Lobbyismus

Zunehmender Einfluss der Einflüsterer

Johanna Ruzicka, 4. Juli 2010, 16:58
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    foto: centfox

    Im Film "Thank You For Smoking" von 2006 gehört der Schauspieler Aaron Eckhart zur Elite der Washingtoner Lobbyisten. Er vertritt die Tabakhersteller. Seine Freunde vertreten die Interessen von Schusswaffenherstellern und Alkoholproduzenten.

Das lange Warten auf strengere Finanzmarktregeln ist auch auf den massiven Druck von Lobbyisten zurückzuführen. Weil deren Macht zunimmt, wird auf Lobbying-Regeln gepocht

Das lange Warten auf strengere Finanzmarktregeln ist auch auf den massiven Druck von Lobbyisten zurückzuführen. Weil deren Macht zunimmt, wird auf Lobbying-Regeln gepocht.

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Kürzlich war die Übermacht der Finanzlobby selbst den EU-Abgeordneten zu viel: "Wir, die für die Regulierung der Finanzmärkte und des Bankgewerbes zuständigen europäischen Abgeordneten, stehen täglich unter dem Druck des Finanz- und Banksektors", hieß es in einem Aufruf, den mehrere Fraktionen gemeinsam trugen. Dies sei zwar grundsätzlich in Ordnung, aber "der Mangel an Gegenexpertise erscheint uns eine Gefahr für die Demokratie."

Wenn es um die verschwiegene Branche der professionellen Lobbyisten geht, ist in der EU vieles im Argen. Zwar gibt es seit 2008 eine Datenbank für Lobbyisten. Dieses Register ist jedoch im Gegensatz zu seinem Pendant in den USA freiwillig - und ausgesprochen lückenhaft, sobald es um die konkreten Aufträge geht. Auch dürften die meisten Lobbyisten darin erst gar nicht aufscheinen: Mit Stand 4. Juli sind 2833 Interessenvertreter registriert; geschätzt wird aber, dass mindestens 15.000 Lobbyisten und 1500 Lobbyingorganisationen in Brüssel werken. Untersuchungen gehen davon aus, dass PR-Unternehmen und Anwaltskanzleien ein Viertel dieser Lobbygruppen darstellen; der Rest sind internationale Organisationen, Handelskammern, politische Parteien und Non-Profit-Organisationen.

Häufig ist es die fehlende Gegenexpertise, die den Lobbyismus so problematisch macht, erklärte die SPÖ-EU-Abgeordnete Evelyn Regner kürzlich in einem Interview mit derStandard.at. Also: Während eine Heerschar von hervorragend vorbereiteten und ausgezeichnet dotierten Finanzmarkt-Lobbyisten die Brüsseler Institutionen aufrollen, bleiben die Interessen der Steuerzahler und kleinen Aktien- und Fondsbesitzer auf der Strecke. Lediglich 50 Organisationen befassen sich mit Arbeitnehmerschutz und Konsumenteninteressen, hielt die Arbeiterkammer kürzlich fest. Auch Umweltschutz hat keine finanziell potente Lobby.

Beispiel

Ein Beispiel: Die von Verbraucherschützern und Ärzteverbänden lange geforderte Ampel-Kennzeichnung bei Lebensmittel wurde dieses Frühjahr im EU-Parlament abgeschmettert. Dabei hätte diese einfache Rot/Gelb/Grün-Kennzeichnung auf einen Blick gezeigt, wie gesund oder eben nicht ein Lebensmittel ist. Da dies aber gegen die Interessen der wachsenden Snack- und Fertiggerichte-Industrie gewesen war, hatte im Vorfeld zur Abstimmung eine "Lobby-Schlacht sondergleichen" stattgefunden, wie der schwedische grüne Abgeordnete Carl Schlyter in einem Interview erklärte. Der Interessenverband der EU-Lebensmittelindustrie (CIAA) habe eine Milliarde Euro ausgegeben, um die Lebensmittelampel zu verhindern - mit Erfolg.

