Nichts wie weg. Die Ferien sind da. Die Wiener Apothekerin Maria Kosch gibt Ratschläge, was alles in eine gut sortierte Reiseapotheke gehört
Standard: Warum werden viele im Urlaub erst einmal krank?
Kosch: Es kann verschiedene Ursachen haben. Bei Auslandsreisen sind häufig das veränderte Klima, die ungewohnte Kost, die hygienischen Bedingungen, aber auch psychische Faktoren entscheidend. So eigenartig das klingen mag, viele Menschen sind im Berufsleben so unter Stress, dass der Körper keine Zeit hat, krank zu werden. Gönnt man ihm dann etwas Ruhe, ist das Immunsystem nicht mehr so wachsam, da haben Keime ein leichtes Spiel.
Standard: Bitter, wenn man nur zwei Wochen Ferien hat. Was kann man tun?
Kosch: Das kommt darauf an. Die meisten Menschen haben irgendeine Schwachstelle. Wer sich selbst gut kennt, weiß oft, was es ist, und kann sich rüsten. Wer zu Halsweh neigt, sollte Lutschtabletten mithaben. Bei Magen- und Darmproblemen sollte ein Abführmittel oder ein Medikament gegen Durchfall im Gepäck sein. Bei gleichzeitigem Fieber oder dann, wenn der Durchfall binnen zwei Tagen nicht in den Griff zu bekommen ist, sollte man einen Arzt aufsuchen.
Standard: Was hilft gegen Fieber?
Kosch: Fiebersenkende Medikamente gehören in jede Reiseapotheke, etwa Präparate, die Paracetamol enthalten. Sie sind gut verträglich und schmerzstillend. Bei Medikamenten mit dem Wirkstoff Acetylsaliyclsäure ist wichtig zu wissen, dass sie Kinder unter zwölf Jahren nicht nehmen sollten. Auch in Ländern, wo es das Dengue-Fieber gibt, sollten sie gemieden werden.
Standard: Ist es klug, ein Antibiotikum mitzunehmen?
Kosch: Auf Fernreisen ist es sicherlich empfehlenswert. Es muss allerdings im Vorfeld in Österreich genau mit einem Arzt besprochen werden. Sehr verbreitet für Reisen ist der Wirkstoff Ciprofloxacin. Er hat ein breites Wirkspektrum und hilft bei vielen im Urlaub auftretenden Infektionen.
Standard: Stimmt es, dass Flugzeuge für Keime ideale Orte sind?
Kosch: Zweifellos. Das Problem ist das Zusammentreffen vieler Menschen auf engem Raum und die niedrige Luftfeuchtigkeit. Wenn die Schleimhäute in Nase und Mund zu trocken werden, können sich leichter Infekte einschleichen. Mit einem Salzwasserspray für die Nase kann man gegen- steuern. Zusätzlich sollte man im Flugzeug viel trinken. Ein Becher, wie von den Fluglinien vorgesehen, ist sicherlich zu wenig. Vor allem sollte man Wasser, nicht Alkohol trinken. Die Flugzeugtoiletten sind übrigens auch ideale Orte für Keime. Es gibt Desinfektionsgels und -tücher für die Handtasche. Sie dabeizuhaben kann ich jedem nur dringend raten.
Standard: Empfehlen Sie Thrombose-Prophylaxe für den Flug?
Kosch: Ein Thromboserisiko besteht bei jeder längeren Reise in sitzender Haltung. Hier ist viel Flüssigkeit, Venengymnastik wie Zehenwippen und wiederholtes Aufstehen zu empfehlen. Menschen mit schon bestehenden Krampfadern, älter als 40 Jahre, Raucher, Frauen, die die Pille nehmen, und Übergewichtige sollten Kompressionsstrümpfe der Klasse I anziehen und mit dem Arzt sprechen, ob eine Thromboseprophylaxespritze notwendig ist. Wer schon einmal eine Thrombose hatte, in den letzten Monaten operiert wurde oder an Krebs oder einer anderen schweren Erkrankung leidet, hat grundsätzlich ein hohes Thromboserisiko und sollte unbedingt vor einer längeren Reise einen Arzt aufsuchen. Dies gilt übrigens nicht nur für Flugreisen, sondern besonders auch für lange Autofahrten oder Busreisen.
