Kein Wunderkind

Da wird bald zur Taufe gerufen werden

4. Juli 2010, 18:23

Deutschland hat im Viertelfinale gegen Argentinien gezeigt, dass es dabei ist, der Fußballwelt einen neuen Akzent zu geben. Der wird deutsch sein. Auch wenn Holland klarerweise das Finale gewinnen muss

Kapstadt - Es gibt Augenblicke, da erlebt ein ballesterischer Beobachter in statu nascendi das Heranreifen eines neuen Stils oder - neutraler - einer neuen Dominanz. So was kündigt sich an, klar. Jeder Geburt gehen Wehen voran, für jede werdende Mutter - so erzählen es gewordene Mütter - gibt es Augenblicke des Zweifelns, ja Verzweifelns. Momente, in denen die Schaffbarkeit der Aufgabe auf dem Prüfstand steht. Diese freilich werden stets überstrahlt von der Unausweichlichkeit: Es geht einfach nicht mehr anders. Wenn eine Geburt einmal in Gang gekommen ist, dann gibt sie ihren Rhythmus vor.

Als ein Bild, als eine Verstehenshilfe, darf man das durchaus auf den WM-Auftritt der deutschen Nationalmannschaft übertragen. Was die Welt da in Südafrika beobachten durfte, war - völlig unabhängig vom endgültigen Ausgang des Turniers - die Geburt einer Fußball-Weise, welche die nächsten Jahre dominieren wird.

Die Gewissheit einer Mutter

Ja ja: Da ist von Deutschland die Rede. Es hätte da des Viertelfinales gegen (eigentlich: über) Argentinien nicht bedurft. Aber das überwältigende, sozusagen den Gegner nicht einmal ignorierende, in keiner Minute der Begegnung in Zweifel gestandende 4:0 war jene Gewissheit, welche die werdende Mutter hat. Die verwechselt die ersten, leisen Wehen ja auch nur in jenen Ausnahmesituationen mit "Bauchweh", von denen man dann in der Zeitung liest.

Noch ist, klar, Joachim Löws Kind nicht auf der Welt. Aber es presst zum Herzzerreißen. Wer in den K.-o.-Partien England und Argentinien jeweils vier Tore macht, steckt so unüberseh- und hörbar im Geburtskanal, dass die Mutter sich längst schon in die Unausweichlichkeit geschickt hat. Und der Vater vor der von den Frauen stets unterschätzten Alternative "Mitatmen" oder "Umfallen" steht.

Beide Möglichkeiten ändern an der Tatsache gar nichts. Das Kind wird jetzt und jetzt da sein. Und es wird, so wie's ausschaut, ein ganz normales Kind sein. Gewiss kein Wunderkind, dessen Name dann, sagen wir: Tiqui-taca sein könnte.

Tödliche Unberechenbarkeit

In so mancher Expertenrunde ging die Rede von der asymmetrischen Revolution: dass manche Teams eine ihrer Seiten deutlich überbetonen und so ein gewisses Übergewicht im Anbohren des Gegners erlangen. Die Deutschen haben ihre WM dagegen sehr klassisch angelegt. Keine Mannschaft dieses Turniers hat ihren Akzent so deutlich auf ihre beiden Flügel gelegt. Da aber die wahre Initialstärke dieser Mannschaft im Zentrum liegt - voran Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil -, ist jede deutsche Offensivattacke von tödlicher Unberechenbarkeit begleitet.

Kein Team dieser Welt darf, wenn Schweinsteiger, Özil oder auch Sami Khedira den Ball haben, vorzeitig ihre Aufmerksamkeit gewichten.

Lukas Podolski und Thomas Müller haben gewissermaßen ein nach oben offenes Beschäftigungspotenzial. So was schafft Räume, gerade für die Außenverteidiger, von denen man in Österreich zuletzt gehört hat, sie seien eigentlich unnötig.

Das 4:0 über Argentinien - dem bloß noch die finale Demütigung eines "Ehrentreffers" gefehlt hat - macht das Team klarerweise zum heißen Titel-Tipp. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Gegen Spanien - so weit zum deutschen Losglück: England, Argentinien, Spanien - sollte es aus Gründen der Balance noch reichen.

