'Müssen einzigartige Chance nutzen' - Bondscoach van Marwijk über "Schritt in Richtung Erfüllung unserer Mission" erfreut
Port Elizabeth - Der Kleinste ist in der niederländischen
Fußball-Nationalmannschaft zurzeit der Größte: Mittelfeld-Ass
Wesley Sneijder stellte beim Viertelfinal-Triumph der Elftal gegen
Brasilien (2:1) sowohl Bundesliga-Star Arjen Robben als auch die
Ballzauberer der Selecao in den Schatten. Ganz Holland verneigte
sich nach dem Einzug ins WM-Halbfinale gegen Uruguay vor dem nur 1,
70 m großen Spielmacher vom Champions-League-Sieger Inter Mailand,
der in dieser Saison seinen vierten Titel holen will.
'Wesley
war wieder großartig. Dass ausgerechnet der kleinste
Mann auf dem Feld das Spiel per Kopf entscheidet, ist schon etwas
Besonderes', sagte Teamkollege Dirk Kuyt. Der am Knie verletzte, am
Dienstag gegen die Urus aber wohl wieder einsatzbereite Verteidiger
Joris Mathijsen meinte: 'Dass er ein Tor mit dem Kopf macht, das
passiert nie wieder.' Sneijder selbst hatte nach seinem Siegtor mit
Köpfchen immer wieder ungläubig mit der Hand auf seinen
kahlrasierten Schädel geschlagen.
Während die Teamollegen
wegen des seltenen Kopfballtreffers
des Ballvirtuosen frotzelten und witzelten, war 'Man of the Match'
Sneijder überhaupt nicht zum Spaßen zumute. Der 26-Jährige ärgerte
sich noch am Samstag tierisch darüber, dass der Weltverband FIFA
den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich gegen den Rekordweltmeister
als Eigentor von Felipe Melo wertete. Dabei hatte der Pechvogel der
Brasilianer den Freistoß von Sneijder nur leicht mit dem Hinterkopf
touchiert, ehe er im Tor der Selecao einschlug.
'Wie viele
Tore habe ich gegen Brasilien erzielt? Natürlich
zwei! Für mich ist klar, dass ich bei diesem Turnier vier Treffer
und nicht drei auf dem Konto habe. Das sollte auch die FIFA
anerkennen', sagte Sneijder. Am Sonntag setzte die Technische Studiengruppe der FIFA den Rat in die Tat um und sprach dem Niederländer auch den zweiten Treffer zu.
'Das ist unglaublich.
Wir stehen unter den letzten Vier und
schlagen Brasilien 2:1. Jetzt müssen wir unsere einzigartige Chance
nutzen', sagte Sneijder, dessen bisherige Leistungen bei der WM in
Südafrika auch seinen sonst recht nüchternen Trainer Bert van
Marwijk zum Schwärmen verleiteten. 'Wesley ist in herausragender
Form. Wir hoffen, dass er auch gegen Uruguay so weitermacht', sagte
Bondscoach van Marwijk.
"Oranje zeigt den Schwung eines Weltmeisters", urteilte das
"Allgemeen Dagblad" und "De Telegraaf" jubelte über das "Wunder von
Port Elizabeth": "Bondscoach Bert van Marwijk ist nur noch zwei Siege
von der Erfüllung seiner Mission entfernt: Weltmeister werden!" Seit
24 Länderspielen sind die Niederländer bereits ungeschlagen. Das
letzte Negativerlebnis datiert von 6. September 2008, einem 1:2 gegen
Australien im zweiten Spiel unter Van Marwijk.
Seit dieser die Niederländer nach der EURO 2008 von seinem
glücklosen Vorgänger Marco van Basten übernommen hat, hat das mit
Stars gespickte Team eine erstaunliche Entwicklung erlebt. Früher als
glücklose Ballzauberer verspottet, zeigen die "Oranjes" jetzt jene
Tugenden, die einen Weltmeister ausmachen. Weiter spielstark, aber
vor allem kampfkräftig, gut organisiert und mit festem Glauben in die
eigene Stärken.
"Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir haben eine Mission:
Weltmeister werden", meinte Van Marwijk, der sich nach dem
Schlusspfiff minutenlang mit Co-Trainer Frank de Boer in den Armen
gelegen war. "Ich bin oft ausgelacht worden, aber heute haben wir
einen wichtigen Schritt in Richtung Erfüllung unserer Mission
gemacht."
Damit die beachtliche Erfolgsserie der
Niederlande von nunmehr
fünf WM-Siegen in Folge auch gegen die unberechenbare Celeste nicht
reißt, hofft van Marwijk vor allem aber auch darauf, dass Angreifer
Robin van Persie (Armverletzung) und Abwehrchef Joris Mathijsen
(Knieprobleme) einsatzbereit sind. Beide mussten am Samstag in ein
Krankenhaus in Johannesburg, um sich noch einmal genauer
untersuchen zu lassen.
(SID/APA/red)