Die Lieblingsbücher der Politiker

4. Juli 2010, 18:00

Hat den FPÖ-Chef der Wehrsport im heimatlichen Walde geistig so erregt, dass er Jüngers Widerstandsroman ins literarische Licht gerückt hat?

Der kleine Prinz, das erfolgreiche Büchlein von Antoine de Saint-Exupéry, feiert heuer seinen sechzigsten Geburtstag. Wenn die Verkäufe stagnieren, sorgen meist Politiker für eine Steigerung des Umsatzes. Wie jetzt wieder der neue deutsche Bundespräsident.

Journalisten haben immer wieder behauptet, Der kleine Prinz werde deshalb häufig genannt, weil er sich so gut in das Bild eines "netten Emigranten" füge, der noch dazu "Menschenversteher" und Gefühlsmensch sei.

Hat ihn Christian Wulff deshalb genannt? Der kleine Prinz ist so entrückt, dass man mit ihm keine politische Stellungnahme verbindet. Man müsse nicht sagen, "mit welchem Kopf man denkt", meinte ein deutscher Journalist. Er eigne sich perfekt für die symbolische Darstellung überparteilicher Rollen.

Wer Antoine de Saint-Exupéry eigentlich war, wurde selten gefragt - vielleicht, weil sein Tod 1944 im abgestürzten Flugzeug lange ein Rätsel blieb.

Seit 2008 ist es gelöst. Horst Rippert, ein deutscher Pilot, hat den im Dienste der Résistance und des CIA fliegenden französischen Aufklärer abgeschossen. Das Buch von Hermann Laage und Norbert Rödel erscheint im Herbst unter dem Titel Operation Noyade im Verlag Karl Rauch. Ob die Fans unter den Politikern (zu denen übrigens auch Wolfgang Schüssel zählt) auch dieses Buch lesen werden?

Denn jetzt könnte sich über die Informationen zu Saint-Exupérys Geheimdiensttätigkeit das Bild des Prinzen, der es dem König manchmal auch hineinsagt ("Wo sind deine Untertanen?") verdüstern - und zu weniger oder gar keinen Nennungen führen.

Außer die Pressereferenten der befragten Politiker ("Wie heißt Ihr Lieblingsbuch") kriegen die jüngsten Recherchen nicht mit - und das Publikum auch nicht.

Der kleine Prinz hat seine oftmalige Nennung hauptsächlich seiner Verankerung im Lesegut der Gebildeten zu verdanken. Genauso wie Tolkiens Herr der Ringe, den Grünen-Chefin Eva Glawischnig als ihre Lieblingsliteratur nennt.

Dass das von Joachim Gauck, dem unterlegenen deutschen Präsidentschaftskandidaten, genannte Buch, Bohumil Hrabals Ich habe den englischen König bedient (ein Pikkolo steigt zum Hotelbesitzer und Millionär auf) keinem Berater eingefallen sein dürfte, scheint klar. Ebenso wie die Nennung der Sonnenfinsternis von Arthur Köstler (über die Schauprozesse der Stalin-Zeit) durch Bundespräsident Heinz Fischer.

Nicht ohne ist die Komposition der Lieblingsbücher des Heinz-Christian Strache, denn die Wahl des Werkes Waldgang von Ernst Jünger im Jahre 2005, dem 2007 Der Waldläufer von Karl May folgte, zeigt eine verblüffende Bandbreite der Leseinteressen. Hat den FPÖ-Chef der Wehrsport im heimatlichen Walde geistig so erregt, dass er Jüngers Widerstandsroman gegen eine technisierte Welt ins literarische Licht gerückt hat? Und ist ihm zwei Jahre später die einfache Welt des Karl May wieder zum Vorbild erwachsen?

Leider gibt es den "kleinen Prinzen" im großen Wald noch nicht. Die Politikberater haben es halt nicht leicht. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2010)

Kommentar posten
21 Postings
Martina Paul
00
Erscheinungsjahr

Die 60 Jahre beziehen sich auf die deutschsprachige Erstauflage im Jahr 1950 (ich glaube, dtv); das französische Original erschien 1943

Liebe Grüße an die Korrekten
mp

carbonara
01
Lieblingsbücher...