Doch auch kritisch eingestellten Personen ist klar, dass Lobbying nicht per se schlecht ist und sich auch nicht verbieten lässt. In einer komplizierten, komplexen Welt ist es eine effiziente Methode, mit der Einfluss auf jene Personen genommen werden kann, die die Gesetze machen.

Keine Regeln in Österreich

Allerdings ist das Fehlen von bindenden Regeln bei dieser Einflussnahme ein Manko, wird schön langsam auch den Vertretern von PR- und Lobbyingagenturen in Österreich klar. Hierzulande gibt es abseits von wohlklingenden Ethik-Statements überhaupt nichts. Zusammen mit den bekannt gewordenen Fällen von überschießender Einflussnahme, die teilweise auch strafrechtlich bedenklich sind (Beispiel: Buwog), begründet es den schlechter werdenen Ruf der Branche. "Wir können uns dagegen nur zur Wehr setzen, indem wir die Geschäfte bewusst transparent abwickeln", sagt der Ex-VP-Landeshauptmann von Kärnten, Christof Zernatto von der Agentur Grayling (vormals Trimedia). "Bei jedem Kontakt, den wir haben, nennen wir den Auftraggeber und das Ziel der Aktivitäten."

Solche Offenheit ist in Österreich, wo Diskretion als Kernvoraussetzung fürs Geschäftemachen angesehen wird, als wichtiger Schritt zu werten. Auch bei dem 2008 gegründeten Ethikrat für Public Relations weiß man, dass das öffentliche Rügen von Verfehlungen, etwa im Medien-Bereich, den Gerügten ausgesprochen unangenehm ist.

Beobachter meinen, dass Lobbying in Österreich zunehmen wird. Das Interesse daran, schon im Vorfeld eines Gesetzes mitzureden, wachse. Damit allerdings bestünde Handlungsbedarf. So sollte etwa die Akkreditierung von Lobbyisten im Parlament, ähnlich wie bei Journalisten, geregelt werden. Mit einer solchen Zulassung sollte es möglich werden, dass sich Lobbyisten nicht überall, aber in definierten Räumen des Hohen Hauses aufhalten. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2010)

Kommentar posten
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Naseweiss1
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Wer gut schmiert - der fährt auch gut!

War schon immer so!
Kontakte schaden nur denjenigen, der keine hat!!

net-diver
 
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Jede...

... einzelne Firma hat Lobbyisten. Nur nennt man diese im Allgemeinen Vertrieb, Verkauf etc. Auch hier ist Bestechung natürlich verboten. Wer aber öfter, und das gut, mit dem Kunden spricht, bleibt im Gedächtnis und wird auch mehr verkaufen. So einfach ist das. Es beginnt bei uns am Stammtisch und endet in Brüssel bei den Politikern. Und sobald sich die europ. Lobbyisten einer Regelung wie in den USA unterwerfen ist das Thema schon wieder gelöst.

pepitant
00
16.7.2010, 14:32
Aber der Kunde in der Privatindustrie

entscheidet nicht über mein Leben, der durch mich gewählte Politiker stimmt aber über Gesetze ab, die mich betreffen. Eine Regelung wie in den USA macht zwar transparenter wer wofür steht, eine Lösung für das Problem bitet das aber nicht. Sonst hätten die Lobbies dieses Gesetz nicht durchgelassen, und die Macht zum Verhindern haben sie drüben lockerer als hier.
Eine Anmerkung noch: Wenn es so ist, dass Kontakte dem schaden, der sie nicht hat - dem ist m. E. voll zuzustimmen - dann schadet Lobbying dem Wähler und damit der Demokratie. Damit ist es per se schlecht und es könnte sehr wohl unterbunden werden, wäre der Wähler durch die abhängigen Massenmedien nicht so sehr mit Angst vor dem Verlassen vertrauter politischer Wege infiziert.

net-diver
 
00
21.7.2010, 09:47
Hmm...

