Machtstrukturen in Kirche, Schulsystemen und in der Familie ermöglichen Missbrauch - Die traumatisierten Opfer brechen oft erst nach Jahrzehnten ihr Schweigen
Früher habe ich es selbst nicht geglaubt: Wieso kommen da erwachsene Menschen von 40 oder 50 Jahren daher und behaupten auf einmal, vor 30 Jahren oder vor noch längerer Zeit missbraucht worden zu sein? Können die das nicht gleich sagen?
Nein, können sie nicht. Leider. Kindesmissbrauch scheint für den Betroffenen so traumatisierend, so schwer nachweisbar wie beispielsweise Vergewaltigung in der Ehe. Wie haben wir damals gelacht: Muss bei einer Strafanzeige wegen Vergewaltigung in der Ehe der Richter zur Tatortbesichtigung mit Nachstellung des Tatvorganges? Das Lachen ist mir inzwischen vergangen.
Seit die Missbrauchsfälle in der Kirche zur Sprache gekommen sind, greift die Missbrauchsdebatte um sich: Missbrauch in Internaten, Schulen, Heimen, Anstalten, in der Sport- und der Musikerziehung, in der Otto-Muehl-Kommune, bei Behinderten und Abhängigen. Auf den ersten Blick erinnert das an die lawinenartige Ausbreitung der "multiplen Persönlichkeiten" , die in den 80er-Jahren, als das Phänomen in Amerika um sich griff, in Frankreich, Italien etc. so gut wie unbekannt waren. Und auch in Amerika ist die Zahl der Betroffenen (bis 1980 waren nur 200 Fälle bekannt) erst sprungartig angestiegen, nachdem eine Betroffene einen Bestseller darüber geschrieben hatte, der in allen Medien besprochen worden war. Ist damit ein Phänomen aufgedeckt worden, das es immer schon gab, oder ist das Phänomen damit erst erfunden worden? Ich behaupte, das ist egal. Wer immer mehr verschiedene Persönlichkeiten in sich mit verschiedenen Stimmen und Biografien sprechen lässt, hat einen Grund dafür. Vielleicht hätte sich der Anlass sonst anders geäußert, vielleicht hätten sich Betroffene, statt zwanzig Persönlichkeiten zu entwickeln, umgebracht.
Auch bei den Missbrauchsfällen könnte man so argumentieren: Menschen, die sich verletzen, Panikattacken haben, Schlafstörungen usw., und das seit ihrer Kindheit, werden einen Grund dafür haben. Wenn sie, was ihnen in bestehenden Machtstrukturen angetan wurde als körperlichen Missbrauch schildern, haben sie zumindest ein Bild für ihr Leid gefunden.
Macht und Missbrauch
Der Unterschied zum Phänomen der multiplen Persönlichkeit ist nur: Beim Missbrauch haben wir einen (oder mehrere) konkrete Täter, der oder die ganz konkret eines Verbrechens beschuldigt wird oder werden. So etwas muss in einem Rechtsstaat bewiesen werden. Mir ist noch der Fall eines deutschen Kindergärtners in Erinnerung, der einen ganzen Kindergarten missbraucht haben soll, bis sich am Ende herausstellte, dass die Kinder in den Befragungen von Erwachsenen beeinflusst worden sind, für die der Missbrauch bereits vorher feststand. Und wie wir zum Beispiel in der Kriminalistik von Gegenüberstellungen wissen, beeinflusst allein die Aussage, dass unter zehn Verdächtigen der Bankräuber ist, die Erinnerung an den Bankräuber. 80 Prozent der Zeugen erkennen plötzlich einen Verdächtigen, den sie, wenn sie von sich aus ungestört berichten, in keiner Weise beschreiben können. Der Kindergärtner war natürlich für sein Leben erledigt. Sein Fall war dann lange Zeit Argument, Missbrauchsvorwürfe nicht ernst zu nehmen.
Oder der Wormser Prozess (1993-1997), in dem 25 Personen aus Worms und Umgebung des massenhaften Kindesmissbrauchs angeklagt und schließlich freigesprochen wurden. Auslöser war ein Scheidungsverfahren. Auch er wurde zum Argument, Missbrauchsvorwürfe nicht ernst zu nehmen. Rachsüchtige Mütter kamen ins Spiel, die ihren Exmännern eins auswischen wollen. Anderseits werden in der Regel die Mütter als Komplizinnen oder als Wegschauende angeklagt. In einer Familie, in der die Mutter ihrer Aufsichtspflicht nachkommt, in der sie anwesend ist, heißt es, könne so ein Missbrauch durch den Vater gar nicht vorkommen. Ja, man sollte den Frauen die Schulbildung verbieten und die Berufsausübung, damit die Männer nicht zu Verbrechern werden müssen.
