Der Trainer, dem der Titel näher ist als das Hemd
Der Blick, mit dem Joachim Löw jedem deutschen Fußballer nach dem 4:0 im WM-Viertelfinale über Argentinien begegnete, sprach Bände. Ich bin stolz auf dich, sagte der Blick, ich hab's dir ja gesagt, sagte er, ich vertraue dir voll und ganz, sagte der Blick, und schließlich: Du kannst Weltmeister werden!
All das in einem Blick. Dahinter, wie überhaupt hinter Löws Erfolg, steckt Überlegung, Arbeit, vor allem System. Immer wieder hebt der 50-Jährige die Sporthochschule Köln hervor, die ihn mit Fakten über jeden Gegner versorgt. 56 Studenten zerlegten Argentiniens Qualifikations-, Test- und WM-Spiele. Löw wusste um Laufwege, Passfolgen, die Entwicklung von Torchancen. "Wir geben nur das Wichtigste an die Spieler weiter." Das Wichtigste reichte locker.
Auf Genauigkeit und Einsatz legt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann Löw, den sie "Jogi" nennen, seit jeher Wert. Als Spieler war der Schwarzwälder vergleichsweise mäßig erfolgreich. Zwar ist er mit 81 Goals Rekordhalter seines Stammklubs Freiburg, doch schoss er all die Tore in der zweiten Liga. Weiter oben (Stuttgart, Frankfurt, Karlsruhe) fasste er nie richtig Fuß, in 52 Bundesliga-Partien schauten sieben Tore heraus.
In Stuttgart rückte er vom Ko- zum Cheftrainer auf, gewann 1997 den Cup, verlor 1998 das Cupsiegercupfinale (0:1 gegen Chelsea). Ein vierter Platz in der Liga führte zu seiner Entlassung, über die Türkei kam er nach Österreich, wo er mit dem FC Tirol knapp vor dessen Pleitegang 2002 den Meistertitel holte und 2004 bei der Austria nach einer Niederlage von Frank Stronach entlassen wurde, obwohl die Austria Tabellenführer war.
Jürgen Klinsmann machte Löw vor der WM 2006 zu seinem Teamchef-Assistenten, Klinsmanns Abgang nach dem dritten WM-Platz war Löws große Chance, er nützte sie bei der EM 2008, wo's im Wiener Finale ein 0:1 gegen die Spanier gab, die man nun im WM-Semifinale wiedertrifft. Die deutschen Fans schätzen ihn mehr, als sie ihn lieben. Dazu wissen sie zu wenig von Löw, der sich bedeckt hält, was sein Privatleben betrifft. Er ist verheiratet, viel mehr weiß man nicht von ihm, da kann sich der Boulevard noch so mühen. 2008, als er wunderbare Hemden trug, kürten sie ihn zum "schönsten Trainer" der EM. Das wird ihm diesmal, da er mit verwunderlichen Pullovern auftritt, nicht passieren. Dafür gewinnt Löw vielleicht einen ganz anderen Titel. Im Blick hat er ihn bereits. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 5. Juli 2010)