Die argentinischen Superstars Messi und Maradona sind nach Debakel gegen Schland am Boden zerstört. Der Weltfußballer hat weitere WM-Chancen - Maradona eher nicht
Kapstadt - 30 Schüsse, vier Assists, Dribblings, die zur brotlosen Kunst gerieten, null Tore. Das ist die karge WM-Bilanz von Lionel Messi, der ausgezogen war, WM-Held in Südafrika zu werden. Der 23-Jährige, der heuer in 35 Meisterschaftsspielen 34 Tore für den FC Barcelona geschossen hatte und zum Weltfußballer gewählt worden war, scheiterte in Südafrika geradezu dramatisch. Wie auch sein Trainer, Argentiniens Teamchef Diego Maradona, der 1986 zum WM-Triumph der Albiceleste der überragende Kicker gewesen war, fünf Tore und fünf Assist geliefert hatte.
Während die Tage Maradonas als Teamchef nach dem 0:4 gegen Deutschland wohl gezählt sind, hat Messi die Chance auf mindestens zwei weitere Weltmeisterschaften. Doch diese Aussicht tröstete ihn auch nicht über die höchste WM-Niederlage der Argentinier seit einem 0:4 gegen die Niederlande bei der WM 1974 in Deutschland hinweg.
Wie ein Häufchen Elend saß Messi in der Kabine, er weinte hemmungslos, war von niemandem zu trösten. Wortlos und blass schlich er eineinhalb Stunden nach Spielende aus dem Green Point Stadion. Messi, der Gedemütigte, verabschiedete sich von der großen Fußball-Bühne durch den Hinterausgang.
Das Urteil der heimischen Presse war vernichtend: "Alle Verantwortung fiel auf Messi, und Messi ist nicht Maradona", schrieb Clarín. Maradona nahm "El Pulga", den Floh, in Schutz. "Messi hat eine große WM gespielt. Ich habe ihn in der Kabine weinen sehen, das war sehr hart. Wer sagt, dass Leo die argentinischen Farben nicht würdig vertreten hat, ist ein Idiot", sagte er.
Schweres Leben, kein Plan
Auch die wenigen Mitspieler Messis, die sich den kritischen Fragen der Reporter stellten, verteidigten den von einer Erkältung etwas geschwächten Star. "Es ist nicht die Schuld von Messi. Er ist ein Klassespieler, aber die Deutschen haben es ihm eben sehr schwer gemacht", meinte Carlos Tévez. Messi, hatten die Experten gesagt, müsse sich den Goldenen Ball für den besten Fußballer der WM nur noch abholen. Doch wenn nicht er, wer trägt dann die Schuld daran, dass es nicht so weit kam? Clarín wies sie indirekt Maradona zu: "Die Fähigkeiten des weltbesten Spielers wurden nicht ausgenutzt."
So sah es sogar der Gegner. "Man hat auch in diesem Spiel gesehen, dass Messi sehr, sehr viel Qualität hat. Aber er braucht auch eine Mannschaft um sich herum", kommentierte der deutsche Kapitän Philipp Lahm, "und diese Mannschaft war heute nicht gut eingestellt." Der Albiceleste fehlte jeder Plan. Ein Versäumnis von Trainer Maradona.
Die große Karriere Maradonas schien Messi schon öfters zu belasten. Er wollte alles so machen wie er. Tatsächlich: Messi erzielte ein Hands-Tor, ähnlich dem Maradonas 1986 gegen England, und er kopierte dessen Tor des Jahrhunderts aus dem gleichen Spiel - beides in ein und derselben Partie. Freilich nicht in einem WM-Spiel, sondern in einem Cupspiel Barcelonas gegen Getafe.
Nun sollte er es Maradona wieder gleichtun, eine WM quasi im Alleingang gewinnen. Und wieder stand ihm "El Dieguito" im Weg. "Wenn man ein ganz großer Spieler werden will, muss man einmal die WM gewinnen", hatte Messi dieser Tage erzählt.
"Eine solche Traurigkeit habe ich nur an dem Tag empfunden, an dem ich mit dem Fußball aufhörte", gestand Maradona. "Es war ein Schlag wie von Muhammad Ali. Das ist die härteste Niederlage meines Lebens." Und er nahm seinen Abgang vorweg: "Ich habe keine Energie mehr." (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 5. Juli 2010, sid, bez)