Einspruch: Ist Missbrauch überhaupt ein Verbrechen? Noch 1948 und 1953 gingen die Autoren des legendären Kinsey-Reports davon aus, dass merkliche Schäden für das Kind durch sexuellen Verkehr mit Erwachsenen allenfalls zu befürchten seien, wenn sich dessen Eltern anschließend irritiert zeigten. Stattdessen ging man davon aus, dass es meist die Kinder selbst seien, die Erwachsene zu Sex verführen, das Kind folge damit "unbewusstem Begehren".
Vieles von dieser Denkweise hat sich bis heute erhalten. Die Untersuchungen und Überlegungen zum Missbrauchsdelikt schwanken immer noch zwischen Urteilen und Vorurteilen über irritierte Eltern, die die Opfer erst zu Opfern machen; wegschauende Mütter, die doch nicht nichts gemerkt haben können; Kinder, die selbst sexuell provozieren; den Missbrauch nur fantasierende, weil hysterische BorderlinerInnen und NarzisstInnen, die sowieso lügen wie gedruckt; die Abscheu vor Missbrauchstätern, die so groß wird, dass sie überall vermutet werden, und die Scham, über das Ganze überhaupt zu sprechen. Haben wir es bei der Fülle von Missbrauchsberichten in letzter Zeit mit Hysterie zu tun oder nicht?
Ich glaube nicht. Denn die neueste Welle von Missbrauchsdelikten ist leider nicht neu. Immer wieder sind in den letzten 20 Jahren erschütternde Beispiele von Kindesmisshandlungen bekanntgeworden. Ich erinnere an den Fall des Universitätsprofessors Primar Dr. Franz Wurst, des ehemaligen Leiters der heilpädagogischen Abteilung im LKH Klagenfurt, eines bekannten Gerichtsgutachters, Kinderarztes mit eigener Praxis, betreuenden Arztes in verschiedenen Heimen, "Papst der Kinderheilkunde" , der abhängige und behinderte Kinder jahrelang missbraucht hat. Aufgeflogen ist die Sache, nachdem die Kriminalpolizei aufgedeckt hat, dass er einem seiner Schutzbefohlenen den Auftrag zum Mord an seiner Ehefrau gegeben hat. 38 Opfer sexuellen Missbrauches wurden vom Land Kärnten finanziell entschädigt. Bereits am Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind Fälle in Irland und England bekanntgeworden, in denen Ministranten, Heimkinder, Abhängige von Amtsträgern der katholischen Kirche missbraucht, gequält und sogar getötet wurden, die Kinder-Sexopfer in Belgien sind noch in Erinnerung, in letzter Zeit tauchen Berichte und Bücher von missbrauchten Heimkindern in der ehemaligen DDR auf. Also Missbrauch in autoritären Systemen?
Das Beispiel der ehemals berühmten deutschen antiautoritären Odenwaldschule zeigt, dass Machtmissbrauch und autoritäres Verhalten nicht unbedingt zusammengehören. Oder umgekehrt: Dass Macht auch in antiautoritären Systemen eine Rolle spielt. Okay, aber was ist eigentlich Missbrauch, wo sind die Grenzen zwischen liebevoller, auch körperlicher Zuwendung und Missbrauch? Eine gute Bekannte von mir, Kinder- und Jugendpsychologin, definiert Missbrauch so: Geistiger oder sexueller Übergriff eines Älteren auf ein Kind, einen Jugendlichen oder eine abhängige Person.