.... die Frage ist dann nur wie denn das funktionieren soll. Ein Beispiel: Ich bin österr. Unternehmer und Privatperson. Bei Gesprächen mit Lokalpolitikern oder auch mit dem LH darf ich dann nur meine privaten Anliegen vorbringen (legitim und gewollt) oder auch die meiner Firma (böse) im Zusammenhang mit lokalen Arbeitsplätzen (gut?). Und wer unterschiedet dann? Ein neutraler Zuhörer?

Sepp Mösenlechner
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schön, jemand hier zu haben, der weiß, wos langgeht.

ProEvo84
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Was ist der Unterschied zwischen Lobbying
und Bestechung?

Brunnerer
00
wenn ich bei der Firma x arbeite,

ist es dann erlaubt, dass mein persönliches Interesse auch darin besteht, dass diese Firma erfolgreich ist?

Oder ist mein Interesse dann "Korruption", und nur Ihr Interesse ist legitim, weil Sie zufällig nicht arbeiten?

ProEvo84
00

Solange Sie nur auf andere Firmen Einfluss nehmen
und nicht auf Politiker ist alles in Ordnung.

Brunnerer
00

Wieso dürfen Sie auf Politiker Einfluß nehmen, und Ihre Lebensinteressen bei Ihren Volksvertretern deponieren...

... jemand der bei einer Firma arbeitet, und daher vielleicht andere Interessen als Sie hat, darf das aber nicht?


Sind Politiker nur da um Schüler, Studenten und Beamte zu vertreten?
Und sobald jemand in der Privatwirtschaft arbeitet, sind dessen Intressen NICHT mehr Bürgerinteressen, und dürfen auf keinerlei Gehör stoßen???

ProEvo84
02

Ein österreichischer Politiker hat das österreichische Volk zu vertreten.
Dazu gehören natürlich auch österreichische Unternehmen, jedoch keine internationalen Großkonzerne.
Ein österreichischer Politiker hat einfach nicht das Recht dazu sich von irgendwelchen Pharmariesen, Banken, Versicherungen, etc. beeinflussen zu lassen und dann bei Abstimmungen Entscheidungen zu treffen die für den normalen Bürger von Nachteil jedoch für eine bestimmte Branche von Vorteil ist.

Brunnerer
00
aha

Also wenn ich z.B. bei Sandoz arbeite bin ich rechtlos, und meine Interessen dürfen nicht vertreten werden.

Interessante Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaat...
... ich befürchte, die teile ich nicht

ProEvo84
00

Sie gneissens echt nicht oder?

Ihre Interessen als österreichischer Bürger können
nicht die gleichen sein wie die der Firma für die sie
arbeiten (mal davon abgesehen dass es gut für
sie ist wenn die Firma nicht in Konkurs geht in Bezug
auf einen sicheren Arbeitsplatz).

Und da sie eben österreichischer Staatsbürger sind
haben sie auch das Recht, dass für Politiker Ihre Bedürfnisse wichtiger sind als die Bedürfnisse von Sandoz.

Grabschänder Georg
00
"Ihre Interessen als österreichischer Bürger können


Aha.

Und warum nicht bitte?



Wenn Sie bei Procter & Gamble arbeiten, sind Ihre Interessen die selben wie die von Procter & Gamble.

Wie kommens darauf, daß das nicht sein kann oder so????

Brunnerer
00
sind Sie sicher, dass ich etwas nicht gneisse?


Sie unterstellen einen natürlichen Interessenskonflikt zwischen "ausländischen" Firmen und österreichischen Bürgern.

Worin sollte der bestehen?


Ich habe den dringenden Verdacht, Sie sind Student oder Schüler (was ja nicht schlimm ist), arbeiten halt nicht, und stellen sich das deshalb so vor.

Sorry, ich arbeite bei einer internationalen Firma (nicht bei der, die ich als Beispiel genannt habe), und mein Interesse ist, dass der Gesetzgeber UNSERE Interessen mitberücksichtigt.