Standard: Woran erinnern Sie Ihre Kunden vor einer Reise noch?
Kosch: An Desinfektionsmittel, Pflaster, Verband und eine Wund- und Heilsalbe zur Wundversorgung. Auch Insektenschutz wird gerne vergessen, das sollte einem bei Fernreisen in Malaria-Gebiete nicht passieren. Sehr wichtig ist Sonnenschutz mit UVB- und UVA-Filtern. Lichtschutzfaktor 25 ist für viele, die in den Süden fahren, nicht ausreichend. Je südlicher und je weiter in der Höhe, umso stärker ist die Sonne. Sie wird oft unterschätzt.
Standard: Warum bekommen viele Urlauber Fieberblasen?
Kosch: Das hat mit der Sonne zu tun. Die meisten vergessen, sich die Lippen mit Sonnenschutzprodukten einzucremen. Die Sonne stresst das Immunsystem, und dadurch können sich Viren dann hervorragend vermehren. Wer sie rechtzeitig spürt, kann sie mit aciclovirhältigen Präparaten vielleicht noch abfangen. Wer schon eine Fieberblase hat, sollte sie mit Herpes-Patches überkleben. So schützt man die Hautstelle und ist für andere keine Gefahr. Die Sonne ist gefährlich. Wer sich dann doch einen Sonnenbrand zugezogen hat, sollte mit Wasser oder feuchten Tüchern kühlen und die Sonne bis zum Abklingen der Entzündung meiden. Kühlende Cremen ohne Parfumstoffe sind zur Beruhigung der Haut gut. Bei Sonnenbrand mit Blasenbildung sollte man einen Arzt aufsuchen.
Standard: Was gilt es auf Fernreisen zu beachten?
Kosch: Ganz wichtig ist, dass man sich rechtzeitig um die notwendigen Impfungen kümmert. Die Ärzte am Tropeninstitut kennen sich bestens aus. Ich erlebe aber immer wieder, wie erstaunt die Leute über die Kosten der Malaria-Prophylaxe sind. Wenn eine Pauschalreise 1000 Euro gekostet hat, ist eine Malaria-Prophylaxe um 150 Euro pro Person vergleichsweise kostspielig. Das sollten alle, die eine Reise in ein Malariagebiet planen, ansprechen, wenn sie beim Arzt sind. Es gibt ja ganz unterschiedliche Wirkstoffe mit jeweils ganz unterschiedlichen Nebenwirkungen. Für Kleinkinder sind sie alle aber nur bedingt geeignet.
Standard: Apropos Kinder. Was ist für sie wichtig?
Kosch: Wasserfeste Sonnencremen mit hohem Lichtschutzfaktor. Dann höre ich aber auch immer wieder, dass Kinder im Urlaub oft Ohrenweh oder Durchfall bekommen. Kinder spielen ja viel im Wasser, sie tauchen und dabei verschlucken sie auch Wasser. Oftmals ist gerade der Hotelpool eine Keimbrutstätte für Bakterien. Ohrentropfen können hier manchmal gegensteuern. Wer ein Kind hat, das zu Ohrenentzündungen neigt, sollte sich vom Kinderarzt also unbedingt ein Antibiotikum für den Notfall verschreiben lassen.
Standard: Was halten Sie von probiotischen Medikamenten?
Kosch: Bakterienpräparate machen durchaus Sinn bei Durchfällen, die durch Antibiotika ausgelöst wurden. Bei der Einnahme sollte bei diesen Produkte allerdings ein zeitlicher Abstand von zwei Stunden eingehalten werden. Besonders Präparate mit Saccharomyces boulardii sind geeignet, den Darm sowie das Immunsystem im Vorfeld zu stärken. Probiotika erst beim akutem Reisedurchfall einzusetzen halte ich persönlich aber für zu wenig effektiv. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 05.07.2010)