Kroatien rätselt noch immer über die wahren Gründe des Rücktritts des ehemaligen Regierungschefs
Zagreb - Ein Jahr ist es her, dass Ivo Sanader Kroatiens
Premiers-Sessel verlassen hat. Innerhalb kürzester Zeit wurde der
langjährige HDZ-Politiker vom Helden der
Nation zum Buhmann - und zuletzt wegen eines gescheiterten Versuchs, die Macht
wiederzuerlangen, aus seiner Partei (Kroatische Demokratische
Gemeinschaft, HDZ) ausgeschlossen. Warum er so plötzlich gegangen ist,
darüber rätselt die Öffentlichkeit noch
immer. Mit seiner Erklärung,
die er am 1. Juli 2009 abgab, wollte
sich niemand zufriedengeben.
Er sei gegangen, weil er Kroatiens Beitritt zur Europäischen
Union
nicht im Weg stehen wollte. Er war verärgert, weil die EU es
zugelassen hat, dass Slowenien wegen der
Grenzfrage die
Beitrittsverhandlungen blockierte lautete die
offizielle Version.
Eine Zeit lang wurde dies als große, staatsmännische Geste gesehen.
Die Spekulationen, ob er wegen
seines Gesundheitszustands (er
dementierte), seiner Familie, oder des Stillstands in der
Regierungsarbeit seinen Rücktritt angetreten hat, begannen, und
verstummten bis heute nicht. Es wurde sogar behauptet, dass die
deutsche Kanzlerin Angela Merkel ausschlaggebend für Sanaders
Rücktritt war.
Angebliche Provisionszahlungen an Sanader von Hypo Alpe Adria
Sanader bestimmte Jadranka Kosor, bisher seine Vize, als
Regierungschefin. Das gute Verhältnis der
beiden sollte sich bald
ändern. Die Zeit nach seinem Abgang
könne man in zwei Phasen teilen,
analysierte die Zeitung "Vecernji list".
Eine, in der er von der
Öffentlichkeit als mutiger Staatsmann, der
seinem Land nur Gutes
wollte, dargestellt wird. Und eine, die
von dunklen, nicht
nachgewiesenen Verwicklungen in zwielichtige Geschäfte überschattet
wurde.
Nach seinem Abgang versuchte der
Ex-Premier als der zu gelten, der
im Hintergrund die Fäden zog. Auch in
internen Sitzungen der HDZ,
deren Ehrenpräsident er wurde, spielte
er sich immer in den
Vordergrund, beklagten Regierungsmitglieder. Doch als Sanaders Name
in der Hypo-Affäre auftaucht, war
Schluss mit lustig. Sanader, der
angeblich 800.000 D-Mark Provision erhalten haben soll, weil er der
Hypo, beziehungsweise der Bayern LB den
Einstieg auf den kroatischen
Markt geebnet haben soll, wurde zum Geächteten.
Sein peinlicher Versuch Anfang des Jahres, die Macht in der
HDZ
wieder an sich zu reißen, scheiterte. Jadranka Kosor zog die
Konsequenzen, um ihre Position als Premierministerin zu verteidigen
und die Regierung vor dem Zerfall zu
bewahren: Sie schloss ihn
kurzerhand aus der HDZ aus. Besonders
entwürdigend für Sanader waren
wohl die Verbalinjurien aus der Zuschauermenge bei der Angelobung des
neuen kroatischen Präsidenten Ivo Joispivic im Februar 2010. Er wurde
als "Dieb" beschimpft. Danach verschwand Sanader aus dem Bild der
Öffentlichkeit.
Zahlreiche Affären nach Sanaders Abgang publik gemacht
Offenbar ist Sanader tatsächlich einigen wichtigen
Entwicklungen
in Kroatien im Weg gestanden. Nach seinem Abgang wurden zahlreiche
Affären bekannt - und Konsequenzen gezogen. Gleich Ende des Jahres
klickten die Handschellen für die Manager des Lebensmittelherstellers
Podravka. Sie hatten heimlich Podravka-Aktien gekauft und in einer
Offshore-Firma gelagert, um Podravka vor einer feindlichen Übernahme
zu schützen.
Ende März 2010 wurde auch Ex-Vizepremier und
Wirtschaftsminister
Damir Polancec wegen derselben Angelegenheit festgenommen. Dieser
sitzt auch noch wegen einer Affäre des Stromanbieters HEP, die im Mai
aufgedeckt wurde, in U-Haft.
Im November 2009 wurden Manager der
staatlichen Autobahnfirma HAC
hops genommen. Angeblich wollte Verkehrsminister Bozidar Kalmeta die
Firmenführung schon längst ablösen, doch Sanader soll seine
schützende Hand über sie gehalten haben. Sie sollen den Staat um 22
Millionen Kuna (3,06 Mio. Euro) geschädigt haben. Festnahmen gab es
auch in der Affäre um die kroatische Postbank (HPB), die angeblich
auf politischen Geheiß hin Kredite ohne Sicherheiten vergab und so
einen Verlust von 400 Millionen Kuna schrieb.
Ganz Kroatien fragt sich, wie es sein konnte, dass der
Regierungschef nicht darüber Bescheid gewusst hat - und vermutet
Sanaders Schuld. Aus ihrer jetzigen Position verstehe sie viel eher,
warum Sanader gegangen ist, sagte Kosor etwas kryptisch in einem
TV-Interview zu ihrem einjährigen Amtsjubiläum: "Eines Tages werde
ich sicher darüber sprechen." Das war ihr einziger Kommentar zu ihrem
Vorgänger.
Ihr hat der Abgang ihres
ehemaligen Chefs entschieden genutzt: Sie
wagte es, die Leichen aus dem Keller der HDZ, die
seit dem Krieg fast
ununterbrochen an der Macht war, zu
exhumieren und wurde dafür nicht
nur von der Bevölkerung gelobt, sondern
genoss bald auch
international den Ruf als Korruptionsbekämpferin.
Medien spekulieren über Gründung von Sanader-Partei
Ganz aus den Augen lassen Sanader die
Medien nicht. So spekulierte
das Magazin "Nacional" zuletzt darüber, ob Sanader nun doch die
politische Bühne wieder erklimmen und eine eigene Partei gründen
will. "Nacional" war es auch, das erfuhr, dass Sanader angeblich auch
eine Wohnung in New York gekauft habe. Allerdings nicht für sich,
sondern für seine Tochter, die dort ein
Schauspielstudium absolviert,
wurde sogleich Entwarnung gegeben.
Am Jahrestag schließlich machten Fotoreporter Jagd auf den
einst
wichtigsten Mann im Staat, erwischten ihn aber nicht. Oder nur zum
Teil: Seine Schuhe enttarnten den Flüchtenden jedoch als Ivo Sanader,
der vor den Fotografen Reißaus nahm. (APA)