Zeit für Gerechtigkeit

Die Spanier haben ihre ballesterische Spur schon hinterlassen. Jetzt wäre es an der Zeit, der Fußballgeschichte zurückzugeben, was ihr gebührt. Das deutsche Kind ist sowieso nicht mehr aufzuhalten. Es ginge darum, es auch unter den sehnsüchtigen, erwartungsvollen Augen aller Welt aus der Taufe zu heben. Und unter diesen - ja, mythischen Aspekten - müsste die Geschichte folgenden Verlauf nehmen.

Deutschland schägt am Mittwoch Spanien. Die Niederlande haben tags zuvor schon Uruguay nach Hause geschickt. Am Sonntag kommt es dann zum schönst denkbaren High Noon. Deutschland - Niederlande. Und Holland gewinnt. Als sichtbar schlechtere Mannschaft. 1974 haben die Deutschen ihren zweiten WM-Titel geholt. Die Holländer haben der Welt dafür den "totaal voetball" geschenkt. Diesmal wird es umgekehrt sein müssen. So gerecht geht es im Fußball schon zu. Und ein Wort dafür wird man finden. (Wolfgang Weisgram, Der Standard Printausgabe, 05.07.2010)

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gaberl2
 
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gibt es im standard eigentlich niemand, der kommentare vorausliest, um zu verhindern dass so ein krampf wie dieser verzapft wird?

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
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Die Deutschen spielen keineswegs einen "neuen" Fußball. Sie spielen ein modernes 4-3-3 wie es bereits in vielen offensivstarken Teams der Fall ist. Auch dort ist dieses reine Außenbahnspiel wie es bei klassischen Flügelstürmer Systemen der Fall ist bereits einem Spiel gewichen, dass sehr von den Mittelfeldspielern dominiert wird. Bestes Beispiel dafür ist der FCB wo mit Xavi, Iniesta und Busquets das Mittelfeld genauso viel Gewicht hat wie die Flügel mit Messi und Pedro.

Dieses System hat viele Vorteile aber auch einige wirkliche Schwächen. Und es sind genau diese Spanier die dieses System erschaffen haben und die wissen wie man es aushebelt (auch wenn es bis jetzt nicht ganz so gut gelaufen ist).

_FluXXX_
01
4-3-3

Stimmt sooooo nicht wirklich.
Sowohl die Spanier, also auch die Deutschen spielen ein 4-2-3-1 Sytem. Wobei bei Bedarf bltzartig auf ein 4-4-1-1 Umgestellt werden kann.
Und ja, die Spanier hams erfunden, nicht die Schweitzer ;-)

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
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Ich nenns 4-3-3 weil es beim FIFA Manager auch so heißt (4-3-3 Wings um genau zu sein) :P

Aber stimmt, es ist abwechselnd ein 4-1-2-2-1 oder ein 4-2-1-2-1. Die Flügelstürmer kann man nicht ins Mittelfeld zählen. Entweder für sich alleine nennen oder mit dem MS zusammenfassen.

Hurra Deutschland!
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Nein, es ist ein 4:2:3:1, das defensiv in 4:4:1:1 übergeht. Genau so wie _FluXXX_ es sagt.

Und Flügelstürmer gibt's keine. Sagt zumindest Löw, der sich sicher nicht ganz so gut auskennt wie Sie, aber fast.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
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Der Löw kann sagen was er will aber man sieht ja die Laufwege. Das das bei Defensive dann umgeschalten wird ist was anderes.

AT & EU Bürger
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wirklicher Fussballsachverstand....

....findet man hier:

http://www.zonalmarking.net/2010/07/0... nd-better/

Ganz unten auf dieser hervorragenden Fußball-Website findet man "Show comments"....bitte anklicken und lesen. Das ist wirkliche Fußball-Diskussion!

bazzinga
02

also, die deutschen haben bis jetzt wirklich stark gespielt und ich würde sagen, dass sie ein finale gegen Holland wohl gewinnen würden. Aber erst kommt mal Spanien... und ob sie da wieder so drüberfahren werden? Naja... Ich glaub einfach, dass die beiden relativ schnellen führungstreffer gegen England und Argentinien den deutschen unglaublich in die Karten gespielt haben.

Klar jeder Mannschaft hilft es in Führung zu gehen, aber die Deutschen sind vorallem im Konter gefährlich und brauchen den Platz um gut kombinieren zu können.

Ich glaube, sollten sie gegen Spanien nicht in der ersten Hälfte in Führung gehen, könnten sie Probleme bekommen.

Aber trotzdem, bis jetzt ein großartige Leistung der Piefkes (Oh Gott, das tut weh ;) )

derkleinemannvonderstraße
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vollste Zustimmung

roman@ch
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Schluss mit Neurose!

warum weh?