Weil Gesetze, die meinem Arbeitgeber schaden, auch mir schaden.

ProEvo84
01

Ok das mit dem "gneissen" war nicht so gemeint -
ich nehm mir ja nicht heraus Ihre Interessen besser
zu kennen als Sie.
Nur noch mal zur Klarstellung dessen was ich die
ganze Zeit gemeint habe:
Ich arbeite für einen Versicherungskonzern und bitte
glauben Sie mir das - es ist weder für Sie noch für
mich noch für einen anderen "normalen" Versicherungsnehmer von Vorteil, wenn die Konzernleitung über Lobbyisten die Gesetzeslage
(VersVG, etc.) maßgeblich beeinflussen könnte.

Brunnerer
00

gibts auch noch eine Begründung, warum Sie kein Interesse daran habe, dass die Gesetze in Ihrem Interesse sind?

ProEvo84
01

Wenn die Versicherungsgesellschaft versucht Vertragskündigungen zu erschweren, gesetzliche
Beschränkungen bei der Rückforderung von Laufzeitrabatten aufzuheben, etc. dann wirkt sich
das ja auch auf meine eigenen Verträge und auf
meine Rechte als Konsument negativ aus. Und hier
trennen sich eben die Interessen von Firma und
Angestellten.

Brunnerer
00

aaah, und Ihren Arbeitsplatz habens ja sowieso, und ihr Einkommen steht auch in keinerlei Zusammenhang mit dem Erfolg Ihres Arbeitgebers...


Alles klar, danke für die Info :))

ProEvo84
00

Da die Diskussion wohl einen toten Punkt erreicht hat
schlage ich vor wir brechen sie im Guten ab.

Zum Abschluss noch ein schönes Zitat:

"Verfallen wir nicht in den Fehler, bei jedem Andersmeinenden entweder an
seinem Verstand oder an seinem guten Willen zu zweifeln."

Otto von Bismarck

ProEvo84
00

Siehe das Posting von hlg:
"die gesetze...
halten aber länger als ihr arbeitsverhältnis..."

In unseren schnelllebigen Zeit heissts ja im Dienstvertrag nicht mehr "bis dass der Tod uns scheidet" ;)

hlg
01
die gesetze...

halten aber länger als ihr arbeitsverhältnis.

denn wenn ihre shareholder einen finanziellen vorteil darin sehen sind sie ex-mitarbeiter.

man könnte sogar sagen, daß sie nur deshalb noch bei ihrem konzern anstelle eines inders arbeiten, weil ihr konzern sonst sanktionen befürchten müsste und so über sie als wähler zusätzlichen einfluß zum lobbying ausüben muss...

defecit spending sozusagen

net-diver
 
00
Wenn...

... es aber meine Firma oder irgendeine andere österr. Firma ist darf ich schon, oder?

Eben, und da haben wir wieder das Problem. Lobbying ist normal, uralt, hat mit Bestechung nichts zu tun, nur mit lästig sein, laufendem argumentieren etc. Vertrieb eben und nichts Neues.

Brunnerer
00
100%ige Zustimmung!

Helmut Schiestl
01
Lobbying gehört verboten

Lobbying gehört verboten, da die gewählten Abgeordneten natürlich niemandem anderen als dem Wähler / der Wählerin verantwortlich sind. Alles andere ist undemokratisch. Seltsam, dass so etwas nicht bis in die Redaktionsstube des Standard durchgedrungen ist. Zumindest weiß ich jetzt, warum ich der letzten EU-Wahl ferngeblieben bin

Grabschänder Georg
00
und was machma,

wenn ein Lobbyist auch ein Wähler ist?

Oder wenn ein Kaufmann ein Wähler ist, gerne seinen Laden am Sonntag aufsperren würde, und das seinem Volksvertreter mitteilt?

Oder wenn sie Student sind, und gegen den Bologna Prozess sind.

Ist Ihnen klar, daß es Lobbying ist, wenn die ÖH das dem Unterrichtsminister sagt?

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