonntag fällt. Unter dem christlich-sozialen Bundeskanzler Dollfuß schaltete sich 1933 das Parlament aus, Dollfuß schuf mit der Maiverfassung 1934 einen autoritären Ständestaat und stützte sich vor allem auf die katholische Kirche, auf die Bauern und auf die Heimwehr. Am 25. Juli 1934 wurde Dollfuß im Verlauf des Juliputsches von den Nazis ermordet.
Die Kapelle im Bundeskanzleramt, in der die Gedenkmesse "für die verstorbenen Bundeskanzler", wie es in der offiziellen Einladung heißt, stattfindet, wird vom Schottenstift betreut. Jedes Jahr gibt es im Kanzleramt eine Diskussion darüber, ob die Messe abgesagt werden soll. Auch unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Faymann konnte man sich nicht entschließen, diesen Schritt zu setzen - mit dem Verweis, dass es ja nicht Dollfuß-Messe heißt und dass man mit dem Koalitionspartner keine zusätzliche Streitfront aufmachen wolle. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2010)