Deshalb legt wahrscheinlich, gemessen an den Sexualdelikten, die Ausgang für die neueste Missbrauchsdebatte waren, die Psychologin und Leiterin des Kinderschutzzentrums Die Möwe, Hedwig Wölfl, Wert auf die Bezeichnung "sexuelle Gewalt" . Aber mir scheint die allgemeine Definition doch nützlich. Weil ich glaube, das eine und das andere gehören zusammen. Sobald ältere und jüngere Menschen zusammenkommen, stellt sich das Machtproblem. Wo weiß ein Älterer einfach nur mehr, und wo beginnt er das auszunützen? Aber wo beginnt der Missbrauch? Meine Bekannte, die Kinder- und Jugendpsychologin, meint, der Missbrauch beginne bei einem Altersunterschied von vier bis fünf Jahren. Also die beiden Fünfjährigen, die Doktor spielen, sind auf demselben Niveau, aber der Achtjährige, der die Vierjährige zum Doktorspielen überredet, nutzt bereits die relative Naivität der Vierjährigen aus. Das Maß des Übergriffs nimmt mit zunehmendem Alters- und Wissensunterschied zu. Auch der Status des Älteren spielt eine Rolle: Ein allseits verehrter Lehrer wie der berühmte Reformpädagoge Gerold Becker - wieder ein "Papst" , diesmal der Reformpädagogik - in der Odenwaldschule oder ein Primar Wurst - Primare werden ja oft als Götter in Weiß bezeichnet - oder ein Priester, der mit Gott in direktem Zusammenhang steht oder der Vater, der selbst eine Art Gott ist, werden Schlimmeres anrichten als der Achtjährige, der die Vierjährige verführt.
Alles natürlich, oder?
Ich erinnere mich, dass es in der antiautoritären Szene der 1968er- Jahre die Debatte gab, warum Sex mit Kindern strafbar sein sollte. Naturvölker wurden angeführt, bei denen der Geschlechtsverkehr oder zumindest die sexuelle Stimulierung der Kinder und Jugendlichen durch die Erwachsenen gang und gäbe sein soll. Alles natürlich, oder? Nein, ich glaube, gar nicht natürlich. Erlaubt ist nicht, was dem Einzelnen gefällt, sondern ich spreche jetzt von kulturellen Unterschieden, zunächst einmal davon, was gesellschaftlich erlaubt ist. Ich kann mir vorstellen, dass, wenn es so ist, dass es Naturvölker gibt, die sexuelle Beziehungen zum Beispiel mit den eigenen Kindern gestatten, es eine kindliche Gesellschaft sein muss, die die Unterschiede zwischen den Alters- und Statusgruppen verwischt. Wenn rundherum alle es tun, ist der Einzelne, selbst wenn es ihm nicht angenehm sein sollte, nicht allein mit Schuld, Scham und Schande wie bei uns.
Ja, Machtstrukturen und Missbrauch hängen zusammen. Die höchste Dunkelziffer an Missbrauchsdelikten liegt in der näheren Umgebung des Opfers, in der Familie. 98 Prozent der Täter sind angeblich (noch) Männer. Es ist ja gerade erst einen Wimpernaufschlag lange her, dass der Vater nicht mehr das Züchtigungsrecht an Frau und Kindern hat. Wer viel Macht hat, hat auch viele Möglichkeiten. Auch die des Vertuschens. Das wissen wir hinlänglich aus Politik und Wirtschaft. Und Macht verlangt Kontrolle.
Die Machtstrukturen in Kirche, Erziehungssystemen und Familie rücken also in den Mittelpunkt der Betrachtungen. In allen drei Fällen haben wir es mit relativ geschlossenen Systemen zu tun. Das scheint mir wichtiger als beispielsweise die Diskussion um die Aufhebung des Zölibats, was die kirchlichen Missstände angeht. Erstens sind auch evangelische Geistliche unter den Tätern, und zweitens spielen sich ja die weitaus häufigeren Delikte im Nahbereich der Familie ab. Und da müsste man in Analogie zur Aufhebung des Zölibats die Ehefrauen wieder zum sexuellen Verkehr mit ihren Ehemännern verpflichten, damit ihre Männer nicht in sexuellen Notstand kommen, den sie dann an ihren Kindern ausleben.
Wie wir aus der Psychologie wissen, gibt es drei Typen von Missbrauchstätern: den soziopathischen, den pädophilen und den regressiven Typ. 90 Prozent der Täter bei sexueller Gewalt sind regressiv, also weder pädophil noch sadistisch. Der Anteil an soziopathischen und pädophilen Tätern dürfte unter Geistlichen nicht größer sein als in anderen Gesellschaftsschichten. Der regressive Täter geht in seinem Selbstbild von Liebe aus. Lieblingsschüler, Lieblingsministrant, Lieblingstochter oder -sohn, und er ist viel geeigneter als jeder andere, den Lieblingsschüler oder die Lieblingstochter in die Liebe einzuführen. Die Gewalt liegt hier in der Störung der Integrität einer Person und in der vom Täter stets verordneten Schweigepflicht.