Können wir uns nicht endlich lösen von dieser infantilen Piefke-Neurose? Sind wir doch froh, dass Deutschland seit über 50 Jahren der Stabilisator Europas ist, dass dort gute Autos gebaut werden und dass die nun auch endlich richtig tollen Fußball spielen.

chiwato
00
seit 1974

weiss man; es gibt keinen fußballgott.



Hossa! Hossa! Hossa! Olé!!!
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Ja, die Niederlande sind stark.

Das wird sicherlich das härteste Match, dass die dt. Elf bestreitet. Ein würdiger Abschluss dieses Turniers.

mfchr
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"totaal voetbal" - im niederl. gibts es keine konsonantenverdoppelung am wortende.

janwillem
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dank u wel

peterkbm
182
Noch einige Erklärungen

Also, ich würde die taktische und spielerische Leistung der Deutschen nicht so herausragend sehen. Vielmehr ist bei ihnen eine intensivere Vorbereitung und Analyse der Gegner (dafür sind sogar über 50 Studenten abgestellt) der Schlüssel zum Erfolg. Weiters trägt auch der viel stärkere Nationalstolz, der bei jedem Tunier schon fast beängstigende Ausmaße annimmt, dazu bei. Ich denke, dass wir nördlichen Länder die Gelassenheit der "Südländer" nicht so recht verstehen. Und was Schweinsteiger und Lahm vor dem Spiel abgeliefert haben, grenzt schon fast an Faschismus. Die Argentinier spielten vielleicht deshalb viel zu brav. Und was noch gerne vergessen wird, dass hier die herausragenden Spieler (Schweinsteiger, etc.) im selben Club spielen.

Nicolas Castillo
02
Hut ab ...

soviel geistigen Müll in so wenig Worte zu fassen, das muss man schon können.

JackBodegar
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kann ich auch haben bitte?

was nehmen sie für drogen den der rest der welt nicht nimmt?
muss ganz schön rein hauen.....bei ihnen...

Poldi Fesch
00
das mit der

suedl. Gelassenheit war aber jetzt ein Scherzerl, hoffe ich

simax
03
Danke für die "Erklärungen"

Sich im Gegensatz zu den Argentiniern gut auf den Gegner vorzubereiten is ganz einfach professioneller, und es wurde die herablassende Art dieser "Götter" bestraft. Und sich angesichts von relativ harmlosen Kommentaren Von Schweinsteiger und Lahm zum Faschismusvorwurf zu versteigen zeugt von ziemlicher Hirnlosigkeit. Die Fouls an Schweinsteiger rechtfertigten im Nachhinein auch seine Argumentation überzeugend.

Triple_Trouble
03

Ich fand die Äußerungen von Schweinsteiger auch unnötig aber letztlich hat sich das Klischee doch über 90 Minuten voll bestätigt.

Der Schiri war bis zum 3:0 doch wirklich ständig dem argentinischen Gemecker ausgesetzt und hat sich das auch noch so lange gefallen lassen.

Jeder Pfiff - egal wie unwichtig und egal wie berechtigt wird da gestenreich verflucht und herablassend quittiert.

Es war mir eine Freude zuzusehen wie die argentinischen Heulsusen anschließend unter die Räder kamen ! Ein Fest!

Harlan Eiffler
02

intensiverer Nationalstolz? Meine Schwester wurde 2006 in Frankreich am Tag des Finales bespuckt, weil sie ein Italien-T-Shirt trug.

Den Deutschen kann man viel vorwerfen, aber schärferen Nationalstolz als in anderen Nationen... Sicher nicht.

Für sie ist wohl nur wahr, was im Fernsehen läuft.

Poldi Fesch
02
nicht einmal was

in der glotze laeuft, da koennte er keinen Unterschied erkennen, sondern was er sich vorsagt. Dasz genau DIES faschistisch u. rassistisch ist, geht ihm nicht auf

Olivier Merle
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HOLLLLLLAND!

santiago69
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wir freuen uns...

...schon auf Mittwoch. hoffe auf das beste spiel der WM! und auf spanisch/katalanische renaixença :-)...der barça-akzent wird ja stärker werden. A por ellos!

gnu1
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Blabla in Reinform,

halte den Aussagewert für nahe bei Null, aber es war sehr schön zu lesen :-) (nicht ironisch gemeint)

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