Im zweiten WM-Halbfinale wartet die Neuauflage des EM-Finales 2008. Deutschland wird nicht unterschätzt, die Paraguayer bleiben Helden
Johannesburg - Der Freude über den ersten Einzug in ein WM-Semifinale für Spanien setzte indirekt der nächste Gegner Deutschland jäh einen Abbruch. "Wir müssen uns am Mittwoch gegen Deutschland die Seele aus dem Leib spielen", kündigte Trainer Vicente Del Bosque an. "Sie sind momentan die beste Mannschaft der Welt."
Das gewonnene Finale der EURO 2008 gegen Deutschland (1:0, Torschütze Fernando Torres) ist lange her, die jüngsten Erfolge des kommenden Gegners gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) und vor allem das Wie haben bei den Iberern großen Eindruck hinterlassen. "Das Spiel wird ein vorweggenommenes Finale", sagt Torres, "Deutschland hat eine großartige Mannschaft, ich war immer schon ein Fan ihres Fußballs. Nach dem bisherigen Turnierverlauf hätten sie den Titel vielleicht sogar noch mehr verdient als wir."
Elfmeterdrama
In der Tat glänzte die Furia Roja mit ihrem bei der EURO so beeindruckend aufgezogenen - und Tiqui-taca geheißenen - Kurzpassspiel bisher selten. So auch gegen das in vielen Belangen ebenbürtige Team aus Paraguay. "Wir haben Glück gehabt", fand Spaniens Torhüter Iker Casillas. "Wenn ich den Ball nicht abwehre, kann das Spiel ganz anders enden." Geendet hat es dank David Villas fünftem Turniertreffer (83.) mit 1:0. Zuvor hatte Casillas einen Elfmeter von Paraguays Oscar Cardozo gehalten (59.). Der formschwache Torres blieb an der Spitze wieder einmal abgemeldet.
Mehr war für die effizienten Spanier, die in fünf Spielen überhaupt erst sechsmal netzten, nicht drin, zumal auch Xabi Alonso einen Elfmeter vergab (63.). Das heißt, eigentlich hatte der Baske in Diensten Real Madrids seinen ersten Versuch trocken verwertet, doch Referee Carlos Batres aus Guatemala verweigerte dem Treffer die Anerkennung, weil die Spanier zu früh in den Strafraum gerannt waren.
Batres ließ den Strafstoß wiederholen, und als Cesc Fabregas nach der Elferabwehr beim Nachschussversuch von Paraguays Goalie Justo Villar spektakulär von den Beinen geholt wurde, hätte der Schiedsrichter neuerlich auf den Punkt zeigen müssen. Doch er tat es schlicht nicht.
"Ihr seid trotzdem Helden"
Insofern überraschten die Aussagen des enttäuschten Nationaltrainers von Paraguay, Gerardo Martino, der sich vor allem wegen eines nicht gegebenen Abseitstores seines Stürmers Nelson Valdez (41.) heftig echauffierte. "Einige Entscheidungen des Schiedsrichters haben den Verlauf des Spiels beeinflusst. Womöglich wird sich die Fifa ja dafür bei uns entschuldigen. Ich möchte mich für diese Entschuldigung schon einmal bedanken", sagte der 47-Jährige.
In der südamerikanischen Heimat wurde der erstmalige Einzug in ein WM-Viertelfinale dennoch gehuldigt. "Ihr seid trotzdem Helden", schrieb die Tageszeitung Ultima Hora über die Albirroja. Mit ihrer Niederlage wendeten sie nicht nur den von Präsident Fernando Lugo versprochenen Sprung in voller Montur in einen Pool ab, sondern auch den Strip von Paraguays Top-Model Larissa Riquelme beim Public Viewing in der Hauptstadt Asunción.
Auch in Spanien wurden trotz des WM-Halbfinaleinzugs keine Wetteinsätze schlagend, zu sehr war vom Sieg über den Außenseiter ausgegangen worden. "Der Reisepass ist Paradies", titelte die Sportzeitung As. "Das ist ein großer Moment für den spanischen Fußball", sagte Coach Del Bosque. "Wir haben nicht gut gespielt, aber dieses Team kann jeden schlagen. Ich hoffe, das Spiel gegen Deutschland macht Werbung für den Fußball." (krud/SID, Der Standard Printausgabe, 05.07.2010)