Der Lieblingsschüler, -ministrant oder -sohn wird nach einer gewissen Vorbereitungsphase, in der er durch Lob, Geschenke, besondere Zuwendung eng an den Täter gebunden werden, missbraucht. Sowohl Wurst als auch Becker haben Bücher über die liebevolle Zuwendung an Kinder geschrieben. Ein Titel von Becker ist Bildung Macht Verantwortung, das hat er wohl nicht wirklich zu Ende gedacht, Franz Wurst veröffentlichte Wir und das Fremde. Wohl wahr!
Die Rechtfertigung des Täters lautet: Das Kind hat das selbst provoziert, das Kind wollte die sexuelle Zuwendung selbst, Sexualität ist etwas ganz Normales usw. So wird aus einem Verbrechen ein Kavaliersdelikt. Heute wird davon ausgegangen, dass jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge mit Missbrauch in Berührung gekommen ist. In Österreich werden im Jahr etwa 700 Missbrauchsfälle an unter 14-Jährigen zur Anzeige gebracht. Wer anzeigt, missbraucht worden zu sein, hat ein Recht auf Strafverfolgung, sowie derjenige, der einen Diebstahl anzeigt, auch wenn es Diebstähle gibt, die sich als Versicherungsbetrug herausstellen.
Bis 1971 ging man davon aus, dass Kindesmissbrauch keine Persönlichkeitsstörungen hervorruft. Möglicherweise hängt diese Meinung auch damit zusammen, dass die Rechte der Kinder als letzte Menschenrechte ausgesprochen wurden, lange erst nach den Rechten beispielsweise der Mägde und Knechte, die bis 1979 (!) von ihrer Herrschaft gezüchtigt werden durften. Erst 2000 wurde die "Ächtung von Gewalt in der Erziehung" ausgesprochen. Der Erwachsene hat immer Macht über Kinder. Aber es ist eine Macht, die von dem Erwachsenen kontrolliert sein muss, sonst muss sie dem erwachsenen Priester, Lehrer, Erzieher, Psychiater, Arzt oder Vater entzogen werden.
Denn jeder Missbrauch hat eine Störung des Ich-Begriffs zur Folge. Habe ich selbst jemanden verführt, habe ich mich aufreizend benommen, warum habe ich das mit mir machen lassen, ist mir nicht aufgefallen, wohin die Sache sich entwickelt, war ich zu feig zu widersprechen, oder hat mir das Ganze vielleicht unterschwellig Spaß gemacht. Dazu kommt ein Gefüge von Bedrohungen, Erpressungen, Bestechungen, Lügen vonseiten des Täters. Schweigen ist oberstes Gebot. Kinder haben, das wird oft übersehen, ein hohes Verantwortungsgefühl. Sie wollen dem Lehrer, Priester, Vater nicht schaden. Sie wollen nichts zerstören, schon gar nicht die eigene Familie.
Es kommt bei Missbrauchsopfern zu Entwicklungsstörungen. Die Integrität der Persönlichkeit wird zerstört. Die Opfer lehnen in der Folge ihren eigenen Körper ab, weitere Folge sind selbstdestruktives Verhalten, Weglaufen, unklare Körperbeschwerden, dissoziative Störungen, gestörte Bewegungsfunktionen mit Lähmungen, Krampfanfällen (ähnlich der Epilepsie), Schlafstörungen, Zwangshandlungen, Haut- und Magenkrankheiten, Essstörungen, Panikattacken, Suizide.
Die - inzwischen vollständig belegten - Spätfolgen des Kindesmissbrauchs weisen diesen als Verbrechen aus. Die Probleme mit dem Missbrauch sind allerdings, dass die wenigstens Fälle angezeigt werden, dass sie meist lange zurückliegen, und, zu allem Überfluss, dass es in den wenigsten Fällen Beweise gibt.
Bei keinem anderen Strafdelikt ist die Strategie der Täter so aufgegangen wie bei den Missbrauchsdelikten. Die weitaus größte Anzahl der Täter ist nicht pädophil oder sadistisch, sondern regressiv. Die Vorbereitungen des Missbrauchs werden als Liebesbeweise getarnt. Kommt es dann zu Berührungen, wird das Opfer in seinen Gefühlen verwirrt, es soll das Gefühl haben, selbst verantwortlich zu sein, alles ist normal.
