Vier entscheidende Prüfungen - Aus für "totale Liberalität" - Badelt stellt Leistungsvereinbarungen in Frage
Wien - Mit einer Reform der Studieneingangsphase will sich die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien künftig "auf jene Studenten konzentrieren, die leistungsfähig und -willig sind sowie in absehbarer Zeit zum Abschluss kommen können". Dies betonte Rektor Christoph Badelt bei einer Pressekonferenz am Montag. Künftig müssen die Studienanfänger zunächst vier bestimmte Prüfungen absolvieren, bevor sie andere Lehrveranstaltungen besuchen bzw. zu anderen Prüfungen der Studieneingangsphase antreten dürfen.
Vier entscheidende Prüfungen
Zunächst müssen an der WU die Prüfungen "Einführung in die Betriebswirtschaftslehre", "Mathematik", "Grundlagen der Volkswirtschaftslehre I" und "Wirtschaft im rechtlichen Kontext - Europäisches und öffentliches Wirtschaftsrecht I" abgelegt werden. Insgesamt sind je nach Studienzweig 14 bzw. 15 Prüfungen in der Studieneingangsphase zu bestehen. Von der Änderung betroffen sind nicht nur die Studienanfänger ab dem kommenden Studienjahr, sondern auch alle Studenten, die bisher noch keine einzige der vier künftigen Einstiegsprüfungen bestanden haben. Die entsprechenden Prüfungen werden drei Mal pro Semester angeboten, möglich sind je vier Antritte
Badelt stellt Leistungsvereinbarung in Frage
Bei einem derart großen Auseinanderklaffen zwischen Kapazitäten und Studentenzahlen habe die WU Maßnahmen ergreifen müssen, betonte Badelt. Zuletzt war ein Antrag der WU auf Zulassungsbeschränkungen von der Regierung abgelehnt worden. Derzeit beginnen rund 7.000 Personen pro Jahr ein Bachelor-Studium an der WU (Wirtschaftsrecht bzw. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften), während die Leistungsvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium eine Kapazität von jährlich 1.300 Bachelor-Absolventen vorsehen, so Badelt. Diese Leistungsvereinbarung stellt der Rektor nun in Frage: "Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, muss sich auch die Leistungsvereinbarung ändern." Im Moment könne diese "nicht das Papier wert sein, auf dem sie geschrieben steht".
Derzeit schaffen 62 Prozent der Studienanfänger im ersten Studienjahr insgesamt nicht einmal vier der 14 bzw. 15 Prüfungen. Umgekehrt haben von den Studienanfängern des Jahres 2006 nur 100 das Bachelor-Studium in Mindestzeit absolviert.Trotzdem ist Badelt davon überzeugt, dass "wir ja nicht nach Stachanow-Methode irrsinnige Ansprüche formulieren". Die vier Prüfungen würden in etwa dem entsprechen, was Maturanten bei der mündlichen Reifeprüfung zu absolvieren haben.
Betreuungsverhältnis "ein Wahnsinn"
Durch die Maßnahme erhofft sich Badelt eine bessere Betreuung derjenigen Studenten, die die Eingangsphase schaffen, und damit eine Steigerung der Absolventenzahl - trotz mittelfristig eventuell sinkender Studentenzahlen. Derzeit kämen an der WU auf einen Professor 320 Studenten - das sei sogar im Österreich-Schnitt (121 Studenten auf einen Professor) ein "Wahnsinn". Wenn die WU jene 6.400 Euro pro Student wie die Fachhochschulen erhalten würde, müsste sie jährlich 173 Mio. Euro bekommen - "haben tun wir 100 Mio. Euro".
Badelt räumte ein, dass mit der neuen Eingangsphase eine Reduktion der derzeitigen "totalen Liberalität" des Studiums verbunden ist. Nicht glücklich ist er damit, dass bei sämtlichen Prüfungen mit Multiple-Choice-Formaten gearbeitet wird: "Wir wissen, dass das keine ideale Auswahltechnik ist. Aber man sage mir, wie einige Tausend Studenten sonst geprüft werden sollen." Die Hochschülerschaft an der WU hat gegen die Änderungen bereits anlässlich des Senatsbeschlusses in der Vorwoche protestiert und angekündigt, die Änderungen bis zum Verfassungsgerichtshof (VfGH) zu bekämpfen.
Ministerium hat "vollstes Verständnis"
Das Wissenschaftsministerium hat angesichts der Situation an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien "vollstes Verständnis" für die Maßnahmen der Uni. Allerdings müsse man sich die neu gestaltete Studieneingangsphase noch rechtlich genau ansehen, hieß es auf APA-Anfrage aus dem Ministerium.
Was das von Rektor Christoph Badelt angekündigte Infragestellen der Leistungsvereinbarungen betrifft, wolle man zunächst darauf warten, dass dieser an das Ministerium herantrete. In den derzeitigen Leistungsvereinbarungen sei eine Verwendungszusage enthalten gewesen, dass sich das Ministerium für den Antrag der WU auf Zulassungsbeschränkungen einsetze, hieß es weiter. Das sei aber mit dem Koalitionspartner SPÖ nicht zu machen gewesen.
ÖH: "Ganz klare Schikane"
Keine Freude hat die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) mit der WU-Maßnahme: Badelt mache "genau den gleichen Fehler wie alle anderen und trägt die chronische Unterfinanzierung der Unis auf dem Rücken der Studenten aus", so ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer. "Und das mit einer völlig illegalen Methode." Die Maßnahme ziele nämlich auf eine quantitative Beschränkung der Studentenzahl.
Das Vorgehen der WU hält Maurer für eine "ganz klare Schikane". Einerseits gebe Badelt vor, mit der neuen Studieneingangsphase die Qualität der Studenten abprüfen zu wollen, andererseits sage er ganz klar, dass er dies aufgrund der Ressourcenlage mache. Für die Studenten bedeute dies noch längere Wartezeiten und Studiendauern sowie den Verlust von Beihilfen. (APA)