Deutschland hat im Viertelfinale gegen Argentinien gezeigt, dass es dabei ist, der Fußballwelt einen neuen Akzent zu geben. Der wird deutsch sein. Auch wenn Holland klarerweise das Finale gewinnen muss
Kapstadt - Es gibt Augenblicke, da erlebt ein ballesterischer Beobachter in statu nascendi das Heranreifen eines neuen Stils oder - neutraler - einer neuen Dominanz. So was kündigt sich an, klar. Jeder Geburt gehen Wehen voran, für jede werdende Mutter - so erzählen es gewordene Mütter - gibt es Augenblicke des Zweifelns, ja Verzweifelns. Momente, in denen die Schaffbarkeit der Aufgabe auf dem Prüfstand steht. Diese freilich werden stets überstrahlt von der Unausweichlichkeit: Es geht einfach nicht mehr anders. Wenn eine Geburt einmal in Gang gekommen ist, dann gibt sie ihren Rhythmus vor.
Als ein Bild, als eine Verstehenshilfe, darf man das durchaus auf den WM-Auftritt der deutschen Nationalmannschaft übertragen. Was die Welt da in Südafrika beobachten durfte, war - völlig unabhängig vom endgültigen Ausgang des Turniers - die Geburt einer Fußball-Weise, welche die nächsten Jahre dominieren wird.
Die Gewissheit einer Mutter
Ja ja: Da ist von Deutschland die Rede. Es hätte da des Viertelfinales gegen (eigentlich: über) Argentinien nicht bedurft. Aber das überwältigende, sozusagen den Gegner nicht einmal ignorierende, in keiner Minute der Begegnung in Zweifel gestandende 4:0 war jene Gewissheit, welche die werdende Mutter hat. Die verwechselt die ersten, leisen Wehen ja auch nur in jenen Ausnahmesituationen mit "Bauchweh", von denen man dann in der Zeitung liest.
Noch ist, klar, Joachim Löws Kind nicht auf der Welt. Aber es presst zum Herzzerreißen. Wer in den K.-o.-Partien England und Argentinien jeweils vier Tore macht, steckt so unüberseh- und hörbar im Geburtskanal, dass die Mutter sich längst schon in die Unausweichlichkeit geschickt hat. Und der Vater vor der von den Frauen stets unterschätzten Alternative "Mitatmen" oder "Umfallen" steht.
Beide Möglichkeiten ändern an der Tatsache gar nichts. Das Kind wird jetzt und jetzt da sein. Und es wird, so wie's ausschaut, ein ganz normales Kind sein. Gewiss kein Wunderkind, dessen Name dann, sagen wir: Tiqui-taca sein könnte.
Tödliche Unberechenbarkeit
In so mancher Expertenrunde ging die Rede von der asymmetrischen Revolution: dass manche Teams eine ihrer Seiten deutlich überbetonen und so ein gewisses Übergewicht im Anbohren des Gegners erlangen. Die Deutschen haben ihre WM dagegen sehr klassisch angelegt. Keine Mannschaft dieses Turniers hat ihren Akzent so deutlich auf ihre beiden Flügel gelegt. Da aber die wahre Initialstärke dieser Mannschaft im Zentrum liegt - voran Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil -, ist jede deutsche Offensivattacke von tödlicher Unberechenbarkeit begleitet.
Kein Team dieser Welt darf, wenn Schweinsteiger, Özil oder auch Sami Khedira den Ball haben, vorzeitig ihre Aufmerksamkeit gewichten.
Lukas Podolski und Thomas Müller haben gewissermaßen ein nach oben offenes Beschäftigungspotenzial. So was schafft Räume, gerade für die Außenverteidiger, von denen man in Österreich zuletzt gehört hat, sie seien eigentlich unnötig.
Das 4:0 über Argentinien - dem bloß noch die finale Demütigung eines "Ehrentreffers" gefehlt hat - macht das Team klarerweise zum heißen Titel-Tipp. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Gegen Spanien - so weit zum deutschen Losglück: England, Argentinien, Spanien - sollte es aus Gründen der Balance noch reichen.
Zeit für Gerechtigkeit
Die Spanier haben ihre ballesterische Spur schon hinterlassen. Jetzt wäre es an der Zeit, der Fußballgeschichte zurückzugeben, was ihr gebührt. Das deutsche Kind ist sowieso nicht mehr aufzuhalten. Es ginge darum, es auch unter den sehnsüchtigen, erwartungsvollen Augen aller Welt aus der Taufe zu heben. Und unter diesen - ja, mythischen Aspekten - müsste die Geschichte folgenden Verlauf nehmen.
Deutschland schägt am Mittwoch Spanien. Die Niederlande haben tags zuvor schon Uruguay nach Hause geschickt. Am Sonntag kommt es dann zum schönst denkbaren High Noon. Deutschland - Niederlande. Und Holland gewinnt. Als sichtbar schlechtere Mannschaft. 1974 haben die Deutschen ihren zweiten WM-Titel geholt. Die Holländer haben der Welt dafür den "totaal voetball" geschenkt. Diesmal wird es umgekehrt sein müssen. So gerecht geht es im Fußball schon zu. Und ein Wort dafür wird man finden. (Wolfgang Weisgram, Der Standard Printausgabe, 05.07.2010)