Das erschwert die Mitteilung der Kinder über den Missbrauch, und es erschwert die Beweislage. Denn was kann man in so einem Falle, besonders wenn er eben dreißig Jahre zurückliegt, schon beweisen? Meistens gar nichts. Eher noch in Heimen, Anstalten und Internaten, ob kirchlich oder nicht, als in Familien. Im ersten Fall gibt es trotz allem mehr Zeugen. Im zweiten ist die Schamgrenze niedriger. Erstaunlich ist, dass in letzter Zeit so viele Beschuldigte ihre Schuld sofort zugeben. Ich bin gespannt, bis der erste Fall bekannt wird, in dem sich ein Priester zu einem Missbrauch bekannt hat, den er gar nicht begangen hat. Die menschliche Seele ist eine vertrackte Angelegenheit. Sie wird nicht einfacher durch Zölibat und Schuld und Sühne. Aber so ist der Mensch. In jeder Verbrechensart gibt es unschuldig Verurteilte. Aber nirgends sind sie so sehr zur Rechtfertigung der Schuldigen geworden wie beim Missbrauch. "Du bringst deinen eigenen Vater, Bruder, Onkel ins Gefängnis" ist wohl die größte Drohung, die man einem Kind machen kann. Und damit arbeitet jeder, der Missbrauch betreibt. Auch in Odenwald. Es ist der Verrat, der als Drohung im Hintergrund steht. Je enger die Beziehung des Abhängigen vom Täter, desto größer der Verrat. Deshalb gibt es auch keine Anzeigepflicht bei Missbrauch. So einen Verrat muss ein Mensch verkraften können.
Wir werden heute aufgefordert, erste Zeichen von Missbrauch ernst zu nehmen. Wie aber erkennt man Missbrauch rechtzeitig, was sind die Zeichen, da ja die Kinder selbst, die erstens an sich sehr loyal sind und zweitens Angst haben und zum Schweigen aufgefordert werden? Die Anzeichen reichen von Bettnässen, Verschlechterung der Schulergebnisse, sozialem Rückzug, sexualisiertem Verhalten bis zu plötzlich auftretendem Stammeln oder Stottern. Aber stellen Sie sich vor, Ihr Kind wird plötzlich in der Schule schlechter oder beginnt zu stottern? Wer käme auf die Idee, gleich den Pfarrer oder Lehrer zu verdächtigen? Besonders prekär in der Familie. Die Mutter müsste praktisch davon ausgehen, dass der Mann, den sie geliebt und geheiratet hat, ein potenzieller Kinderschänder ist, den sie ständig im Auge haben müsste. Die Anzeichen lassen sich fast immer nur rückblickend deuten.
Wir müssen uns wohl auf erfahrene Psychologen und Psychiater verlassen, die die Symptome deuten können - und auf kompetente Befragungsmethoden und wissenschaftlich fundierte "Realkennzeichen" für Missbrauch.
Ein Sechzehnjähriger, der sich später umgebracht hat, hat mir gegenüber einmal geäußert, dass er Missbrauch und Vergewaltigung schlimmer fände als Mord - weil ein Mordopfer, sagte er, wenigstens tot sei, aber ein Opfer von Missbrauch oder Vergewaltigung ein Leben lang damit leben müsse. Ich habe ihm natürlich widersprochen, ein Missbrauchs- oder Vergewaltigungsopfer kann den Missbrauch oder die Vergewaltigung bewältigen oder zumindest damit leben lernen, aber tot ist tot. "Ja" , hat er gesagt.
Mir ist es egal, ob eine Art Massenhysterie im Spiel ist bei den vielen Missbrauchsdelikten, die in letzter Zeit auftauchen - und täglich werden es mehr -, ich sehe nur den unschätzbaren Nutzen für reale, potenzielle und zukünftige Opfer: Sie sind nicht mehr allein, und die realen, potenziellen und zukünftigen Täter bekommen hoffentlich Angst, dass doch alles auffliegen könnte, auch wenn sie ihrer Macht und ihres Schweigegebotes noch so sicher sind. (Margit Schreiner/ DER STANDARD/Album, Printausgabe, 3./4.7.2010)
Margit Schreiner, geb. 1953 in Linz, ist Schriftstellerin. Sie lebte in
Tokio, Berlin, Italien und ist seit 2000 wieder in Österreich. Zuletzt
erschien von ihr Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?
(Schöffling-Verlag, 2008)