Hat den FPÖ-Chef der Wehrsport im heimatlichen Walde geistig so erregt, dass er Jüngers Widerstandsroman ins literarische Licht gerückt hat?
Der kleine Prinz, das erfolgreiche Büchlein von Antoine de Saint-Exupéry, feiert heuer seinen sechzigsten Geburtstag. Wenn die Verkäufe stagnieren, sorgen meist Politiker für eine Steigerung des Umsatzes. Wie jetzt wieder der neue deutsche Bundespräsident.
Journalisten haben immer wieder behauptet, Der kleine Prinz werde deshalb häufig genannt, weil er sich so gut in das Bild eines "netten Emigranten" füge, der noch dazu "Menschenversteher" und Gefühlsmensch sei.
Hat ihn Christian Wulff deshalb genannt? Der kleine Prinz ist so entrückt, dass man mit ihm keine politische Stellungnahme verbindet. Man müsse nicht sagen, "mit welchem Kopf man denkt", meinte ein deutscher Journalist. Er eigne sich perfekt für die symbolische Darstellung überparteilicher Rollen.
Wer Antoine de Saint-Exupéry eigentlich war, wurde selten gefragt - vielleicht, weil sein Tod 1944 im abgestürzten Flugzeug lange ein Rätsel blieb.
Seit 2008 ist es gelöst. Horst Rippert, ein deutscher Pilot, hat den im Dienste der Résistance und des CIA fliegenden französischen Aufklärer abgeschossen. Das Buch von Hermann Laage und Norbert Rödel erscheint im Herbst unter dem Titel Operation Noyade im Verlag Karl Rauch. Ob die Fans unter den Politikern (zu denen übrigens auch Wolfgang Schüssel zählt) auch dieses Buch lesen werden?
Denn jetzt könnte sich über die Informationen zu Saint-Exupérys Geheimdiensttätigkeit das Bild des Prinzen, der es dem König manchmal auch hineinsagt ("Wo sind deine Untertanen?") verdüstern - und zu weniger oder gar keinen Nennungen führen.
Außer die Pressereferenten der befragten Politiker ("Wie heißt Ihr Lieblingsbuch") kriegen die jüngsten Recherchen nicht mit - und das Publikum auch nicht.
Der kleine Prinz hat seine oftmalige Nennung hauptsächlich seiner Verankerung im Lesegut der Gebildeten zu verdanken. Genauso wie Tolkiens Herr der Ringe, den Grünen-Chefin Eva Glawischnig als ihre Lieblingsliteratur nennt.
Dass das von Joachim Gauck, dem unterlegenen deutschen Präsidentschaftskandidaten, genannte Buch, Bohumil Hrabals Ich habe den englischen König bedient (ein Pikkolo steigt zum Hotelbesitzer und Millionär auf) keinem Berater eingefallen sein dürfte, scheint klar. Ebenso wie die Nennung der Sonnenfinsternis von Arthur Köstler (über die Schauprozesse der Stalin-Zeit) durch Bundespräsident Heinz Fischer.
Nicht ohne ist die Komposition der Lieblingsbücher des Heinz-Christian Strache, denn die Wahl des Werkes Waldgang von Ernst Jünger im Jahre 2005, dem 2007 Der Waldläufer von Karl May folgte, zeigt eine verblüffende Bandbreite der Leseinteressen. Hat den FPÖ-Chef der Wehrsport im heimatlichen Walde geistig so erregt, dass er Jüngers Widerstandsroman gegen eine technisierte Welt ins literarische Licht gerückt hat? Und ist ihm zwei Jahre später die einfache Welt des Karl May wieder zum Vorbild erwachsen?
Leider gibt es den "kleinen Prinzen" im großen Wald noch nicht. Die Politikberater haben es halt nicht leicht. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2010)