Abzocken - aber richtig.
Skrupellosigkeit für Fortgeschrittene.
Rückgrat - brauche ich nicht.
Ohne die Partei bin ich ein Nichts.
Steuerparadiese von A-Z.
Schmiergelder verstecken - leicht gemacht.
Freunderlwirtschaft - Band I
Retorik Bd.II: Steuererhöhungen schmackhaft dargestellt.
Pensionsparadies Österreich.
Frührente für Abzocker.
Nie mehr arbeiten.

erwin 222
01
Wann lesen denn Politiker?

Ich dachte immer, die kriegen so viel Geld, weil sie einen Rund-um-die-Uhr-Job haben!

Korsar
00
Für wen

hätte denn SaintEx. Aufklärungsflüge machen sollen ?Für Kampfaufträge war er zu invalid (er konnte die Haube der P38 nicht mehr öffnen und auch seine Flugdress nicht mehr allein anziehen ...aber seinen Beitrag zur Befreiung Frankreichs "Europas"durch diese Flüge leisten.

Plaats van Samenkomst
22
Ich empfehle Herrn Sperl das Buch

"Geschmackvolle Kleidung für den Mitteleuropäischen Mann". Er kann es brauchen!

1116er
41
"welches buch lesen sie gerade, was ist ihr lieblingsbuch?"

diese frage gehört zu den unnötigsten, die von der journaille im auftrag der an nebensächlichkeiten interessierten öffentlichkeit gestellt werden kann.

mich jedenfalls interessiert es nicht die bohne, ob sich ein politiker den kleinen prinzen oder die kleine prinzessin reinzieht (in buchform natürlich)!

glorious basterd
00
also irgendwie

stimmt das mit dem 60 geburtstag nicht ganz - 1950 erschien meines wissen die erste deutschsprachige ausgabe, entstanden ist das buch ja schon viel früher.......

spoiled ballot
05
straches waldgang und die begegnung mit dem wolf:

http://www.youtube.com/watch?v=t5O3nwg9gXk

lessismore
00
OSS.

Die CIA gab es damals noch nicht.

Außerirdischer
00
Vom Ernst Jünger ist auch ''In Stahlgewittern'', recht einschlägige Lektüre!

http://de.wikipedia.org/wiki/Erns... %C3%BCnger

afrayspeed
00

echt?

Franz Klug
00
Und nach dem Soldat kommt der Anarch und schreibt bleibende Sätze:

"Der Grund ist nur die Haut über dem Grundlosen." (Eumeswil) Jüngers bestes Buch!

Karl Heiden
01

Die Politiker sollten sich diesbezüglich vom Buchhändler Franz Klug fachkundig beraten lassen: Vielleicht kann er sogar Erwin Pröll noch ein Zweitbuch empfehlen ...

Alfred.E.Neumann
04

Ja, aber Jünger war kein Nazi, genausowenig wie Benn, das greift zu kurz.

moroser poster
21
nein, Ernst Jünger war

ein übler Proto-Nazi, dem die eigentlichen Nazis dann nicht elitär genug waren. Der hatte seinen gsnz eigenen Faschismus, den er auch bis ins hohe Alter sorgsam gepflegt hat. Vergleichen Sie diesen Untoten nicht mit dem Benn, das greift bei weitem zu kurz.

Alfred.E.Neumann
00

Benn hatte leider auch seinen eigenen FAschismus, Genie hin oder her, Jünger ist als Dichter uninteressant.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
35
Alles in allem sind das Lektüren

die dafür sorgen, daß dumbfucks und asshats auch dumbfucks und asshats bleiben.

Kein Wunder, daß nur Geröll aus Politikern kommt, sobald sie den Mund aufmachen.

G. Lavant
00
Verstehe ich nicht!

Warum ist von keinem Politiker als Lieblingslektüre das jeweilige Parteiprogramm gennat worden?

Karl Heiden
00
Das kennen die doch gar nicht!

Außerdem ist es sowieso Makulatur.

systemfehler1
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Der "Schatz im Silbersee" als Lieblingsbuch

von Erwin dem Großen und "Die Bibel" als das von Christopf dem Heiligen fügen sich nahtlos an Straches Lektüre.

Herr J.K.
31

An Ihnen ist ein Literaturpapst verloren gegangen.

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